Frau Kubli, in fast 20 Jahren hat sich punkto Gleichstellung sicher einiges verändert.

Ja. Wir stehen heute an einem völlig anderen Punkt als 1998, als ich angefangen habe. Damals war das Gleichstellungsgesetz soeben in Kraft getreten. Und mit dem Einführungsgesetz wurde die Fachstelle erst gesetzlich verankert, obwohl sie bereits seit 1989 besteht. Es war noch nicht abzusehen, was das neue Gesetz für Auswirkungen auf die Gleichstellungsarbeit haben würde. In den 20 Jahren haben wir auf verschiedenen Gebieten viel erreicht. Mir wurde jedenfalls nie langweilig. In unserem ersten kantonalen Gleichstellungsbericht von 2016, auf den ich besonders stolz bin, zeigen wir die Entwicklung und Errungenschaften der Baselbieter Gleichstellung der letzten 20 Jahre. Der Kanton Baselland hat sich punkto Gleichstellung schweizweit ins Mittelfeld hochgekämpft. Im Bereich Politik ist er sogar an der Spitze.

Was zeigt der Gleichstellungsbericht?

Er zeigt die Lebensverläufe von Frauen und Männern im Kanton und bezieht verschiedene Bereiche wie Erwerbsleben, Familie, Kultur, Bildung, Recht und Politik ein. Die Statistiken darin zeigen zum Beispiel, dass Frauen nach wie vor den grösseren Anteil an unentgeltlicher Haus- und Familienarbeit leisten, während Männer mehr Erwerbsarbeit übernehmen, auch bei jüngeren Generationen. Das Spektrum der Berufe, die Männer wählen, ist ausserdem breiter als das von Frauen. Und es zeigt sich, dass fast doppelt so viele Männer wie Frauen ein Unternehmen leiten. Die Chancengleichheit in der Ausbildung ist nahezu gegeben. Aber die gesellschaftlichen Mechanismen und Geschlechterstereotypen sind immer noch stark wirksam.

Wie sieht es bei der unentgeltlichen Haus- und Familienarbeit aus?

Junge Eltern haben heute ganz selbstverständlich den Anspruch, dass gleichberechtigte Familienarbeit möglich sein muss. Nur noch rund 26 Prozent der Familien mit kleinen Kindern leben das traditionelle Modell, in dem der Mann Vollzeit erwerbstätig ist und die Frau die Hausarbeit macht. In den meisten Familien arbeitet Er Vollzeit und Sie Teilzeit. Die durchschnittlichen Pensen der Frauen erhöhen sich nur langsam, während rund 90 Prozent der Männer Vollzeit arbeiten. Teilzeitarbeit wirkt sich aber sowohl auf die Karrieremöglichkeiten als auch auf AHV und Pensionskasse aus. Zudem steigen die Scheidungsraten, und Alleinerziehende sind meistens Frauen, die dann einer Doppelbelastung ausgesetzt sind. Die Gleichstellung setzt zwar hauptsächlich bei der bezahlten Arbeit an. Aber der Verfassungsauftrag, den die Fachstelle auf kantonaler Ebene unterstützen muss, ist ausdrücklich ein Querschnittsauftrag, der alle Lebensbereiche von Frauen und Männern einschliesst.

Im Bereich Politik sei Baselland vorbildlich, haben Sie gesagt. Wo hinken wir noch hinterher?

Schweizweit an der Spitze ist der Frauenanteil von 38 Prozent im Landrat. Aber der kürzlich publizierte Monitoringbericht zur Zusammensetzung regierungsrätlicher Kommissionen zeigt, dass der Richtwert von 30 Prozent für beide Geschlechter nicht einmal bei der Hälfte der Kommissionen eingehalten wird. Da besteht also noch viel Spielraum. Ebenso muss bei der Lohngleichheit noch viel passieren. Die Instrumente zu einfachen Lohngleichheitsüberprüfungen und die rechtlichen Grundlagen dazu sind da. Trotzdem gibt es nach wie vor Lohnungleichheit, die nicht anders als mit dem Geschlecht begründet ist. Wenn die Gesellschaft mehr Frauen in der Arbeitswelt will – und die Schweizer Verfassung sowie der Fachkräftemangel stellen da einen klaren Auftrag – muss Unternehmenspolitik für die Lebenslagen von Frauen und Männern attraktiver werden.

