Am Anfang war es einfach spannend. Die Kinder aus dem Jungwacht-und-Blauring-Ferienlager bei Scuol standen auf der Brücke, die etwas oberhalb ihres Lagerhauses über den Triazza-Bach führte, und blickten in Richtung Berge. Dort ereignete sich ein heftiges Gewitter. Als es dann aber so richtig zu krachen und rumpeln anfing, flüchteten die 35 Kinder wieder ins Haus, ins Chasa Pradella. Dieses gehört dem Blauen Kreuz Muttenz. Es ist 300 Jahre alt und nun voller Schlamm. Denn schnell stellte sich heraus, dass das Krachen und Rumpeln von riesigen Geröllbrocken stammt, die von den Wassermassen mitgeschleppt wurden. Aufgrund der Trockenheit war der Boden nicht fähig, so viel Wasser in solch kurzer Zeit aufzunehmen. So wurde das Geröll schliesslich an der Brücke beim Ferienheim aufgehalten. Der Triazza-Bach trat über die Ufer, floss nun nicht nur an einer, sondern an beiden Seiten des Lagerhauses vorbei – und auch in dieses hinein.

Ein grauenvoller Anblick

Wenn Theo Weller die Geschichte erzählt, die sich am vergangenen Mittwoch ereignet hat, geht ihm das nahe. Der Präsident der Stiftung Chasa Pradella Blaues Kreuz Muttenz war zwar nicht dabei, als das Gewitter das Erdgeschoss und den Keller überflutete. Er ist aber extra ins Unterengadin gereist, um sich den Schaden am Ferienheim anzusehen. «Es ist grauenvoll», berichtet der Muttenzer. «Wenn man das Haus vorher gekannt hat, ist der Anblick jetzt einfach unheimlich. Dabei hatte es so einen besonderen Charme, den auch die Kinder immer sehr geschätzt haben.»

Zurzeit werden im Chasa Pradella das Wasser abgesaugt und der Schlamm entfernt. Noch rund zwei Wochen sollen diese Arbeiten dauern. «Es muss jetzt schnell gehen», weiss Weller. Wenn der Schlamm erst einmal trocknet, wird er hart und ist entsprechend schwer zu entfernen. Das Wegtransportieren des Materials ist allerdings nur der Anfang. In einer zweiten Phase müssen Lagerhaus und Gelände saniert werden. «Das wird eine Riesensache. Wir müssen zum Beispiel alle Holzböden herausreissen, damit die Balken freigelegt sind und richtig trocknen können.» Kosten wird das ganze Vorhaben wohl rund eine halbe Million. Ob die Versicherung komplett für den Schaden aufkommt, steht noch nicht fest.

Singen und beten bis zur Rettung

Das Ferienheim des Blauen Kreuzes Muttenz ist unbewohnbar. Die Kinder aber, die letzten Mittwoch von den Fluten überrascht wurden, sind wohlauf. Im Obergeschoss des Chasa Pradella harrten sie mehrere Stunden aus, vertrieben sich die Zeit mit Singen und Beten. Dann endlich wurde der Bach etwas ruhiger. Mithilfe eines von der Feuerwehr Scuol gespannten Seils brachten sich die Kinder durch den Bach in Sicherheit, der schon kurze Zeit später wieder anschwoll. Die Nacht verbrachten die Jubla-Kinder schliesslich in die Zivilschutzanlage Scuol, wo auch die Jugendlichen aus dem benachbarten Lagerhaus untergebracht wurden, das ebenfalls vom Unwetter in Mitleidenschaft gezogen wurde. «Diesen Tag werden sie sicher nie mehr vergessen», ist Weller überzeugt.

Brücke wurde abgerissen

Vergessen wird auch er das alles nicht so bald. Zuerst werden ihn die Arbeiten am Ferienheim eine ganze Weile begleiten. «Wir werden frühestens nächsten Frühling wieder Lager im Chasa Pradella durchführen können», vermutet der Stiftungspräsident. Die zahlreichen Buchungen, die jetzt noch angestanden hätten, mussten abgesagt und kurzfristig auf andere Lagerhäuser verschoben werden. Vergessen wird Weller diese letzten Tage aber vor allem aus einem anderen Grund nicht: «Die Frage bleibt, ob so etwas nicht wieder passieren wird.» Schon vor 70 Jahren sei es zu einem ähnlichen Zwischenfall mit dem Muttenzer Ferienheim gekommen. Immerhin: Die Brücke, die am Übertreten des Bachs am vergangenen Mittwoch schuld war, wurde in der Zwischenzeit abgerissen.