Davon träumte Nils Henn schon als kleiner Junge, als er jeweils seinen Vater an den Liestaler Banntag begleiten durfte: Dereinst wie Crispinus Strübin auf dem Podest zu stehen und zu den über 200 Mannen und paar Buben zu reden. Strübin, legendärer Liestaler Lehrer und Politiker, war damals Chef der ersten Rotte. Mittlerweile ist Henn selbst zu einem Banntagsurgestein geworden: Am kommenden Montag führt er an seinem 48. Banntag die erste Rotte zum fünften Mal als Chef an und ist damit von den amtierenden Rottenchefs der dienstälteste.

Und auch bezüglich «der grössten Herausforderung eines Banntags» hat er sich Routine zugelegt: Lange vor einem Bannumgang beginnt er, Eindrücke und Beobachtungen zu sammeln, von denen er denkt, dass sie seine Mannen an der traditionellen Ansprache beim Znünihalt interessieren dürften. Das macht er nach eigenem Muster: «Ich mache keine Notizen. Was ich vergesse, war es auch nicht wert, am Banntag erwähnt zu werden.»

 

Bilder vom Banntag in Liestal 2017

Basel wird geschont

Trotzdem hat der 55-Jährige in den letzten Tagen bei der Vorbereitung seiner Rede offensichtlich gelitten. Henn: «Es ist schlimm dieses Mal, denn es ist nichts passiert. In Liestal scheint alles gut zu sein. Es wird gebaut, wir dürfen die Bahnhof-Kröte schlucken, das Stedtli ist endlich schön und füllt sich mit Menschen und sogar der Stadtpräsident ist einer von uns.» Damit spielt Henn darauf an, dass Daniel Spinnler im Gegensatz zu seinem Vorgänger Lukas Ott ein begeisterter Banntägler ist, der bei der ersten Rotte bis vor kurzem auch das Amt des Cantus Magisters, will heissen die Verantwortung für den Gesang, innehatte.

Immerhin: Henns Formulierung, dass in Liestal alles gut zu sein «scheint», hält alle Hoffnungen am Leben, dass es beim Znünihalt doch nicht langweilig wird. Denn seine Mannen wissen natürlich, dass ihr Rottenchef ein gewitzter Zeitgenosse ist. Henns Vorvorgänger als Rottenchef, Max Schweizer, sagt es so: «Wenn Nils aufs Podest steigt, johlen schon alle aus Vorfreude auf das, was kommt.»

Henn weiss genau, wie man Lacher im Männer-Publikum erntet. Trotzdem setzt er sich klare Leitplanken: «Die Gürtellinie liegt bei meinen Banntags-reden weit oben und Seitenhiebe gegen benachteiligte Minderheiten sowie politische Aussagen sind tabu.» So widerstand er auch bei seiner ersten Ansprache als Rottenchef im Jahr 2014 der applaussicheren Verlockung, kurz vor der Fusionsabstimmung gegen Basel vom Leder zu ziehen. Henn sagte damals auf dem Podest zu diesem hochemotionalen Thema nur: «428 Banntage fanden unter Basler Herrschaft statt und nirgends findet der Liestaler Banntag so viel Rückhalt wie in Basel.»

Das sieht er heute noch genau gleich. Ein beträchtlicher Teil der Banntägler der ersten Rotte stamme aus Basel. Das seien vor allem Mitglieder von Zünften und Zünfte und Banntage passten gut zueinander: «Beide pflegen Männerfreundschaften.» Und diese Freundschaften, die Liebe zur Natur und der Muff – das Wein-Trinkgefäss – seien die Essenzen, die am Banntag verbinden würden.

Männer würden laut oder leise

Deshalb ist für Henn auch klar, dass an dem, was den Liestaler zusammen mit dem Sissacher Banntag von allen andern Bannumgängen unterscheidet, nicht gerüttelt werden darf – dem Ausschluss der Frauen. Henn meint dazu: «Frauen würden den Banntag komplett verändern und ihm seine Ungezwungenheit nehmen. Denn Männer sind anders, wenn Frauen dabei sind. Die eigene Frau macht Männer stiller, fremde Frauen machen sie lauter.» Natürlich rede man an einem Banntag über Frauen, aber das dürfe einmal im Jahr so sein. Und Henn fügt an: «Es ist schade, dass es nicht auch einen entsprechenden Anlass nur für Frauen gibt. Ich würde das total unterstützen.»

