Frau Bammatter, Herr Geiser, ist unsere Gesellschaft heute eher übersexualisiert oder zu prüde?

Lukas Geiser: Ich finde diese Begriffe etwas schwierig. In der heutigen Zeit ist es eher so, dass sich die Medien extrem viel mit Sexualität befassen. Das heisst aber überhaupt nicht, dass die Menschen locker-flockig darüber reden können. Aus dieser Diskrepanz entsteht vielleicht die Ansicht, die Gesellschaft sei noch etwas prüde. Aus meiner Sicht ist beim Thema Sexualität eine gewisse Zurückhaltung genauso gut wie eine gewisse Aktivität.

Schadet zuviel Tabuisierung, weil bestimmte Dinge wie der Konsum von Pornografie stigmatisiert werden?

Elisabeth Bammatter: Ich sehe bei Jugendlichen klar: Je besser jemand bereits aufgeklärt ist, desto besser kann er oder sie auch mit dem eigenen Körper umgehen und überhaupt eine Sprache dazu entwickeln. Aber dieses Thema braucht Auseinandersetzung und Bildung.

Ist die intensive Werbung mit Frauen für Objekte wie Autos oder Uhren sinnvoll, weil sie das Bewusstsein für Sexualität fördert, oder schädlich, weil sie Frauen zu Objekten degradiert?

Geiser: Die Jugendlichen brauchen Kompetenzen, damit sie mit Sexualität in den Medien umgehen können. Sie müssen im Umgang mit den Einflüssen von Pornografie, Frauenbildern und Männerbildern bestehen können, damit sie ein positives Bild von der Sexualität haben. Dabei ist es wichtig, dass Kinder und Jugendliche begleitet werden.

Welche Möglichkeiten haben Sie, Jugendlichen diese Kompetenzen zu vermitteln?

Bammatter: Das Wichtigste ist, einen Raum zu bieten, um das Thema miteinander zu besprechen. Die Jugendlichen müssen wissen, dass sie sich nicht offenbaren müssen, sondern mit Beispielen arbeiten können und sich davon nehmen, was sie brauchen. Über die Schule hinaus müssen wir aber auch die Eltern und andere Personen in der Erziehung befähigen, mit den Jugendlichen angemessen über Sexualität zu sprechen. Für sie ist es wichtig, dass sie Ansprechpartner auf unterschiedlichen Ebenen zu diesem Thema haben.
Geiser: Konkret will ich mit den Jugendlichen überlegen, wie man zum Beispiel erfolgreich flirtet. Man kann sehr gut mit Kindern und Jugendlichen diskutieren, wo Grenzen überschritten werden.

Kann der Porno-Konsum im Laufe der Entwicklung eines Menschen schaden?

Bammatter: Eine Umfrage aus Deutschland hat gezeigt: Es macht Kindern keine Angst, wenn sie mit Pornografie in Kontakt kommen. Sie wissen von sich aus, dass es nichts für sie ist; aber es verstört sie nicht, wie es Gewalt- oder Horrorfilme eventuell tun. Es interessiert sie einfach nicht. Auch bei Jugendlichen würde ich nicht von «Schaden» sprechen. Es ist eine Herausforderung, der sich die Jugendlichen stellen müssen: Wenn man die Darstellung von Geschlechtsakten sieht und selbst noch keine Erfahrungen hat, bekommt man natürlich ein Bild davon, das sich erst relativiert, wenn man selbst zum ersten Mal intimen Kontakt hat.
Geiser: Bei Erwachsenen würde ich ebenfalls eher von Herausforderungen sprechen, wenn Paare über Schamgefühl und Misstrauen reden müssen, die Pornografie beim Konsumenten und dem nichtbeteiligten Partner hervorrufen können.

Gibt es so etwas wie Pornosucht?

Geiser: Sexualität ist etwas, das man mehr oder weniger gestalten kann. Deshalb finde ich es sehr schwierig, von Pornosucht oder Sexsucht zu sprechen. Gerade Jugendliche probieren sich aus. Ein Indiz bei Erwachsenen wäre, wenn man den Impuls nicht mehr kontrollieren kann: «Ich weiss, im Büro darf ich keine Pornos schauen; das ist klar. Aber ich schaffe es nicht.»

Welche Gefahren bestehen, wenn Pornos das Frauenbild von Männern prägen?

Bammatter: Die männlichen Jugendlichen machen sich schon Gedanken darüber, wie die Frauen dargestellt werden. Aber im Vordergrund steht wirklich der Porno als Erregungsquelle. Die jungen Männer merken in der Realität dann sehr schnell, dass die Dinge nicht so funktionieren, wie in einem Pornofilm: Die Realität korrigiert die virtuellen Vorstellungen.

Können Pornos also auch einen pädagogischen Wert haben?

Geiser: Nein, einen pädagogischen Wert haben sie kaum. Sicher kann man aus Pornos «etwas lernen»: Man sieht neue Stellungen oder Geschlechtsorgane im Detail – ob das der Realität entspricht, ist wieder eine andere Frage. Ein Pornofilm ist deshalb sicher kein methodisch-didaktisches Lernmittel.

Elisabeth Bammatter leitet in Binningen eine der beiden Kantonalen Beratungsstellen für sexuelle Gesundheit.

Lukas Geiser doziert Sexualpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Zürich.