Wer bei Robotern an mechanische Arme denkt, die sich so rasch bewegen, dass man Arbeiter innerhalb der Fabrikhalle mit Zäunen davor schützen muss, erschlagen zu werden, liegt bei Accounto Technology AG im Sissacher Gewerbegebiet falsch. Da bewegt sich nichts. Doch auch hier nimmt das noch im Brutkasten liegende Roboterbaby den Menschen Arbeit ab – Denkarbeit, die als langweilig verschrien ist und doch fehlerfrei gemacht sein muss: Buchhaltung.

Technologische Umbrüche und neue Geschäftsfelder sind Alain Veuves Leidenschaft: Als Berater für Digitalisierung und daraus resultierende Geschäftsmodelle führt er einen Blog unter dem Motto «Technology, Business, Society, Perpetual Change», hält Vorträge an Universitäten und auf Konferenzen. Nicht zuletzt arbeitet er in Sissach mit dem vor einem Jahr gegründeten Start-up Accounto Technologies an der Umwälzung der Buchhaltungs- und Treuhänderbranche. «Schweizer KMU geben jährlich zwölf Milliarden Franken für Buchhaltung aus», berichtet Veuve. «Diese Kosten kann man um mindestens 80 Prozent senken.»

Selbstständige Software

Für das technische Know-how ist Veuves Mit-Inhaber und -Gründer Jan-Henrik Heuing zuständig. Kern der Technologie ist Mathematik: Die Software analysiert Datenreihen, sucht diese nach wiederkehrenden Mustern ab und entwickelt daraus automatisierte Abläufe. Sie merkt also mit der Zeit, dass in der Firma X monatlich Zahlungen auf das Privatkonto einer Mitarbeiterin, an AHV und IV, die Pensionskasse, die Arbeitslosenversicherung etc. gehen und kapiert, dass sie diese Transaktionen unter «Personalkosten» verbuchen muss.

Ziel ist also nicht ein weiteres Buchhaltungsprogramm – «diese gibt es wie Sand am Meer», sagt Veuve –, sondern ein Programm, das die Buchhaltung selbstständig macht. Der Kern dieser Maschine ist bereits in Betrieb. Accounto bietet nämlich als Technologie-Entwickler bereits heute KMU an, ihre Buchhaltung zu übernehmen, und ist für diesen Geschäftszweig auch Mitglied des Schweizer Branchen-Verbands Treuhand Suisse.

Die Maschine lernt in der Praxis

Eine dreistellige Zahl an KMU-Kunden sorgt nun für den nötigen Datenverkehr, aus dem der Roboter lernen kann. Wie ein Spital Fallzahlen braucht, um in medizinischen Feldern Kompetenz zu entwickeln, benötigt er Beispiele aus der Praxis, um zu lernen.
«Wichtig sind die Zweifelsfälle», berichtet Veuve. Die Software markiert diese und sie werden manuell durch die Accounto-Mitarbeitenden kontrolliert. Dabei lernt die Maschine jeweils dazu – bis sie weiss, dass sie die Taxiquittung aus Potsdam oder die Hotelrechnung aus Murcia aufs Spesenkonto buchen muss. «Insbesondere die automatische Erkennung der Belege ist anspruchsvoll», erklärt Veuve.

Nach drei bis vier Millionen Buchungen soll der Roboter dann ausgelernt haben. Allerdings ist Veuve vorsichtig mit konkreten Aussagen über ein Ende der Entwicklung: «Je mehr man kann, desto mehr möchte man können», meint er, der «Perpetual Change» – ständigen Wandel – im Blogtitel führt. Führt die Maschine dereinst die Buchhaltung eines Handwerksbetriebs oder eines Detailhändlers fehlerfrei bis hin zum Abschluss und der Steuererklärung, so werde sicher der Gedanke auftauchen, sich an Konzernbuchhaltungen zu versuchen.

Gesellschaftliche Folgen

Und wenn es aus irgendeinem Grund dann doch nicht funktioniert? Weltweit würden zwar nur wenige ernsthaft in diesem Bereich an Lösungen arbeiten, meint Veuve, der sich auch an anderen Technologie-Start-ups beteiligt. «Aber die Chancen sind zu gut und der angepeilte Markt zu gross, um es nicht zu versuchen.» Und was ist mit den weggesparten Arbeitsplätzen? «In KMU findet man in den meisten Fällen ein interessanteres Betätigungsfeld. Auch Treuhänder können sich von Routinearbeit entlasten und auf die spannenderen Beratungen konzentrieren.» Accounto habe auffallend viele Anfragen von Treuhändern.

Dass Alain Veuve gemäss seinem Blog für die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens stimmte, hat nicht damit zu tun, dass Roboter den Menschen die Jobs wegnehmen. Dies hält er für ein Gerücht. Vielmehr würden mehr Leute mit guten Ideen mit der Absicherung durch ein Grundeinkommen es wagen, sich mit guten Ideen selbstständig zu machen. Denn Veuve ist überzeugt: «Es werden neue Aufgabenfelder entstehen, und neue Bereiche werden unsere Arbeit brauchen. Doch ist Arbeit nicht per se gleichzustellen mit Jobs, wie wir sie heute kennen.»