Der Baselbieter Standortförderer eilt von Spatenstich zu Spatenstich. Nicht weniger als dreimal ist Thomas Kübler in den vergangenen vier Wochen auf Bauplätzen gestanden, auf denen Firmensitze entstehen, Ende Oktober zuerst in Allschwil, wenige Tage später in Laufen und am Dienstag in Münchenstein. Der jüngste Spatenstich war jedoch etwas Besonderes.

Bis in zwei Jahren entsteht in der Nähe des Bahnhofs der neue Hauptsitz eines ur-baslerischen Unternehmens: der Selmoni AG, spezialisiert auf Elektrolösungen, gegründet 1934, seit 55 Jahren im St. Alban-Tal ansässig, mitten in der Stadt.

Ein Basler Traditionsunternehmen zieht ins Umland – und legt den Spatenstich wenige Tage vor den Sonntag, an dem Basel-Stadt über «Volta Nord» abstimmt, die Vorlage über die geplante Transformation des Gewerbegebiets Lysbüchel im St. Johann-Quartier, an der Grenze zu Frankreich.

Der Termin kann kein Zufall sein, dachte sich gestern wohl der eine oder die andere der zwei Dutzend Geladenen. Bestärkt wurde die These spätestens bei der Rede von René Fässler. Der Selmoni-Geschäftsführer sagte, es sei dem Elektro-Unternehmen mit seinen rund 600 Mitarbeitenden zu eng geworden am alten Standort. Ein anderes Areal, das den Ansprüchen genüge, habe man leider nicht finden können innerhalb der Stadtgrenzen.

Jaquet zog nach Pratteln

Genau so geht die Klage, etwas vereinfacht, des Basler Gewerbeverbands. Er hat gegen «Volta Nord» das Referendum ergriffen, weil es aus seiner Sicht bereits heute in der Stadt an geeigneten Flächen für das Gewerbe mangle. Die Betriebe würden verdrängt.

Handelte es sich beim Selmoni-Spatenstich also auch um eine unterschwellige Abstimmungsempfehlung für die Lysbüchel-Vorlage? «Nein», sagt René Fässler zur bz. «Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Der Termin hängt mit der Erteilung der Baubewilligung zusammen, die kürzlich eingetroffen ist. Ursprünglich planten wir den Spatenstich im Sommer.» Tatsächlich trägt die Baubewilligung das Datum vom 5. November.

Mit Kritik an der Politik des Stadtkantons spart Fässler aber nicht. Auf Nachfrage sagte er: «Die Stimmbevölkerung hat das Verkehrsregime angenommen, das ist zu akzeptieren. Für das Gewerbe in der Stadt ist das aber nicht gut.» Ein Hauptkriterium für das neue Selmoni-Domizil seien die Parkplätze gewesen. Im Stadtkanton wären maximal 25 Parkplätze bewilligt worden. «Beim Neubau in Münchenstein sind es jetzt 180», sagt Fässler. «Für unseren Betrieb ist es elementar, dass wir mit Fahrzeugen zufahren und umladen können.»

Den Weg, den Selmoni geht, hat ein anderes Basler Traditionsunternehmen bereits vollzogen. Die Jaquet Technology Group verlegte per 2017 ihren Sitz vom Basler Bachletten-Quartier nach Pratteln. Auch Jaquet begründete den Umzug mit fehlenden Expansionsmöglichkeiten am alten Standort.

Lysbüchel lag zu peripher

Eine Auswertung der bz ergab, dass seit 2009 rund 2300 Unternehmen den Kanton Basel-Stadt verlassen haben. Von den Wegzüglern ging die Hälfte ins Baselbiet. Bei den neuen Firmensitzen schwang zwar die Stadt Zürich obenaus, gleich danach folgten jedoch Allschwil, Muttenz, Münchenstein, Reinach, Binningen und Pratteln. Dieselben Ortschaften rangieren jedoch auch zuoberst in der Tabelle der rund 1300 Firmen, die seit 2009 neu nach Basel gezogen sind.

Es herrscht also ein gewisser «Austausch» an Firmen zwischen Kernstadt und Agglomeration. Gerade dem verarbeitenden Gewerbe wird es in der Stadt aber offensichtlich doch zu eng und zu teuer.

Im Fall Selmoni war wohl auch entscheidend, dass künftig alle Arbeitsplätze in einem Gebäude vereint werden können. Im St. Alban-Quartier belegte die Firma sechs Liegenschaften – im neuen, sechsgeschossigen Bau beim Münchensteiner Bahnhof kommen Büros, Werkstätten und Lager unter. In zwei Jahren soll der Hauptsitz an der Aliothstrasse 4 bezugsbereit sein.

Das Lysbüchel-Areal sei für Selmoni keine Option gewesen, sagt Fässler: «Wir wollten nie an den Westgürtel. Er liegt verkehrstechnisch nicht gut.»