Die 19-jährige Anna Holm ist in der Abschlussklasse des Gymnasium Muttenz und aktiv bei der Soba, der «Schüler*innenorganisation Beider Basel». Am nationalen «Bildungsaufstand» arbeitet sie aktiv mit und erklärt im Interview, was sie sich davon verspricht, wenn Auszubildende sich mit Demonstrationen gegen die etablierte Bildungspolitik wehren.

Frau Holm, dieses Jahr erlangen Sie sehr wahrscheinlich Ihre Maturität. Was sind Ihre Pläne für das Jahr danach?

Anna Holm: Das ist eine knifflige Frage. Es gibt vieles, wofür ich mich begeistern kann. Ich peile ein Studium an, müsste daneben aber noch arbeiten.

Also wäre es für Sie persönlich tatsächlich eine Belastung, wenn die Studiengebühren an der Universität Basel erhöht werden?

Die 100 Franken, die im Raum stehen, wären für alle ein Einschnitt. Natürlich gibt es diese persönliche Ebene, aber empören sollte uns eigentlich allein schon der Umstand, dass die Finanzen und der familiäre Hintergrund eine Rolle bei der Entscheidung für eine Ausbildung spielen.

Mit der Empörung sind wir auch gleich beim Thema: Diese Woche findet schweizweit ein «Bildungsaufstand» statt. Eine Krawallaktion?

Nein, wir sind überhaupt keine Freunde von Krawallen. Während dem Bildungsaufstand stehen Studierende, Schülerinnen und Schüler für eine nachhaltige Bildungspolitik ein und gehen damit an die Öffentlichkeit. Friedlich, strukturiert, bewilligt. Unsere Aktionswoche lief folgendermassen ablaufen: Die Schülerinnenorganisationen vieler Gymnasien und Fachmittelschulen im Baselbiet und der Stadt Basel führen während der Woche kleine Protestaktionen durch, die wir im Organisationskomitee koordinieren. Heute Freitag findet die Hauptaktion vor dem Regierungsgebäude in Liestal statt. Schülerinnen und Schüler aller weiterführenden Schulen der ganzen Region beteiligen sich daran.

Wie sieht die Aktion in Liestal aus?

Wir beerdigen die Bildung symbolisch mit Trauerkranz und Grabstein. Das Begräbnis wird von einem Chor aus Schülerinnen und Schülern begleitet, die ein eigens dafür getextetes Lied vortragen. Diese Protestform haben wir gewählt, damit sich möglichst viele aktiv einbringen können. Es ist ein gemeinsamer Protest, in dem alle Beiträge Platz finden.

Was halten Ihre Lehrer von dieser Aktion?

Wir legen Wert darauf, dass wir mit den Lehrpersonen am gleichen Strang ziehen, aber der Strang im Bildungsaufstand ist der unsrige. Die Lehrerinnen und Lehrer sind genauso herzlich willkommen wie alle anderen, die für eine nachhaltige Bildungspolitik einstehen wollen. Unser Engagement ist zivilgesellschaftlich und unabhängig von politischen Parteien.

Und die Schüler bekommen keine Probleme, wenn sie dafür dem Unterricht fernbleiben?

Wir stehen mit allen Schulleitungen im Kontakt betreffend der Absenzenregelung. Mit einigen Schulen sind wir noch in Abklärung; mit den meisten haben wir uns bereits geeinigt. Für viele Schülerinnen und Schüler entscheidet eine einvernehmliche Regelung über ihre Teilnahme oder nicht. Es ist auch überhaupt nicht so, dass alle sofort jubeln, weil es eine Demo gibt. Man will wissen, was die Inhalte sind und demonstriert nicht einfach, weil es die Kollegen tun.

Wie stellen Sie von der Schülerinnenorganisation beider Basel denn ganz konkret Ihre Anliegen den Schülern vor?

Im persönlichen Gespräch legen wir erst die Situation im Kanton dar und zeigen mit konkreten Beispielen auf, wie der Schulalltag vom Abbau betroffen ist. Das Verhalten des Baselbiets ist aber auch gegenüber Basel-Stadt unsolidarisch, was man am Beispiel der Universitätsdebatte bestens sieht. In diesen Gesprächen betonen wir, dass Demonstrationen nicht nur ein legitimes, sondern ein notwendiges Mittel für eine lebendige Demokratie sind. Und wer sich dem bewusst wird, sagt: Ja, ich habe eine Stimme!

Was bedeutet dieses Engagement für die Beteiligten im Organisationskomitee? Eine Bereicherung?

Unser Engagement macht politische Bildung real. Wir haben gemeinsam Positionen erarbeitet, Leitsätze für Flyer formuliert, mit anderen Organisationen zusammengearbeitet und vieles mehr. All das lernt man im Unterricht nicht.

Wieso ist der Bildungsaufstand national organisiert? Bildungspolitik ist weitestgehend Sache der Kantone.

Die Details werden in den Kantonen entschieden, aber der Abbau ist ein landesweites Phänomen. Dahinter steht das Denken, dass Bildung ein Konsumgut ist. Nur die Auswirkungen spüren wir lokal – dafür ganz konkret. Beispielsweise müssen die ersten zwei Jahre Instrumentalunterricht an den Fachmittelschulen im Kanton Baselland jetzt selbst bezahlt werden. Die Anmeldungen sind logischerweise zurückgegangen. Wer sagt, Musikunterricht sei bloss die Kirsche auf der Torte, hat nicht verstanden, wie umfassend die Bildungsfrage für unsere Gesellschaft ist. Die Abbaupolitik in der Bildung werden wir in der Gesellschaft von morgen spüren. Die Folgen sind noch nicht absehbar.

Sie gehören ja selbst zur Gesellschaft von morgen. Wissen Sie bereits, was Sie studieren wollen?

Im Moment sieht es nach Geschichte und Politikwissenschaften aus. Aber ich schwanke noch, Religionswissenschaften interessiert mich genauso.

Was hat es bei Ihnen ausgelöst, als der Baselbieter FDP-Präsident Paul Hofer Anfang Jahr ankündigte, die Universität Basel könne mit einigen Studienfächer weniger auskommen?

Bei solchen Aussagen muss ich fast lachen. Diese Haltung ist überheblich gegenüber allen, die mit ihrer Studienwahl Interessen vertiefen wollen. Aber was nicht als markttauglich gilt, wird abgewertet.