Es ist ein Spannungsfeld, in dem sich die Staatsschule bewegt. Sie untersteht der in der Bundesverfassung garantierten Neutralitätspflicht, wird also weltanschaulich und religiös neutral geführt. Es gibt daher grundsätzlich kein Schulangebot, an dem Schüler aus religiösen Gründen nicht teilnehmen können. Das aber kann auch zu Widersprüchen führen: Denn neben dem Anspruch aller Menschen auf Gleichbehandlung garantiert die Verfassung auch die Religionsfreiheit jedes Einzelnen.

Die Toleranz hat aber ihre Grenzen. Wenn religiös motivierte Dispensationsgesuche für den Sport- und Schwimmunterricht oder für Klassenlager mit Verweis auf das Toleranzgebot gewährt werden, wird ein Grundrecht des Kindes missachtet: das Recht, die gleichen Bildungsangebote zu erhalten wie andere Kinder. «Falsche Toleranz diskriminiert», betont auch der Dachverband der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH).

Um Schulleitungen, Lehrern sowie Erziehungsberechtigten Sicherheit im Umgang mit solchen Fragen zu geben, haben verschiedene Kantone sowie der LCH Handreichungen und Positionspapiere dazu herausgegeben. Sie dienen als allgemeine Orientierungshilfe für den Umgang mit Religion in der Schule. Das Handbuch zeigt: Sonderregeln gibt es nur in Ausnahmefällen. Davon gibt es aber einige:

  • Religiöse Symbole/Kleider Die beiden Basel kennen keine Kleidervorschriften. Heisst: Das Tragen religiöser Symbole und Kleidungsstücke – etwa des Kopftuchs – ist in öffentlichen Schulen grundsätzlich erlaubt.
  • Schwimmunterricht Der Sport- und Schwimmunterricht ist obligatorisch. Dispensationen können nur erteilt werden, wenn Schüler die Geschlechtsreife erlangt haben und der Schwimmunterricht nicht geschlechtergetrennt geführt werden kann.
  • Schwimm-/Sportbekleidung Schülerinnen und Schüler können einen Ganzkörper-Schwimmanzug tragen. Im Sportunterricht kann religiös begründeten Bekleidungsvorschriften entsprochen werden.
  • Weihnachtsfeier Feiern mit christlichem Hintergrund entsprechen der Schultradition. Sie dienen dem Integrationsprinzip und dem gegenseitigen Verstehen. Auch dürfen sie religiöse Gefühle von Kindern und Jugendlichen, die keiner oder einer anderen Religion oder Glaubensrichtung angehören, nicht verletzen.
  • Feiertage Kinder und Jugendliche aller Glaubensrichtungen können an den gebotenen Feiertagen vom Unterricht beurlaubt werden. Der Schulstoff ist vor- oder nachzuarbeiten.
  • Ramadan Muslimische Schüler, die im Ramadan fasten, sollen auf Verlangen der Erziehungsberechtigten in dieser Zeit von anstrengenden körperlichen Betätigungen befreit und anderweitig schulisch beschäftigt werden.
  • Freitagsgebet Das Freitagsgebet ist für Muslime der Hauptgottesdienst der Woche. Es dauert bis zu einer Stunde und findet über Mittag statt. Es kann daher den Unterricht tangieren. Kinder strenggläubiger Eltern können auf deren Gesuch während der Zeit des Gebets vom Besuch der Schule dispensiert werden.
  • Hauswirtschaftsunterricht Die Schule berücksichtigt die Speisevorschriften der Religionen. So muss im Judentum das Essen koscher sein. Fleisch darf etwa nicht mit Milchprodukten zusammenkommen. Im Islam ist alles verboten, was vom Schwein ist sowie Alkohol und Blut. Hindus wiederum essen kein Rinds- und Kalbfleisch.

Die Regeln sollen aber nicht in Stein gemeisselt sein. So sei der Dialog zwischen Schule, Erziehungsberechtigten und Kindern viel wichtiger, wenn es zu Interessenskonflikten kommt. Im Gespräch soll nach tragfähigen, individuellen Lösungen gesucht werden. So wird etwa im Aargau die Handreichung kaum mehr verwendet, heisst es vom Bildungsdepartement. Der Dialog habe sich bewährt. Und nach Präzedenzfällen in Sachen Schwimmunterricht oder Kopftuchtragen fühlten sich die Schulen mit zunehmender Erfahrung auch immer sicherer.