Mit Martin Brunner (65) geht Ende Jahr einer der besten Kenner der Baselbieter Schule in Pension. Er hat die Schule seit 1976 aus ganz verschiedenen Perspektiven kennen gelernt (siehe spezielles Textelement), in den letzten acht Jahren als Leiter des Schulpsychologischen Dienstes Baselland. Mit der bz schaut er zurück auf die bewegte Zeit mit vielen Veränderungen. Weniger gesprächig ist Brunner, was die Zukunft seiner Fachstelle betrifft.

Denn dem Schulpsychologischen Dienst blüht nun, was anderen Abteilungen innerhalb der Bildungsdirektion auch schon widerfahren ist: Der abtretende Dienststellenleiter wird nur mit einer Zwischenlösung ersetzt, weil die neue Vorsteherin Monica Gschwind auch hier die erste Ausschreibung einer Nachfolgelösung stoppte und jetzt nicht rechtzeitig einen Brunner-Ersatz präsentieren kann.

Herr Brunner, Sie können auf 40 Jahre Schulgeschichte zurückblicken. Wie haben sich in dieser Zeit die Schüler verändert?

Martin Brunner: Wichtig ist mir: Die Grundkonstellation der Schule mit Schülern, Lehrern und Eltern ist gleichgeblieben und damit vieles, was Schule wesentlich ausmacht. Aber die Gesellschaft, und mit ihr die Akteure der Schule, haben sich schon verändert. Stichworte sind etwa Schnelllebigkeit, Individualisierung und «Elektronisierung». Auch Familienmodelle und das Verhältnis der Geschlechter zueinander haben sich verändert. Die Schüler stehen heute unter grösserem Leistungs- und Anpassungsdruck; wer nicht mindestens in die Sek E kommt, meint, verloren zu haben. Viele Schüler scheitern an diesen hohen Anpassungsleistungen und werden prompt auch als unangepasst – verhaltensauffällig eben – wahrgenommen. Das passiert heute leichter als vor 40 Jahren, mit der Konsequenz, dass an den Rändern ausgesondert wird.

Der Druck kommt ja oft von den Eltern. Inwieweit haben sich denn die verändert?

Eltern haben aufgrund der erwähnten Individualisierung heute einen viel grösseren Anspruch, dass die Schule ein just auf ihr Kind zugeschnittenes Angebot machen muss. Eltern sind anspruchsvoller geworden. Sie wissen mehr über spezifische Störungsbilder, und sie stellen heute viel öfter die Autorität der Schule infrage. Und wenn die Kinder spüren, dass sie nicht das bekommen, was die Eltern wollen, so sind sie weniger bereit, das zu akzeptieren, was ihnen die Schule bietet. Dazu kommt, dass der Lehrerberuf in den letzten Jahrzehnten an Ansehen verloren hat. Dabei sind die Lehrer nicht schlechter geworden. Vielleicht hat der Ansehensverlust des Berufsstands auch mit der Feminisierung vor allem in der Primarschule zu tun, was ein gesellschaftliches Phänomen ist. Wobei ich nicht weiss, was Huhn und was Ei ist. Das heisst, ob die Feminisierung oder der Ansehensverlust zuerst da war; aber beides hat miteinander zu tun.

Haben sich auch die Änderungen bei der Schulorganisation auf das Verhalten der Schüler ausgewirkt?

Eine der wichtigsten Veränderungen besteht darin, dass sich heute Schüler schon in der Primarstufe auf mehrere Lehrpersonen in der gleichen Klasse einstellen müssen. Da ist eine Klassenlehrerin, jemand, der deren Teilpensum abdeckt, der Heilpädagoge, bei einer integrierten Klasse eventuell noch eine Heil- oder Sozialpädagogin für die Sonderschüler, und so weiter. Die berühmten Ergebnisse von Hattie, der untersuchte, was wirklich Einfluss hat auf den Lernerfolg, zeigten unter anderem, dass ein wichtiger Einflussfaktor die «Klarheit der Lehrperson» ist. Wie soll das mit vier verschiedenen Lehrpersonen gehen? Das ist – wenn überhaupt – nur möglich mit einem riesigen Koordinationsaufwand. Die hohe Spezialisierung und damit die Fraktionierung des Unterrichts können vor allem für den Lernerfolg der jüngeren Kinder nicht gut sein.

Wie viele Lehrer sollten denn maximal in der gleichen Primarklasse unterrichten?

Mein Rat: Eine Lehrperson pro Klasse, aber die Klasse sollte nur zehn Kinder haben. Das geht natürlich nur, wenn die Spezialisierung massiv reduziert wird. Lehrer sollten Allrounder sein, die auch von den Spezialgebieten etwas verstehen. Spezialistinnen sollten erst sehr viel höherschwellig zum Einsatz kommen. Auf der Sekundarstufe ist es etwas anders, aber auch dort spielt die Fachkompetenz der Lehrperson gemäss der angesprochenen Studie nicht die zentrale Rolle, die ihr oft zugeschrieben wird. Natürlich muss ein Französisch-Lehrer die Sprache können. Aber viel wichtiger als die perfekte Beherrschung ist, dass der Lehrer bei den Schülern die Begeisterung fürs Französisch wecken kann. Wohlverstanden: Ich bin nicht der Meinung, die Schule brauche momentan eine weitere Reform. Aber an gewissen Haltungen könnte man durchaus arbeiten. Und vermehrt bräuchte es den Mut zum gesunden Menschenverstand.

