Im bz-Gemeinderating zur Sozialhilfe im Baselbiet hat Seltisberg am besten abgeschnitten. Bloss 0 bis 0,5 Prozent seiner 1310 Einwohnerinnen und Einwohner beanspruchten im Jahr 2016 Sozialhilfegelder. Gemeinderats-Vizepräsidentin Miriam Hersche, unter anderem zuständig für Sozialhilfe, erklärt, weshalb.

Waren Sie überrascht, als Sie vom guten Abschneiden von Seltisberg im jüngsten bz-Rating hörten?

Miriam Hersche: Nein, eigentlich nicht. Seit ich der Sozialhilfebehörde angehöre, ist für mich immer klar gewesen, dass wir eine Gemeinde sind, welche die infrastrukturellen Thematiken nicht anbietet, um Sozialhilfebezüger anzulocken. Was in der Recherche nicht berücksichtig ist, ist das finanzielle Engagement unserer Gemeinde bei «Heime auf Berg». Hier bleiben wegen einer Gesetzeslücke die Kosten mehrheitlich an unserer Gemeinde hängen.

Was meinen Sie mit infrastrukturellen Thematiken?

Für Sozialhilfebezüger zählt jeder Franken. Bei uns sind sie zum Beispiel auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen für den Wocheneinkauf, bei einem schwierig zu betreuenden Kind oder gesundheitlichen Einschränkungen müssen sie eine Lösung bringen. Dafür bieten wir nur eingeschränkte Infrastruktur und Möglichkeiten im Dorf selbst. Wir werden auch keine Wohnungen bauen für Sozialhilfeempfänger. Der Preis für Bauland ist bei uns relativ hoch. Wer will dann schon ein Mehrfamilienhaus bauen für Leute, die von der Sozialhilfe abhängig sind?

Hat es ein Dorf in der eigenen Hand, die Sozialhilfequote zu regulieren?

Nein, dies können wir nicht steuern und ist weitgehend gegeben. Seltisberg ist nun mal ein typisches Dorf mit Einfamilienhäusern. Zwar haben wir einen attraktiven Steuerfuss (52,0 Prozent, Anm. d. Red.), aber auch sehr viele Eigenheimbesitzer mit grossen Landparzellen. Unsere Nachbargemeinde Liestal, der Kantonshauptort, hat ganz andere Sorgen mit Sozialhilfeempfängern. Die Liestaler schauen vielleicht fast ein wenig eifersüchtig zu uns hoch, aber wir steuern nicht speziell in eine Richtung. Uns sind diesbezüglich auch die Hände gebunden.

Sie haben eine eigene Sozialhilfebehörde. Wie gestaltet sich der Austausch mit der Klientel?

In unserer fünfköpfigen Behörde haben wir Sozialhelferinnen und -helfer, die mit den Empfängern regelmässig Gespräche führen. Dabei unterstützen wir die Klientel, sodass jede und jeder möglichst wieder unabhängig von uns wird.

In Ihrem Dorf mit gut 1300 Einwohnern kennen sich viele Leute. Die Anonymität von Sozialhilfebezügern ist nicht vollständig gewährleistet. Wie geht man damit um?

Alles wird anonym gehalten. Ob die Einwohnerschaft weiss, wer von der Sozialhilfe abhängig ist oder nicht, entzieht sich meiner Kenntnis. Als Mitglied der Sozialhilfebehörde kenne ich natürlich die betreffenden Leute. Diese sind für mich aber Menschen wie alle anderen auch. Nicht jeder hat nur Glück im Leben. Für Sozialhilfeempfänger ist die Situation nicht immer einfach.

Sie befürworten die Ausgleichs-Initiative. Diese fordert, dass künftig 70 Prozent der Nettosozialhilfekosten auf alle Baselbieter Gemeinden verteilt wird. Eigentlich müssten Sie als Gemeinderätin eines Dorfes mit tiefer Sozialhilfequote gegen diese Lösung sein – sie würde Sie ja nur Geld kosten.

Der Gesamtgemeinderat hat sich gegen diese Initiative ausgesprochen. Persönlich denke ich, dass ein Ausgleich in diesem Thema kommen wird. Wie er sich ausgestaltet, wird sich zeigen. Wenn man das Ganze in einem komplexeren Rahmen sieht – sei es Gesundheit, Soziales oder Vorsorgebereich –, wird dies unsere Gesellschaft künftig noch stärker belasten, ob wir das wollen oder nicht. Mit dem demografischen Wandel, der teils erschwerten Arbeitsmarktsituation hat das eine noch stärkere Ausprägung. Daher denke ich, dass wir – auch wenn wir uns derzeit in einer privilegierten Situation befinden – vom Solidaritätsgedanken her nicht darum herumkommen werden, hier auch einen entsprechenden Beitrag zu leisten.