Da sitzt sie. Haar schulterlang, Jeans hochgekrempelt, ein schlichtes Oberteil. Was man bestenfalls noch als halbwegs auffällig bezeichnen könnte, ist der goldene Rand ihrer Brille, gleichzeitig auch der einzige Schmuck an dieser zierlichen Frau. Sie legt sie ab für das Foto. Dahinter die dunklen Augen, in die man blickt und sich sofort fragt: Hat sie es wirklich getan? Hat sie Massen vergiftet? Eine Privatarmee aufgebaut? Nicht nur eine Sekte geführt, sondern diese als eigene Stadt organisiert?

Es muss unsicher bleiben. Wer mit Ma Anand Sheela redet, kann vieles erwarten, aber keine Gewissheit. Er wird ihr nicht auf die Schliche gekommen. Alleine seit Netflix entschied, ihre Geschichte aufzurollen, hat sie über siebzig Interviews gegeben. Diese beeindruckende Zahl dürfte in ihrem Leben kaum mehr ins Gewicht fallen: Als jahrzehntelanges Sprachrohr der Bhagwan-Sekte sassen wohl Tausende Reporter gegenüber. Und die US-Justiz. Dieses Stahlbad, das Ma Anand Sheela durchschritten hat, ist leicht zu vergessen. Gütig nimmt sie jede Interview-Anfrage an, beantwortet Fragen geduldig, erzählt mit ruhiger Stimme dem Journalisten – mal englisch, mal deutsch – ihre Version der Geschichte so, als wäre es das erste Mal. Diese Geschichte ist trotz Büchern und Filmen noch immer so unerhört, dass man sie gerne aufsaugt. Sie geht so:

Eine junge Frau verliebt sich unsterblich in einen redegewandten Philosophieprofessor. «Ich bemerkte, wie Tränen meine Wangen hinabkullerten», beschreibt Sheela ihre erste Begegnung mit jenem Mann, der ihr Leben bestimmt. Die heute 70-Jährige hiess damals Ambalala Patel Sheela und er Chandra Mohan Jain. Er, der glatzköpfige Rauschebart mit den manisch-magischen Augen. Sie, die 16-Jährige, die bei einem Familienbesuch sofort in seinen Bann gerät. Liebe nennt das Sheela, Liebe, die bis heute anhält und alles überlebt.

Wortgewaltig mischt der spirituelle Führer Humor mit Weisheit, Heidegger mit Jesus, Religion mit Lifestyle und formt so seine Neo-Sannyas-Bewegung. Es ist ein Erfolgsrezept; trifft den Geschmack der späten Sechziger ganz genau. Bald nennt er sich Baghwan, Gesegneter. Er predigt grenzenlose Freiheit vor einer stetig grösser werdenden Gefolgschaft, die ihm von Bombay nach Poona folgt.

Aus der Mitte Indiens schallt sein Ruf in den Westen, wo mittelständische Menschen alles fahren lassen und zu ihm reisen. In seinem Tempel liegen ihm die Sannyasins zu Füssen. Täglich krüppeln sie auf seiner Anlage. Im Gegenzug erhalten sie orangene Gewänder, eine Kette und einen Namen in Sanskrit. Meditationsstunden spülen das Geld in die Kasse, um dem Guru ein Leben in Luxus zu bezahlen. Hyperventilierende Hippies auf der Suche nach Sinn und Sex bilden eine Kommune, die bald alle Grenzen sprengt.

Provokation ist Bhagwans Unique Selling Point und das birgt auch Risiken. Zum Auszug aus Poona bewegen Bhagwan allerdings weder Berichte über Drogenkriminalität noch ein Mordanschlag auf ihn – sondern ganz profan die Steuerbehörden. In Indien treffen er und seine zu einem Kult angeschwollene Gefolgschaft inzwischen überall auf Ablehnung.
Widersprüche lösen sich auf

Es ist der Beginn der Regentschaft von Ma Anand Sheela. Sie ist die weltliche Organisatorin des Bhagwans, beschafft ihm Visa und Land in den USA. Unter ihrer Führung stampfen die Sannyasins eine Stadt aus dem Boden, mitten in Oregons Niemandsland. Mit einem Flughafen für die eigene Jet-Flotte, mit eigenen Bussen, eigenen Restaurants, eigener Post. Erschaffen durch die Hände der Gläubigen, die ihren Führer nur noch selten zu Gesicht bekamen. Die beste Gelegenheit bot sich eigentlich, wenn er winkend in einem seiner 93 Rolls-Royce vorbeifuhr.

