Klar, das hier ist eine Wahlveranstaltung, und die drei Kandidaten wollen damit einen Gratisauftritt in den Medien bewirken. Aber das Thema, welches Sandra Sollberger, Rolf Richterich und Remo Franz aufwerfen, ist spannend. «In Bern hat es zu viele Berufspolitiker und Juristen», schimpft Franz. Der CVP-Kandidat und bekannte Rofra-Bauunternehmer aus Aesch hat sich mit Malermeisterin Sollberger (SVP, Bubendorf) und Schwimmbad-Bauer Richterich (FDP, Laufen) zur Handwerker-Gruppierung «Meh liefere statt lafere» zusammengeschlossen. Ihr Motto für den gemeinsamen Wahlkampf lautet: Es müssen mehr Handwerker und KMU-Vertreter in den Nationalrat – Handwerker und nicht nur Wirtschaftsvertreter und Branchen-Lobbyisten. Also mehr Kandidaten, wie sie es sind.

Franz’ Aussage, dass «KMU keine Lobby in der Politik haben», mag angesichts der laufenden Diskussion über den zu starken Einfluss der Wirtschaftskammer auf die Baselbieter Gesetzgebung etwas seltsam erscheinen. Alle drei Kandidaten untermauern diese aber mit konkreten Beispielen aus dem KMU-Alltag. Es sprudelt nur so aus Sollberger, Richterich und Franz heraus, wenn es um absonderliche Regulierungen, Behördenwahnsinn und neue administrative Auflagen geht, mit denen ihre kleinen und mittleren Unternehmen «immer stärker» eingedeckt werden. Sollberger, in deren Malerwerkstatt die Veranstaltung stattfindet, zeigt auf die Wasserausscheidungsanlage für nicht lösungsmittelhaltige Farben, die sie einbauen musste.

Jedem Handwerker seine Rechtsabteilung

«Jede kantonale Fachstelle ist ein Königreich. Gerade bei den Bauauflagen herrschen Düpflischisserei par excellence und Vorschriften bis ins kleinste Detail», weiss Richterich. Für Bauunternehmer Franz sind die standardisierten Vergabeverfahren ein Rotes Tuch, die nur noch dazu führten, dass der billigste Anbieter den Zuschlag für einen öffentlichen Auftrag erhält. «Bald braucht schon jeder Handwerker eine eigene Rechtsabteilung», setzt Franz seine Tirade fort, «weil man im Paragrafendschungel als kleiner Betrieb nicht mehr alleine durchkommt». Für Familienunternehmerin Sollberger sind es insbesondere der administrative Aufwand und der Leerlauf mit dem Erstellen von Offerten, die ihr das Leben schwer machen.

All das sei das Resultat von den vielen praxisfernen Parlamentariern in Bern, die nicht wüssten, was sie mit einer Gesetzesänderung praktisch bewirken würden. Das müssten die Wähler an den nächsten Wahlen ändern. Das Ziel des KMU-Trios lautet: administrative Auflagen abbauen, Lohnnebenkosten senken, eine vereinheitlichte und tiefere Mehrwertsteuer durchsetzen sowie Doppelspurigkeiten zwischen Universität und Fachhochschule ausmerzen, also die Stärkung des dualen Bildungswegs. «Alle Schweizer müssen sich bewusst sein, dass alle KMU sofort mit ihren Preisen runter könnten, wenn der administrative Aufwand verringert würde», behauptet Franz.

Lobgesang auf das Milizsystem

Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen? «In den letzten 25 Jahren ist die KMU-Wirtschaft derart auf Effizienz getrimmt worden, dass Unternehmer gar nicht mehr die Zeit und Kraft für eine Doppel- und Dreifachbelastung in Militär und Beruf haben», stellt Richterich fest. Franz erhofft sich darum eine Wiederauferstehung des Milizsystems von einst, als der Firmenpatron gleichzeitig Nationalrat und Oberst war und so seine politischen Netzwerke knüpfen konnte. «Das wird heute als Filz verteufelt, aber es führte dazu, dass viel Praxiswissen in die Politik floss», ist Franz überzeugt: «Das Milizsystem muss wieder gestärkt werden.»

Bliebe nur noch die Frage zu klären, wie die drei schwer beschäftigten Berufsleute die Mehrfachbelastung bewältigen wollen, sollte es mit der Wahl ins Bundeshaus tatsächlich klappen. Richterich und Sollberger sind seit Jahren schon amtierende Landräte, Sollberger sitzt auch im Gemeinderat von Bubendorf. Franz war von 1995 bis 2007 Landrat. «Früher hätte ich für die Sessionen in Bern keine Zeit gehabt», antwortet Franz, doch jetzt mit dem Alter und als Patron der Rofra AG könnte er sich die nötigen Freiräume in seiner 250-Angestellten-Firma nehmen. Für Malermeisterin Sollberger ist ihr Mann der «Glücksfall», der ebenfalls Malermeister ist und für die Kontinuität in der Geschäftsführung des Kleinunternehmens sorgen würde. Die grössten Probleme sieht der studierte ETH-Bauingenieur Rolf Richterich auf seine Poolprofi AG in Laufen mit 10 Angestellten zukommen: Es müsste wohl jemand Zusätzliches angestellt werden, um die Ausfälle wegen seiner Abwesenheit auszugleichen. «Es ist weiss Gott kein lukrativer Job, in den Nationalrat gewählt zu werden, aber ich möchte etwas bewirken», sagt Richterich.

Richterich nur Aussenseiter

Wobei Richterich auf der FDP-Liste hinter der amtierenden Daniela Schneeberger und Herausforderer Christoph Buser klarer Ausenseiter ist. Das beeindruckt Richterich wenig. «Vor vier Jahren war es für mich der falsche Zeitpunkt anzutreten. Jetzt passt es.» Jedesmal, wenn er von Urs Steiner für ein politisches Amt angefragt wurde, sei er auch gewählt worden. «Auch diesmal bin ich von Urs Steiner angefragt worden», lächelt der Laufner schalkhaft.

Sandra Sollberger steigt mit wesentlich besseren Aussichten in den Wahlkampf. In weiten SVP-Kreisen gilt sie als Kronfavoritin für den von Christian Miesch frei gegebenen zweiten Platz hinter dem Bisherigen Thomas de Courten. Auch Remo Franz trauen viele aufgrund dessen guter Vernetzung zu, die CVP-Amtsinhaberin Elisabeth Schneider-Schneiter zu bedrängen. Allerdings wartet die CVP immer noch auf den Entscheid der GLP, doch noch der Mitte-Koalition mit der BDP beizutreten, die Schneiders Sitz definitiv sichern würde.