Was bedeutet das konkret?

Die Erkenntnis hat sich durchgesetzt, dass heterogene Teams, die beide Geschlechter und auch verschiedene Altersgruppen aufweisen, am besten arbeiten und die höchste Zufriedenheit zeigen. Es ist aber wichtig, Minderheitsmechanismen zu verhindern. Dazu wird erwiesenermassen ein Gruppenanteil von mindestens 30 Prozent benötigt. Wenn man will, dass Frauen nicht nur in untypische Berufe einsteigen, sondern auch bleiben, ist es wichtig, dass alle Arbeitnehmenden unabhängig vom Geschlecht die gleichen Entfaltungsmöglichkeiten bekommen. Man muss Perspektiven schaffen, Rollenvorbilder pflegen und Herausforderungen bieten. Frauen wollen sich, wie auch Männer, individuell als Menschen entfalten, und nicht als Alibi-Vertreterinnen oder nur als weibliche Kopie eines männlichen Idealtypus.

Sind dazu Frauenquoten nötig?

Gesellschaftliche Veränderungsprozesse brauchen Unterstützung und entsprechende Instrumente. Wenn die Gleichberechtigung Ziel unserer Gesellschaft ist, dann muss man den Prozess vorantreiben, zum Beispiel mit Quoten und begleitenden Massnahmen. Wir sehen es ja beim Monitoring der Kommissionen: Richtwerte allein sind nicht so stark. Es braucht die zusätzlichen Anstrengungen, die Mandate attraktiv und klar auszuschreiben, die persönliche Ansprache und die aktive Suche in neuen Netzwerken.

Wie kommen Sie persönlich zum Thema Gleichstellung?

Ich habe mich schon während meinem Studium in Germanistik und Geschichte auf Frauen- und Geschlechterthemen spezialisiert und dazu auch publiziert. In den 80er- und 90er-Jahren gab es zudem noch eine aktive Frauenbewegung, in der ich vernetzt war. Ich finde es spannend, wie das vordergründig gleiche Thema der Gleichstellung immer wieder neue Anforderungen stellt. Das Thema Gleichstellung ist immer wieder extrem emotional, weil es immer auch private Identitätsfragen berührt. Deswegen ist die wichtigste Aufgabe der Fachstelle die Versachlichung der Geschlechterverhältnisse. Man muss sich auf Zahlen und Fakten stützen können, um den Verfassungsauftrag zur tatsächlichen Gleichstellung in der Gesellschaft umzusetzen. Ich habe mich in Weiterbildungen und on the job immer stark für ein professionelles Verständnis der Gleichstellungsarbeit und -Politik eingesetzt. Gleichstellungsarbeit ist schliesslich nicht das persönliche Hobby Einzelner, sondern eine anspruchsvolle Berufsarbeit mit komplexen gesellschaftlichen Aufgaben.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wünsche der Fachstelle das unerschütterliche und mutige Commitment des Regierungsrats und der Politik, mehr Ressourcen und mehr Kompetenzen. Denn wir haben zwar viel erreicht, aber mit mehr Mitteln käme Baselland noch effizienter voran. Ich hoffe auch, dass wir weiterhin die Offenheit antreffen, die für Kooperationen so wichtig ist. In Zukunft wird es nötig, in Sozial-, Wirtschafts- und Gleichstellungspolitik noch vernetzter zusammenzuarbeiten. Denn die grossräumigen gesellschaftlichen Entwicklungen wie Globalisierung, Digitalisierung und das Älterwerden der Bevölkerung werden grosse Herausforderungen, aber auch grosse Chancen mit sich bringen. Dankbar für eine sehr reiche Berufstätigkeit beim Kanton verabschiede ich mich nun von der institutionellen Gleichstellungsarbeit. Ich werde den Genderthemen in selbstständiger Tätigkeit weiterhin treu bleiben.