Solche schreienden Widersprüche in ein schweigendes Lächeln zu verwandeln, ist die grosse Kunst des Kults. Baghwan ist der Meister, Sheela seine beste Schülerin. Wahrheit, Schuld und Wissen – das alles gibt es gar nicht. Solche Begriffe werden in wohlklingende Sätze zersetzt und lösen sich in Luft auf wie ein Räucherstäbchen.

«Wahrheit ist keine Tradition.
Wahrheit ist niemals alt.
Sie ist ewig neu.
Sie ist ewig frisch.
Wie Tautropfen am Morgen.
Wie Sterne in der Nacht.
Tradition kommt von weitergeben.
Wahrheit kann nicht weitergegeben werden.»

So klingt es, wenn Bhagwan doziert.
Sheela bleibt auf dem Boden. Später lacht sie über die dummen Sinnsuchenden, denen sie das Geld aus der Tasche zieht. Mit dem Geld der Traumtänzer bereitet sie Bhagwans Weg auf Erden: Sie managt die lokale Politik wie auch die eigene Infrastruktur. Und das zunehmend radikaler, gegen innen wie aussen. Weil auch die Amerikaner zunehmend misstrauischer werden und es gar zu Anschlägen gegen die Sekte kommt, baut Sheela eine Privatarmee auf. «Die Amerikaner haben ihr Rechtssystem missachtet, um gegen uns vorzugehen. Es geschah Inakzeptables. Wir mussten uns wehren», sagt Sheela. Bald trägt die «Peace Force» Waffen. Im September 1984 erfolgt die radikalste Aktion: Sannyasins vergiften 750 Menschen in einem Nachbarsstädtchen.

Streit und Trennung

Die Schuld schiebt Bhagwan auf Sheela. Zwar erst ein Jahr später, nachdem sie im Streit auseinandergegangen sind. Sheela, die sich nie dazu bekennt, wird des versuchten Mordes bezichtigt und verhaftet. Ohne sie bricht die Gemeinde auseinander. Auch Bhagwan, abhängig von ihr und Valium, ist am Ende. Wegen Lügen gegenüber der Einwanderungsbehörden wird er des Landes verwiesen. Er stirbt in Poona, keine sechzig Jahre alt.

Nach 39 Monaten in Haft wird Sheela aus dem Gefängnis entlassen. Sie reist in die Schweiz, wo sie als Haushälterin jobbt und den Namen Birnstiel annimmt. Inzwischen führt sie ein Heim für geistig und körperlich Behinderte, eines in Maisprach, eines in Waldenburg. Mit Liebe, wie sie sagt. Jene Liebe, mit der sie sich einst Bhagwan opferte, sei nun Antrieb ihrer Arbeit mit beeinträchtigten Menschen. Ihre Angestellten blicken zu ihr auf, das ist bei einem kurzen Besuch zu spüren.

Ist sie Baghwan böse? «Ich urteile nie», sagt sie, die soeben ihre ganze Geschichte erzählt hat, und dabei allen die Schuld gab ausser sich selbst. Die immer nur tat, was von ihr verlangt war. Die Bhagwans Luxussucht mit seinen Drogen erklärte, von der sie aber lange nichts gewusst haben will. Alles Böse dringt von aussen auf sie und Bhagwan ein. In ihr drin, da ist nur Liebe. Selbstkritik kennt Sheela nicht. Zumindest nicht im Grossen. «Ich würde mein Leben nochmals genau gleich leben, wenn ich es könnte», sagt sie. Klar, habe sie Fehler begangen, jeder begehe Fehler. Wie so oft werden die Sätze schnell allgemein, heben ab zu einer Lebensmaxime, so gültig und sinnbefreit wie ein Kalenderspruch. «Fehler sind unsere Basis. Das sind Werte, mit denen wir aufwachsen. Und Werte sind Gold wert, sie geben uns Halt.»

Und so muss die Frage nach Schuld diffus bleiben. Ein Geständnis wird es nie geben, das ist deutlich. Es ist vielleicht die Essenz dieser unfassbaren Frau.