Die inzwischen abgeschafften Schulinspektoren waren früher der Inbegriff des gesunden Menschenverstands im Schulbereich. Ein Verlust also?

Dazu erzähle ich Ihnen ein Beispiel aus meinem eigenen Berufsleben: Als junger Lehrer sah ich den Besuchen der Inspektoren natürlich mit Respekt und auch ein bisschen Angst entgegen. Wir hatten umfangreiche Präparationen abzuliefern und achteten penibel auf unser Lehrverhalten. Die guten Inspektoren merkten aber, wo Schwächen und Stärken lagen. Wir bekamen mündliche und schriftliche Rückmeldungen. Das war für mich absolut hilfreich. Heute müssen das die Schulleitungen übernehmen.

Und können die das?

Ich glaube, dass es eine kritische Schulgrösse gibt, wo das möglich ist. Schulleitungen von grösseren Einheiten können die notwendige Professionalität und die nötige Distanz als Chef entwickeln. Aber eine Dorfschule mit einer Handvoll Lehrern, bei der einer noch ein kleines Teilpensum für die Schulleitung hat, geht das weniger gut. Deshalb sollte man die Funktionsräume überdenken. Andererseits habe ich in kleinen Schulen immer wieder beobachtet, dass man unbürokratische Lösungen auch für grössere Probleme gefunden hat. Hier spielt dann oft der angesprochene
gesunde Menschenverstand.

Zu den Änderungen der Schulorganisation gehört auch die Verlängerung der Primarschule. Ist das eine Chance für die Kinder, weil der Niveau-Entscheid hinausgeschoben wird?

Für die Schüler ist die Selektion ein Riesenstress. Der dauert jetzt einfach noch länger. Vielleicht gibt es Schüler, an denen die Selektionsfrage ein bisschen vorbeigeht. Die profitieren vom längeren Verbleib im gewohnten sozialen Umfeld. Ich habe den Wechsel auf sechs Primar- und drei Sekundarschuljahre fachlich nicht zwingend gefunden, aber er war als Tribut an die schweizerische Schulharmonisierung nötig.

Ein anderer Acker im Umbruch ist die Lehrerausbildung: Stimmt hier heute das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis?

Ich bin kein Spezialist für die Lehrerbildung. Falsch finde ich, in der Lehrerausbildung Theorie und Praxis gegeneinander auszuspielen: Es braucht sowohl viel Theorie wie auch viel Praxis. Theorie ist nötig, damit die Lehrer gute Generalisten sein können. Sie müssen auch von Logopädie, Psychologie und Psychomotorik, aber vor allem von Heilpädagogik eine Ahnung haben. Nur so wird es längerfristig möglich, dass weniger Lehrpersonen in einer Klasse arbeiten. Die Praxisorientierung der Ausbildung – ich erinnere wieder an Hattie – ist besonders wichtig für den zukünftigen Lernerfolg der Kinder. Wenn das nicht alles Platz hat, dann muss man sich Überlegungen zur Dauer der Ausbildung machen.

In den letzten Jahren ist die Schule auch in die Kritik gekommen, sie betreibe Kuschelpädagogik. Zu Recht?

Mitnichten! Die 68er-Generation habe alles falsch gemacht, deshalb hätten wir nun eine Wohlfühl-Schule und die Schüler leisteten nichts mehr, weshalb wir zurück zur Leistungsschule müssten – das ist ein verheerender Irrtum oder auch einfach dumm. Dies aus zwei Gründen. Erstens hat man damit die Reformpädagogik der 1970er-Jahre nicht verstanden. Der noch viel grössere Irrtum ist aber zu meinen, Leistung und Wohlfühlen seien ein Widerspruch. Das Gegenteil ist der Fall: Wenn man eine Schule will, an der die Leistungen gut sind, so müssen die Beziehungen zwischen Lehrpersonen und Schülern und zwischen den Schülern untereinander stimmen. Das sind, um nochmals Hattie zu zitieren, die wichtigsten Einflussfaktoren. Und das ist eigentlich meine wichtigste Botschaft nach 40 Berufsjahren.

Wie weit haben all die Änderungen den Schulpsychologischen Dienst verändert?

Die wichtigste Änderung ist die Schärfung des systemischen Blicks. Ich erkläre das anhand eines Beispiels: Eine Schülerin begann zu schwänzen, sackte mit den Leistungen ab und verweigerte später den Unterricht ganz. Die Testpsychologie ergab keine Erklärungen. Erst bei späteren Gesprächen fiel mir auf, dass die Mutter oft übers Putzen sprach. Das Ansprechen dieser Beobachtung öffnete den Weg für die spätere Erkenntnis, dass die Mutter unter schweren Zwangsstörungen und Selbstmordgedanken litt: Das Mädchen blieb, ohne sich dessen bewusst zu sein, lediglich zu Hause, um die Mutter zu schützen. Nachdem das klar war, ging sie umgehend wieder zur Schule. Erst die Offenheit für das Zusammenwirken verschiedener, auch äusserer Faktoren ermöglicht es, nicht beim Symptom stehen zu bleiben. Eine negative Änderung ist andererseits, dass sich der administrative Aufwand vergrössert hat. Angesichts der Tatsache, dass die Ansprüche von Eltern und Öffentlichkeit an die Transparenz eines Dienstleistungsbetriebs grösser geworden sind, aber auch weil Eltern ihre Anliegen oft mit Anwälten durchzusetzen versuchen, ist das leider unumgänglich