Heftiger Protest in Muttenz: Die SBB wollen per 1. Januar 2018 die Verkaufsstelle für Bahnbillette am Bahnhof Muttenz schliessen. Dagegen wehren sich nicht nur der Gemeinderat und die SP Muttenz. Auch der Verein Graue Panther Nordwestschweiz übt scharfe Kritik an dieser Sparmassnahme. Er setzt sich hauptsächlich für die Interessen älterer Menschen ein. Der Medienbeauftragte Martin Matter kritisiert, dass die Politik der SBB zur Kostensenkung auf Diskriminierung von Menschen beruhe, die mit der fortschreitenden Digitalisierung nicht mithalten könnten. «De facto betrifft es ältere Leute ohne Smartphone und Internet.» Der Verein protestierte schon letzte Woche bei der Baselbieter Regierung.

Muttenz wird geschwächt

Der Gemeinderat hat sich indessen in einem Schreiben an die SBB gewandt. Darin erwähnt er, Muttenz sei in der Region ein wichtiges Schulzentrum und ein attraktiver Gewerbestandort. Es sei nicht möglich, Gruppenreisen am Automaten zu lösen, also seien Schulen und Firmen auf persönlichen Kundendienst am Bahnhof angewiesen.

«Mit dem Rangierbahnhof haben wir in Muttenz auch viele Lärmklagen. Diese Unannehmlichkeiten nehmen wir im Interesse der SBB auf uns. Da ist es nicht nachvollziehbar, warum man uns nicht mehr Entgegenkommen zeigt», kommentiert Gemeindeverwalter Aldo Grünblatt.

52 Verkaufsstellen sind betroffen

Die Zwischenlösung, in Bahnhofsgeschäften wie Avec, Migrolino oder Post-Shops gegen Provision Bahnbilletts zu verkaufen, ist nicht nur in Muttenz von der Aufhebung bedroht. Auch in Gelterkinden, das mit fünf Postauto-Linien und Schnellzughalt ein wichtiges Verkehrszentrum im Oberbaselbiet ist, kämpft man gegen den Serviceabbau.

Der Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) hat sich des Problems angenommen und eine gesamtschweizerische Petition lanciert. Mit bisher über 3500 Online-Unterschriften herrscht im VCS Optimismus. Stephanie Fuchs, Geschäftsleiterin des VCS Sektion beider Basel, ist beeindruckt von der Solidarität der Bevölkerung für die Bedürfnisse älterer Menschen.

Madeleine Lechmann, VCS-Sektionskoordinatorin, ist selber in der Schweiz unterwegs, um Petitionsbögen an den Bahnhöfen zu verteilen und Unterschriften zu sammeln. Sie erlebt heftige Reaktionen auf die Pläne der SBB, 52 Verkaufsstellen dichtzumachen. Es gebe Ängste bei älteren Leuten, dass sie mit den Billettautomaten nicht zurechtkämen. Die Leute seien «äusserst dankbar», dass der VCS sich für ihre Billettschalter einsetze. Wütende Stimmen trotzen: «Dann fahre ich halt ohne Billett bis zum nächsten Schalter!» Solch emotionale Reaktionen zeigen, wie wichtig der persönliche Kontakt für Bahnreisende ist. Die geplanten Schalterschliessungen werden als Bruch des Versprechens bei der Service-Public-Abstimmung vom Juni dieses Jahres empfunden. Das Stimmvolk habe «den SBB vertraut, dass der Kundenservice nicht auf dem Spiel steht», heisst es im Petitionstext. Dieses Vertrauen wankt nun. «Weniger Leistung für mehr Geld», schreibt die SP Muttenz.

Dass sich der Widerstand im Kleinen ausgezahlt hat, wurde letzte Woche deutlich: Im Nationalrat ging eine Motion ein, die SBB per Gesetz an ihrem Abbau-Vorhaben zu hindern. Die Vorgänge im Parlament sind zwar langsam, aber die breite Unterstützung lässt hoffen, dass die Sparmassnahmen der SBB nicht zulasten älterer Menschen gehen.