Ein schwer krebskranker Arzt wandte sich an Rolf Sigg, Pfarrer und Mitbegründer der Sterbehilfeorganisation Exit. Der Arzt war gewillt, seinem Leiden ein Ende zu setzen. Sigg stellte ihm am vereinbarten Termin ein Glas mit dem tödlichen Mittel auf den Nachttisch und der Arzt trank dieses aus. Die Worte der Dankbarkeit, die dessen Frau nach der Freitodbegleitung ihres Mannes aussprach, sind dem 95-Jährigen in Erinnerung geblieben. Die Witwe beschrieb Sigg, dass sie den Tod ihres Mannes als sehr friedlich und würdevoll empfunden habe. Ein kurzes Lächeln erscheint auf seinem Gesicht, in dessen weichen Zügen die Zeichen einer Zeit liegen, in der viele oft gegen ihn waren. Eine Zeit, in der er seine Ideologie stets verteidigen musste.

Bester Freund hatte Krebs

«Mein bester Freund erkrankte 1972 an Krebs», sagt Sigg und hält kurz inne, blickt zur Decke. «Er war in einem entsetzlichen Zustand. Ich war hilflos, ich wollte ihm doch so gerne helfen. Aber das war unmöglich.» Er wäre damals zu allem bereit gewesen, um dem Freund zu helfen, die Qualen zu lindern, beschreibt Sigg in seiner 1998 erschienenen Denkschrift, auf die er während des Gesprächs mit der bz oft verweist.

«Mir wurde bewusst, dass würdevolles Sterben bedeutet, den Sterbenden ernst zu nehmen», sagt Sigg. Der gebürtige Zürcher sitzt auf dem cremefarbenen Sofa in seiner Bottminger Wohnung und spricht mit tiefer, ruhiger Stimme. Vor etwa dreissig Jahren sah er ein Inserat in der Zürcher Zeitung, mit dem Menschen für den Aufbau einer Sterbehilfsorganisation gesucht wurden. Er habe nicht gezögert und sich sofort gemeldet, sagt er mit Nachdruck.

Würdig Abschied nehmen als Ziel

Begleitet von seiner Frau begann Sigg 1985 mit den Freitodbegleitungen, ehrenamtlich. Mitleid habe er für diese Menschen empfunden, sich in ihre Lage eingefühlt, sagt er. Aus Mitleid wurde später Komplizenschaft mit den Sterbenden. Sigg beschreibt sich als Freitodbegleiter, der einem Menschen zu einem würdigen Abschied verhelfen kann. Angst vor dem Tod habe er keine. Die Akzeptanz der Sterbehilfe nehme in der Bevölkerung stets zu. Er beugt sich ein wenig nach vorn und unterstreicht seine Worte mit Gesten. «Ich habe viel gekämpft dafür», sagt er. Als er später die Geschäftsführung von Exit übernommen habe, sei die Mitgliederzahl von 2500 auf 65000 Mitglieder gestiegen.

Glauben ist kein Widerspruch

In seiner ehemaligen Tätigkeit als Pfarrer und in seinem Glauben sieht Sigg keinen Widerspruch zum Freitod. Er vertrete kein dogmatisches Christentum. Das biblische Gebot «Du sollst nicht töten» wird ihm von Kritikern oft vorgehalten. Dies sei aber nicht auf den Freitod zu beziehen, betont Sigg. Im Freitod stehe die freie Wahl des Sterbenden im Vordergrund. «Ich habe den Menschen immer die Wahl gelassen, abzubrechen.» Das sei jedoch nie vorgekommen, sagt Sigg. Menschen werden von Exit nur in den Freitod begleitet, wenn ein ärztliches Zeugnis deren unzumutbare Gesundheitslage belege, betont Sigg. Es gefalle ihm gar nicht, wenn gesunde Menschen aus einer momentanen Verzweiflung heraus den Freitod suchen. Denn Selbstmordgedanken können in vielen Fällen überwunden werden, weiss Sigg aus seiner Erfahrung als Psychotherapeut. Sigg ist geehrt, für den «Prix de Courage» nominiert zu sein. Den «Beobachter» kenne er aus Kindestagen, damals sei er gefüllt mit Gutscheinen gewesen, sagt er und lacht. Lebensfreudig ist der Mann, der dem Tod so oft begegnet ist, in jedem Fall.