Jessica und Nicole gehen in Muttenz von Tür zu Tür und klingeln. Mehrere Hauseingänge bleiben verschlossen. Die beiden Schülerinnen sind bald frustriert; die braunhaarige Jessica schimpft vor sich hin. Doch die Mädchen gehen zum nächsten Eingang, ein Taschenbuch in der Hand.

Die Zwölfjährigen erleben gerade, was es bedeutet, mit ihrem Produkt Klinken zu putzen. Zusammen mit der restlichen Klasse 6e der Primarschule Muttenz haben sie ein Buch geschrieben.

30 handgeschriebene A4-Seiten

In Zweiergruppen verfassten die Schülerinnen und Schüler elf Kurzgeschichten. Auch die Zeichnungen dazu stammen aus ihrer Feder. Die Klasse liess sich auf Anregung von Lehrer Roland Guye auf das halbjährige Projekt ein.

Er schrieb bereits 2012 in Reigoldswil mit einer 6. Klasse ein Buch. Gemeinsam mit dem Klassenlehrer Markus Fischer begleitete er die Muttenzer Kinder beim Schreibprozess. Guye erzählt, die Klasse sei sofort begeistert gewesen. Allerdings hätten die Kinder damals noch nicht gewusst, dass sie pro Geschichte rund 30 handgeschriebene A4-Seiten verfassen mussten. Mit den Illustrationen entsprach das ungefähr 20 Buchseiten.

Natürlich durfte der pädagogische Aspekt nicht fehlen. Guye meint rückblickend: «Sie haben viel fürs Leben gelernt: Beharrlichkeit, Kreativität und Fantasie entwickeln, die Regeln der Teamarbeit einhalten, Respekt und Toleranz üben.»

In den Kurzgeschichten geht es von Beziehungskonflikten über Angst und Schrecken bis zu skurrilen Abenteuern in einer Science-Fiction-Welt. Nun verkaufen die Kinder ihr Werk gleich selbst.

Von Misstrauen und Desinteresse

Die bz begleitet auch ein Jungenteam. Beide Teams decken das Gebiet um die Baslerstrasse ab. An diesem späten Vormittag sind die Trottoirs menschenleer, nur selten fährt ein Auto vorbei. Jessica und Nicole klingeln erneut.

Ein alter Mann öffnet die Tür, streckt misstrauisch den Kopf heraus. Die Mädchen beginnen, den vom Lehrer vorbereiteten Text abzulesen: «Wir möchten nicht lange stören. Wir sind vom Schulhaus dort drüben und haben ein Buch geschrieben. Haben Sie unseren Flyer, den wir kürzlich verteilten, schon gesehen?» Der Mann ist nicht interessiert.

Wie zu erwarten, verlaufen die Gespräche der Zwölfjährigen noch holprig. Da sie aber in der Klasse vorbesprochen wurden, machen die Schülerinnen auf eine spielerische Art erste Erfahrungen in Verkaufslehre.

Ein paar gedrückte Klingeln später öffnet eine ältere Frau. Es dauert eine Weile, bis sie versteht, worum es geht. Die Mädchen erklären, die Klasse finanziere mit dem Preis von 20 Franken ihr Abschlusslager im appenzellischen Alpsteingebiet. Nach diesem Schuljahr wechseln die Sechstklässler in die Sekundarschule.

Die Kundin möchte das Buch nicht, spendet aber ein Nötli für das Lager. Bei den weniger schicken Mehrfamilienhäusern sind die Bewohner offener. Trotz einiger Verständigungsschwierigkeiten holt ein Asiate seine Geldbörse.

Ein paar Seitenstrassen weiter ist das Duo Luca (13) und Lukas (12) unterwegs. Ersterer schüchtern – der Zweite eher der Coole. Sie berichten von Bewohnern, die durch den Türspion schauen und dann die Tür von innen abschliessen.

Die Knaben hatten mehrfach das Gefühl, es sei jemand daheim, öffnete aber nicht. Lukas ist überzeugt: «Die halten mich vermutlich für einen Psycho.» Weil er komplett schwarz gekleidet sei.

Ein kurzer Gender-Test mit den Mädchen zeigt: An einem Hauseingang reagiert tatsächlich jemand – wenn auch fast ängstlich via Obergeschossfenster. Dennoch langweilen sie sich, da kaum jemand zu Hause ist. Deshalb ziehen sie weiter.

Sie versuchen es bei der römisch-katholischen Pfarrei und haben, nicht ganz unerwartet, Glück. Der Pfarreileiter kauft gleich zwei Bücher. Weiter geht es «zu einer Nachbarin, die mir sicher etwas abkauft», wie einer der Buben erzählt.

Eigenes Geld verdienen

Sind die Jugendlichen denn wirklich so begeistert vom Buchprojekt, wie der Lehrer sagt? Ja, finden die Mädchen. Jedenfalls sei es besser als Schule. Bevor die vier mit ihren Velos losfuhren, hatte die Klasse von den 800 Exemplaren bereits die Hälfte verkauft – wenn auch inklusive Vorbestellungen der Eltern.

Guye ist hoffnungsvoll, dass sie sämtliche Stücke veräussern können: «Wir werden die restlichen am Muttenzer Markt verkaufen.»

Nach Abzug aller Kosten für Druckerei, Verleger, sonstiger Auslagen und des Lagergeldes könnten die Kinder «einen schönen Batzen» für sich behalten – bar auf die Hand.

Muttenzer Markt Das Buch können Sie auch am Stand der Klasse kaufen: Mittwoch, 11. Mai, 9 bis 18 Uhr.