Aber nicht nur bezüglich Frauen, sondern auch sonst will Henn möglichst nichts ändern am Banntagsablauf: «Wir wollen keine Neuerungen, sondern die Tradition möglichst unverändert erhalten.» Von daher ist er auch nicht besonders darauf erpicht, Überraschungsgäste vom Kaliber eines Christoph Blocher, der vor ein paar Jahren bei der ersten Rotte mitmarschierte, einzuladen. Das gebe nur Rummel und Stress mit Fernsehen und allem drum herum. Und das wolle der normale Banntägler nicht. Schliesslich können nicht nur Frauen, sondern auch VIPs und Kameras das Verhalten von Männern verändern.

Die letzten grossen Änderungen wurden dem Liestaler Banntag übrigens um die Jahrtausendwende von aussen aufgezwängt. Damals erreichte allen voran die Politikerin und Ärztin Ruth Gonseth nach einem Knalltrauma bei einer Zuschauerin, dass das Schiessen eingeschränkt und reglementiert wurde. Das haben ihr viele Banntägler bis heute nicht verziehen. Deshalb heisse es inoffiziell, «jetzt gonsethen wir einen», bevor geschossen werde, erzählt Henn schmunzelnd. Das grösste Geschenk der Banntags-Kritiker sei gewesen, dass sie mit der fünften Rotte eine eigene Rotte gegründet hätten. Schlimmer wäre es herausgekommen, wenn sie versucht hätten, die vier bestehenden Rotten zu infiltrieren, ist Henn überzeugt.

Dass er selbst keine Berührungsängste hat, zeigte er, als er zweimal am Auffahrtstag mit der mittlerweile wieder versandeten fünften Rotte mitlief. Dabei kam er zur Einsicht, dass deren Anführerin Esther Maag gut in die erste Rotte passen würde, wenn sie denn ein Mann wäre. Eine andere Frau, Susi Pierer, bezeichnet Henn gar als «die beste Banntäglerin». Pierer organisiert jeweils den weit über 1000 Mannen als zuständige Mitarbeiterin der Bürgergemeinde den Banntag.

Er will Puls wieder mehr spüren

Henn will die erste Rotte noch vier Mal anführen. Dann hat er den Liestaler Bann, der am Banntag in vier Abschnitte unterteilt ist, zweimal ganz als Rottenchef umschritten. Bereits jetzt beginnt er, mögliche Nachfolger zu sondieren. Zwar nennt er keine Namen, doch braucht es wenig Fantasie zu erahnen, dass auch Stadtpräsident Daniel Spinnler zum Favoritenkreis gehört. Dieser ist wie Henn und der Chef der vierten Rotte, Werner Fischer, freisinnig. Haben FDP und Banntag eine besondere Liaison? Henn: «Nein, das ist Zufall. Der Banntag ist im unpolitischen Sinn ‹freisinnig›, hier haben alle Platz.»

Er selbst sei beim Freisinn, weil er sich hier durch «die Flankendeckung» wohl fühle: «Die linken und rechten Extremisten entbinden mich von der Verantwortung, extrem denken zu müssen. Weil ich weiss, dass sie ihre Anliegen einbringen, kann ich mich ganz auf ein Ziel ausrichten.»

Der Elektroingenieur und zweifache Vater sass vor eineinhalb Jahrzehnten für eine Legislatur im Liestaler Einwohnerrat. Bei den nächsten Wahlen will er wieder kandidieren. Seine Begründung: «Ich mache das nicht aus der Illusion, viel verändern zu können, sondern um den aktuellen Entwicklungskurs zu stützen und auch aus einer Konsumhaltung heraus: Ich will am Puls des Geschehens sein und hautnah miterleben, was geht in Liestal. Denn Liestal liegt mir am Herzen und ich finde die bauliche Entwicklung super.»

Unerreichtes Vorbild

Dies im Gegensatz zum Banntag, bei dem er Bewahrer sei. Das gefällt Daniel Spinnler: «Nils macht es sehr gut als Rottenchef. Er führt bei seinen Reden eine scharfe, saubere Klinge mit feinsinnigem Humor und legt Wert darauf, dass alles bleibt, wie es ist. Gleichzeitig sperrt er sich nicht gegen sinnvolle Änderungen wie etwa kleine Anpassungen bei der Route.» Und auch Henns Vorvorgänger Max Schweizer ist voll des Lobes: «Er bringt alles mit, was es für einen Rottenchef braucht: Intelligenz, Lockerheit, Humor und Organisationstalent. Auch wenn ich lange suche, ich finde nichts Negatives.»

Trotzdem schaut Henn fast wie zu Bubenzeit immer noch zu seinem Vorbild auf: «Crispinus Strübin war eine unanfechtbare Eminenz. Er schöpfte bei seinen Reden aus einem enormen historischen Wissen und es war eine Wohltat, ihm zuzuhören. Das hat seither kein anderer Rottenchef mehr geschafft, auch ich nicht.»