Wem sollen die Schulsozialarbeiter an den Baselbieter Sekundarschulen unterstellt sein? Was nach einer organisatorischen Bagatelle klingt, ist tatsächlich von grosser Bedeutung, nicht «nur» für die Sozialarbeiter selbst, sondern vor allem für Schüler und Lehrer. Dazu ein fiktives, aber realitätsnahes Beispiel: Ein 13-jähriges Mädchen wird zu Hause von ihrem Vater, einem in der Gemeinde angesehenen Unternehmer, geschlagen. Soll sie davon der Schulsozialarbeiterin an ihrer Schule erzählen? Ob sie das tut, ist eine Frage des Vertrauens. Wie gut dieses ist, hängt auch davon ab, wem die Schulsozialarbeiterin unterstellt ist.

Bisher uneinheitlich geregelt

An sich war die Aufsichtsfrage so gut wie entschieden: Im vergangenen Herbst sickerte durch, dass Bildungsdirektor Urs Wüthrich auf dem Verordnungsweg den Schulsozialdienst der jeweiligen Schulleitung unterstellen will. Bisher war die Aufsicht an den Baselbieter Schulen uneinheitlich und teilweise widersprüchlich geregelt; in den meisten Gemeinden oblag diese dem Schulrat, manchenorts auch den sozialen Diensten. Gegen die Neuregelung wehrte sich der Birsfelder Landrat Jürg Wiedemann mit einer Parlamentarischen Initiative (PI) – dem griffigsten Instrument, das der Landratsbetrieb überhaupt kennt.

«Die Unterstellung unter die Schulleitung ist falsch», sagte Wiedemann, der kürzlich von den Grünen ausgeschlossen wurde und aktuell ohne Fraktion politisiert, bereits im vergangenen Herbst. Und er wiederholt es heute. Falsch deshalb, weil das erwähnte Vertrauensverhältnis zwischen Schülern und Schulsozialarbeitern leide, wenn letztere der Schulleitung Rechenschaft schuldig seien. Die Schulsozialarbeiter müssen unabhängig vom System Schule handeln können; die Aufsicht und fachliche Betreuung solle einer unabhängigen Organisation übertragen werden, fordert Wiedemann. Allerdings wurde seine PI an der Landratssitzung vom 26. März abgelehnt – nicht zuletzt, weil das Instrument zu einer buchstabengetreuen Umsetzung verpflichtet hätte.

«Die Parlamentarische Initiative war das falsche Instrument, da sie kaum Spielraum in der Umsetzung lässt», erklärt die Aescher SP-Landrätin Christine Koch. Dies ändere nichts daran, dass die Forderung nach einer unabhängigen Schulsozialarbeit richtig sei. Koch will morgen Donnerstag im Landrat mit einer eigenen Motion die Forderung nach einer unabhängigen Schulsozialarbeit wieder aufnehmen. Zeitgleich doppelt auch Wiedemann nach, wie er verrät.

Politiker aller Parteien sind dabei

Die beiden Vorstösse unterscheiden sich inhaltlich in Details: Jener von Wiedemann fordert verbindlicher eine unabhängige Organisation als jener von Christine Koch. Dass dennoch zwei separate Papiere eingereicht werden, hat persönliche Gründe: Wiedemann ist spätestens, seit er bei den Wahlen vom 8. Februar FDP-Regierungskandidatin Monica Gschwind unterstützt hat, bei den Genossen ein rotes Tuch. Gleichwohl hat es Wiedemann geschafft, für seinen neuen Vorstoss Bildungspolitiker aus sämtlichen Fraktionen – ausser eben der SP – zusammenzutrommeln. Zum Beispiel die Reinacher SVP-Landrätin Caroline Mall: «In unserem Schulwesen gibt es eine Tendenz, alles von oben herab zu regeln. Dem müssen wir entgegenwirken», erklärt Mall.

Dank der breiten Unterstützung und dem schwächeren Instrument wird die Forderung nach einer unabhängigen Schulsozialarbeit im zweiten Anlauf überwiesen. Die Umsetzung wird nicht mehr dem am 30. Juni abtretenden Urs Wüthrich unterstehen. Sondern seiner Nachfolgerin Monica Gschwind. Sie hat sich in dieser Frage bereits positioniert: als Anhängerin der Idee Wiedemanns.