Um die Mittagszeit fuhr der heute 37-jährige Mann bei guter Sicht und trockener Fahrbahn mit einem Renault Traffic auf der A 2 in Richtung Bern. Kurz nach der Ausfahrt Arisdorf wechselte er von der Überholspur auf die Normalspur. Er betätigte gar noch kurz den Blinker, um dann mit 109 km/h auf das Heck eines im Stau stehenden Mazda zu prallen. Gebremst hat er bis zum Ende nie, wie die Bilder einer Verkehrsüberwachungskamera zeigen. Der 37-Jährige war nicht angeschnallt und verletzte sich am Kopf, weil er beim Aufprall gegen die Windschutzscheibe knallte.

Die Folgen im stehenden Mazda waren gravierender: Zwei Frauen erlitten Schleudertraumata und Kopfverletzungen, ein damals fünfjähriger Junge im korrekt installierten Kindersitz erlitt ein lebensgefährliches Schädel-Hirn-Trauma. Er wurde nach über zwei Monaten aus dem Spital in ein Reha-Zentrum verlegt und hat durch die Hirnverletzungen den Entwicklungsstand eines Kleinkindes. Seine Mutter erlitt nebst dem Schleudertrauma auch eine posttraumatische Belastungsstörung. Sie ist seither vollständig krankgeschrieben und verbringt die Zeit beim Sohn in der Klinik.

Er erinnere sich an nichts

Der Anwalt der Opfer nahm am Donnerstag an der Strafgerichtsverhandlung in Muttenz nicht teil, aber es ist anzunehmen, dass sich hinter den Kulissen die Haftpflichtversicherung mit der Invalidenversicherung um die Kostenübernahme streitet.

Der 37-jährige Lieferwagenfahrer entschuldigte sich vor Gericht mit einer vorgelesenen Erklärung bei den Opfern, machte aber auf Rat seines Verteidigers keine Aussagen. «Kein einziges Mal leuchten die Bremslichter auf. Es muss davon ausgegangen werden, dass er komplett abgelenkt war», sagte Staatsanwältin Morena Schrank in ihrem Plädoyer. Wenige Wochen nach dem Unfall verursachte der Mann erneut eine Streifkollision.

Verteidiger Silvio Bürgi betonte, sein Mandant habe keine Erinnerung mehr an den Vorfall auf der A 2. Sekundenschlaf oder Ablenkung seien reine Spekulation, man könne auch ein medizinisches Problem nicht ausschliessen. Der Mann war Kokainkonsument, Bürgi wies aber darauf hin, zum Unfallzeitpunkt habe dies keine Rolle gespielt. Man dürfe den Fall trotz der tragischen Konsequenzen nicht mit einem Vorsatzdelikt vergleichen.

«Unbelehrbarer Fahrer»

Gerichtspräsidentin Irène Laeuchli sagte, auf der Videoaufzeichnung gebe es keine Anhaltspunkte für eine Bewusstlosigkeit beim Fahrer: Die Unfallursache liege damit klar bei mangelnder Aufmerksamkeit. Das Dreiergericht fällte einen Schuldspruch wegen mehrfacher fahrlässiger schwerer Körperverletzung und brummte dem Mann eine Freiheitsstrafe von 22 Monaten auf.

Normalerweise werden solche Strafen bedingt ausgesprochen, doch wegen diverser Vorstrafen im Strassenverkehrsbereich und bereits sechs Führerausweisentzügen stufte das Gericht den 37-Jährigen als «unbelehrbar» ein: Er muss die 22 Monate im Gefängnis absitzen. Dazu kommen Verfahrenskosten sowie zwei im Jahr 2013 bedingt ausgesprochene, nun fällig Geldstrafen, insgesamt rund 50'000 Franken.

Der Mann aus dem Kosovo wohnt seit 26 Jahren in der Schweiz und arbeitete regelmässig, weshalb die Staatsanwaltschaft «im Sinne einer letzten Chance» keinen Landesverweis beantragte. Den Schuldspruch kann der Mann noch weiterziehen.