«Wenn man uns von Anfang an gesagt hätte, die Strasse werde für viele Jahre so aussehen wie heute, wäre es gar nicht so schlimm», sagt Riccardo Sandi. Er steht in seinem Vorgarten unterhalb des Schlafzimmers direkt an der Rheinstrasse, wenig nördlich des Schauenburgerkreisels. Die Lärmbelastung habe seit der Eröffnung des Schönthaltunnels vor knapp einem Jahr deutlich abgenommen, sagt Sandi: «Dennoch fühle ich mich vom Kanton betrogen.»

Denn Sandi hat sogar noch Planzeichnungen daheim liegen, von einer rückgebauten Rheinstrasse mit ausreichend Platz für Autos, Velos und Fussgänger und Bäumen links und rechts. Die hat er vom Kanton selbst erhalten, an den vier Workshops Anfang 2013, in denen das endgültige neue Gesicht der Rheinstrasse definiert werden sollte. Immerhin vier Samstage habe er als Familienvater dafür geopfert, sagt Sandi: «Ich habe mich engagiert; und der Kanton hat uns eine optisch angenehme, lebenswerte und moderne Rheinstrasse schmackhaft gemacht.» Letztlich habe der Kanton aber doch wieder alles auf die lange Bank geschoben.

«Die Regierung hat die Möglichkeit aus der Hand gegeben, etwas Besseres aus der Rheinstrasse zu machen», sagt Sandi, nach eigener Aussage «durchaus angesäuert». Er hätte nicht erwartet, dass der Kanton wegen eines kleinen Gegenwinds gleich einknicken würde. Mit «Gegenwind» meint Sandi die Forderungen des ansässigen Gewerbes in der IG «Rheinstrasse vernünftig». Für deren Forderungen, die Rheinstrasse müsse auch weiterhin als hindernisfreie Durchfahrtsstrasse und im Notfall dreispurige Ausweichroute für den Schönthaltunnel zur Verfügung stehen, hat Sandi «absolut kein Verständnis»: Die Forderungen des Gewerbes nach einer staufreien Verbindung im Ergolztal seien berechtigt gewesen, nun aber mit dem Tunnel erfüllt. «Dafür wurde viel Geld investiert», sagt Sandi und will damit sagen: Nun sollte auch etwas Geld für die Anwohner, Schüler und Velofahrer übrig sein.

Umgebaut wird nur ein Abschnitt

Das Geld, das übrig ist, will der Kanton allerdings vorerst nur in den Abschnitt der Rheinstrasse investieren, der am weitesten weg von Sandi liegt: der Bereich vom Hülftenkreisel bis zur McDonald’s-Kreuzung. Wie Kantonsingenieur Oliver Jacobi auf einer gewerbefreundlichen Veranstaltung des Hauseigentümerverbandes HEV Pratteln und Umgebung am Donnerstagabend erstmals öffentlich bekannt gab, wird das Tiefbauamt ab dem kommenden Montag die Planauflage in die Vernehmlassung geben. Die Planungen beinhalten einen grossen Kreisel statt der McDonald’s-Kreuzung, einen zusätzlichen Anschluss an die Flachsackerstrasse beim neuen Läckerli-Huus sowie beidseitige Velospuren bis zu diesem Anschluss. Eine Pförtneranlage, die an der Ampel den Verkehrsfluss tröpfchenweise dosiert hätte, um Staus zu verhindern, ist nicht mehr vorgesehen; auch die Bushaltestellen wurden von der Fahrspur weg in Buchten verlegt.

Der tatsächliche Umbau des Abschnitts soll 2016 bis 2017 erfolgen; die Kostenschätzung liegt bei 7 Millionen Franken. Etwa zur selben Zeit wird laut Jacobi dann auch die Planung für den Abschnitt zwischen Liestalerstrasse (Aldikreisel) und Kreuzstrasse erfolgen. Die Finanzierung für den Bau dieses Abschnitts ist allerdings nicht gesichert. Für alle weiteren Abschnitte wird es laut Beschluss des Regierungsrates vor 2022 keine Gelder mehr geben: «Denken ist erlaubt; aber wir dürfen dafür kein Geld ausgeben», formuliert es Jacobi, der versichert, sich bei der Regierung für einen schnelleren Umbau der ganzen Strasse einzusetzen. Denn die Strasse müsse dringend saniert werden; und ohne rechtskräftiges Projekt dürfe sie in ihrem jetzigen Aussehen nicht verändert werden.

Altes Projekt von 1995 wird ersetzt

Mit der neuen Planauflage für den Abschnitt Flachsacker soll es dieses rechtskräftige Projekt wenigstens für einen ersten Teil der Rheinstrasse geben. Es ersetzte dann für diesen Teil das bis jetzt gültige Projekt von 1995, das laut Jacobi «niemand mehr will». Mit der Planauflage habe auch der Verkehrs-Club Schweiz (VCS) eine rechtliche Möglichkeit, Einspruch zu erheben. Der VCS verklagt den Kanton derzeit vor dem Kantonsgericht wegen der Verzögerung des Umbaus nach dem Jahr 2022; er fordert einen sofortigen Rückbau, wie als Ausgleichsmassnahme für die A 22 versprochen worden war. Die zeitliche Verzögerung liegt aber im Ermessensspielraum der Exekutive und kann nicht juristisch angefochten werden.

Bei der HEV-Veranstaltung war auch Martin Haag anwesend. Er wohnt seit 30 Jahren in der Ringstrasse, nur wenige Meter von der Rheinstrasse entfernt. Auch er freute sich über den ersten Sommer, den er ohne Lärm auf seinem Balkon verbringen konnte. Doch im Gegensatz zu Sandi bräuchte es für Haag nur noch kleinere Korrekturen zum jetzigen Zustand der Rheinstrasse; die Grünanlage auf der Tunneldecke reiche völlig aus. Eine dritte Spur für den Fall einer Tunnelsperrung halte er hingegen für sinnvoll.