Ein besorgter Leser meldet sich bei der Redaktion. Nicht nur in Binningen, auch in Oberwil sei eine Holzskulptur verschwunden. Und wieder sei derselbe Künstler, Jörg Schneider, betroffen. An einer Fassade des Landgasthofs Ochsen an der Hauptstrasse habe eine seiner stattlichen Holz-Installationen gehangen – seit einiger Zeit sei die Wand nackt.

Aufhorchen liess den Leser der Fall Binningen: Dort hat im Sommer ein Bauarbeiter eine Holz-Skulptur, die in der Aula des Spiegelmatt-Schulhauses hing, versehentlich entsorgt. Die zwei Balken landeten wohl in einem Entsorgungszentrum (die bz berichtete). Die Skulptur in Oberwil ist jedoch noch da, wie die Hauseigentümerin, die Bürgergemeinde Oberwil, auf Anfrage versichert. Sie befände sich nur ein paar Meter weiter unten. «Die sechs Pfähle sind im Keller des Ochsen gelagert», sagt Markus Ermacora, Vizepräsident der Bürgergemeinde. «Bei der Sanierung des Gebäudes haben wir sie dorthin gebracht.» Vor zwei Jahren ging der Restaurant-Betrieb im Ochsen abrupt zu Ende; der Landgasthof wurde dieses Jahr saniert. Seither beherbergt das prominente Haus ein Näh-Atelier, eine Praxis, eine Wohnung und einen Veranstaltungssaal.

Künstler gar nicht zufrieden

Das Kunstwerk käme nicht mehr an die Seitenfassade zurück, sagt Ermacora. Zu den Gründen schweigt er sich aus. Man habe aber schon einen Ersatz-Standort im Auge: das Forsthaus der Bürgergemeinde. Das habe man Schneider schon mitgeteilt. Für Schneider, selber Oberwiler, ist der vorgeschlagene Standort nicht akzeptabel: «Holzelemente an ein Holzhaus schrauben – das ist doch lächerlich.» Sein Werk heisse «Masse und Raum». Es wirke nur auf einer grossen Fläche, aber nicht an einem Waldhäuschen mit Lattenfassade.

Kann Schneider erzwingen, dass sein Werk wieder am selben Ort angebracht wird? Laut Regine Helbling von Visarte, dem Berufsverband der visuell schaffenden Künstlerinnen und Künstler der Schweiz, hänge dies stark vom einzelnen Objekt ab. «Wurde das Werk speziell für einen Ort angefertigt, oder ist es sogar ein integraler Bestandteil eines Orts oder Gebäudes, so muss es prinzipiell dort belassen werden.» Beim Fall Oberwil ist dies nicht der Fall.

Fassaden gäbe es genug

Die Bürgergemeinde hat das Werk 1997 erstanden und danach an die Fassade des Ochsen montiert. «Der Besitzer kann selber entscheiden, wo er die Skulptur aufhängt», sagt Helbling. «Wenn Zweifel bestehen, ob ein Ort passt, sollte man mit dem Künstler Kontakt aufnehmen und ihn in die Standortsuche miteinbeziehen.»

Schneider kündigt an, nochmals mit der Bürgergemeinde zu reden. Ersatzstandorte hätte diese genug. Sie besitzt zehn weitere Liegenschaften in Oberwil – darunter auch das Hochhaus, das wenige Meter südlich des Ochsen steht. Wie das Gasthaus hat auch das Hochhaus eine grosse, weisse Fassade. Noch ist sie nackt.