Zehn Minuten sind schnell vorbei. Wenn aber ein Unfallopfer auf Hilfe wartet, können sie entscheidend sein. Am letzten Julitag kollidierte in Wenslingen ein Auto mit einem Postauto. Die Lenkerin wurde dabei schwer verletzt in ihrem Wagen eingeklemmt (die bz berichtete).

Während der Feuerwehrverbund Wenslingen-Oltingen schnell vor Ort war, benötigten die Rettungssanitäter der Sanität Liestal, die mit zwei Wagen ausgerückt waren, verständlicherweise länger. Allerdings: «Einer der Krankenwagen nahm einen Umweg», sagt Christian Börlin, stellvertretender Kommandant der Wenslinger Feuerwehr.

Börlin hat bemerkt, dass die Sanitäter – statt von Gelterkinden direkt über Tecknau nach Wenslingen zu kommen – die Route über Ormalingen, Rothenfluh, Anwil und Oltingen gewählt hätten.

Börlin schätzt, dass dies einen Umweg von zehn Minuten bedeutet. Auch sein Chef, Kommandant Michael Buess, bestätigt dies. Und er geht noch weiter: «Im letzten halben Jahr nahm die Sanität sicher schon dreimal den längeren Weg nach Wenslingen oder Oltingen. Und ich kenne weitere Geschichten aus dem ganzen Oberbaselbiet.»

Das Fazit der beiden: «Die Rettungssanitäter kennen unseren Kanton nicht mehr. Sie brauchen dringend Nachhilfe.»

Die Hälfte des Teams sind Deutsche

Von der bz mit diesen Vorwürfen konfrontiert, bestätigt die Sanität Liestal, dass es beim Unfall vom 31. Juli tatsächlich einen Navigationsfehler gegeben hat.

«Einer der beiden Wagen hat bei Gelterkinden die Abzweigung nach Tecknau verpasst», sagt der ärztliche Leiter des Kantonsspitals Liestal, Wolfgang Studer. Der Fahrer habe dies nach dem Einsatz selbst zu Protokoll gegeben.

Er habe dadurch fünf bis acht Minuten länger gebraucht, nicht zehn. Weshalb der Fahrer die Abzweigung verpasst hat, kann Studer nicht genau sagen.

Thomas Schwander, Leiter der Sanität Liestal, präzisiert: «Der Wagen war zum Zeitpunkt des Notrufs bereits in Gelterkinden unterwegs, wahrscheinlich weiter hinten im Dorf. Da hat er sich offensichtlich für den falschen Weg entschieden.»

Studer wie Schwander betonen, dass die Verzögerung für die verletzte Frau keine negativen Auswirkungen gehabt habe. Und sie weisen den Vorwurf der Wenslinger, dass dies regelmässig vorkäme, von sich.

«Andere Fälle sind uns nicht bekannt», so Studer. Sie würden allerdings nur registriert, wenn die Sanitäter dies vermerkten oder eine Beschwerde von aussen einginge.

Studer: «Was mich ernsthaft beunruhigt, ist, dass die Kommunikation zwischen den Rettungskräften nun über die Presse läuft. Von der Wenslinger Feuerwehr haben wir so weit ich weiss noch nie etwas zu hören bekommen.»

Börlin nennt als weiteres konkretes Beispiel einen Hausbrand in der Nacht auf den 22. Mai in Oltingen. Auch dort sei die Sanität über Anwil gekommen.

Die Wenslinger Feuerwehr hat einen Verdacht: «Die meisten Sanitäter sind mittlerweile Deutsche. Kein Wunder kennen sie sich bei uns nicht aus.» Schwander bestätigt zwar, dass unterdessen von 25 Rettungssanitätern neben 13 Baselbietern deren 12 Deutsche seien.

«Der Arbeitsmarkt für Rettungssanitäter ist schweizweit total ausgetrocknet.» Allerdings kämen die meisten aus dem grenznahen Raum und hätten zudem vor Liestal bereits anderswo in der Schweiz gearbeitet.

Und: «Gerade die Bezirke Liestal, Sissach und Waldenburg, die wir abdecken, sind mit den vielen kleinen Gemeinden ein komplexes Gebiet. Da braucht auch so mancher Baselbieter die technischen Hilfsmittel.»

Diverse Hilfsmittel werden genutzt

Aufgrund der Anfrage der bz testete Schwander zudem sein unvorbereitetes Team. Alle 13 Befragten hätten korrekt den Weg über Tecknau als den schnellsten angegeben.

In jedem Fahrzeug ist zudem ein GPS-Navigationsgerät mit der neusten Kartensoftware installiert. Auch dieses wähle jeweils den kürzesten Weg nach Wenslingen. Allerdings merkt Schwander an, dass es nur einmal jährlich aktualisiert werde. «Neuste Gebäude oder Strassenzüge fehlen dort natürlich.»

Sollte das Navi versagen, lesen die Sanitäter die schnellste Verbindung von einer Hilfstabelle ab. Zusätzlich trägt jeder das neue digitale Funksystem «Polycom» sowie ein normales Handy bei sich. «Wir sind also mehrfach abgesichert», sagt Studer.

Schwander nimmt die Kritik aber durchaus ernst: «Ich habe einen Mitarbeiter beauftragt, sich Gedanken zu machen, wie wir unser Team bei den Strassenkenntnissen noch besser weiterbilden können.» Dies müsse aber in der Freizeit geschehen, da bei den offiziellen Kursen die medizinische Weiterbildung Priorität habe.

Dem fehlenden heimischen Rettungssanitäter-Nachwuchs begegnet Liestal derweil, indem es seit Anfang Jahr als Weiterbildungsstätte akkreditiert ist.