Elke Kreiselmeyer sitzt zurückgelehnt auf ihrem Stuhl in der noch leeren Kirche. Sie trägt eine weisse Albe mit violettem Farbstreifen, auf ihrem Schoss liegt ein ledergebundener Ordner. In 20 Minuten gehts los, es bleibt Zeit für einen Moment Entspannung.

«Das ist der beste Moment, wenn alles vorbereitet ist», sagt Kreiselmeyer mit einem breiten Lachen auf ihrem rundlichen Gesicht. In der Kirche ist es kalt, trotzdem sind ihre Wangen leicht gerötet.

Keine Eucharistie mit ihr

Elke Kreiselmeyer ist 50 Jahre alt und arbeitet seit bald 20 Jahren als katholische Gemeindeleiterin. Im Grunde macht sie dieselbe Arbeit wie ein Priester, sie darf aber nicht Eucharistie feiern, keine Beichten abnehmen und nicht das Sakrament der Krankensalbung spenden. Wer sich nicht auskennt, kann Gottesdienste einer Gemeindeleiterin jedoch kaum von denen eines Priesters unterscheiden. Die Adventsfeier in der Binninger Kirche ist kein gewöhnlicher Sonntagsgottesdienst: Sie ist nur für Frauen bestimmt. Kreiselmeyer spricht mit zwei Kolleginnen zum Thema Stress und Burnout. Sie wollen die Frauen ermutigen, sich nicht ihren inneren «Antreibern» nach Perfektion und Angepasstheit zu beugen.

Frauenthemen stehen bei Elke Kreiselmeyer ganz oben auf der Prioritätenliste. Fünf Jahre lang hat sie dafür gekämpft, dass in der Therwiler Kirche neben den bekannten männlichen Figuren auch die Frauen der Kirchengeschichte ihren Platz bekommen. Anfangs war die Skepsis gross. Doch Kreiselmeyer organisierte Vorträge und Workshops und hat die Kirchgemeinde überzeugt. Nächstes Jahr werden ihre Visionen Wirklichkeit, und mit Frauen wie Diakonin Phoebe verewigt sie sich auch ein Stück weit selbst. Kirchgemeindepräsident Ruedi Baltisberger hat Kreiselmeyers Einsatz miterlebt. «Sie musste kämpfen, aber ihr grosses Wissen und ihre Argumente haben das Projekt möglich gemacht», sagt er.

In der Kirche treffen die ersten Frauen ein. Mittlerweile leuchten auf der Treppe zum Altar unzählige Teelichter. Kreiselmeyer zieht sich in die Sakristei zurück, um sich vor der Feier nochmals zu sammeln. Heute will sie nicht von der Kanzel predigen, sondern sich mit ihrer Gemeinde in einen grossen Stuhlkreis setzen. Heute ist sie eine von ihnen, selbst nicht gefeit vor Stress und hohen Anforderungen an sich selbst.

Kreiselmeyer ist es am liebsten, wenn sie Anlässe und Gottesdienste mehrere Wochen im Voraus geplant hat. «Ich bin unter Zeitdruck nicht mehr kreativ», sagt sie. Auch das Weihnachtsprogramm steht Anfang Dezember schon fest. «Sie ist unglaublich strukturiert», findet Baltisberger. Der Kirchgemeindepräsident ist heute voller Lob für Kreiselmeyer und ihren Mann Ralf. Das war nicht immer der Fall. Nach zwei Jahren ohne Pfarrer hiess es 1999, ein Paar aus Deutschland werde künftig die Gemeinde leiten. Baltisberger, damals noch im Kirchenchor, war kritisch und mit ihm viele Gemeindemitglieder. Auch Kreiselmeyer erinnert sich an diese Zeit: «Wir hörten die Aussage ‹müssen es unbedingt Deutsche sein›». Doch das Gemeindeleiterpaar fand sich gut zurecht, nach zwei Jahren wurden sie mit grosser Mehrheit definitiv ins Amt gewählt.

Die Entscheidung, in der Schweiz einen Job anzunehmen, fiel dem Theologen-Ehepaar leicht. «In Deutschland hatten wir immer das Gefühl, nicht richtig zu sein, weil wir keine Priester waren», erzählt Kreiselmeyer. «Hier spürten wir zum ersten Mal, in unserem Beruf willkommen zu sein.» Die Ankunft in Therwil ist nun schon 20 Jahre her. Neben Gottesdiensten und Seelsorge besteht Kreiselmeyers Alltag aus jeder Menge administrativem Aufwand und zahlreichen Besprechungen mit ihren Mitarbeitern. «Sie ist als Chefin nicht einfach easy-going, wie man sich vielleicht denkt», erklärt Theologin Jutta Achhammer, die seit neun Jahren mit ihr zusammenarbeitet. «Sie hört gut zu und hat eine klare Linie.» Auch Ruedi Baltisberger weiss, Kreiselmeyer kann sich durchsetzen. «Sie ist sehr eloquent und kann ihre Argumente präsentieren. Das überzeugt.» Sie habe mehr Dampf, während ihr Mann eher der ruhige, philosophische Part sei.

Teilt mit Mann Leben und Beruf

Kreiselmeyer lernte ihren Mann Ralf kennen, als sie 17 Jahre alt war. Er war sieben Jahre älter, Ordensmann und wollte Priester werden. Die beiden verliebten sich ineinander und ihr Mann verliess den Orden. Vier Jahre später heirateten sie. Heute teilen sich die beiden Leben und Beruf, einzig ihre Büros sind durch eine Wand voneinander getrennt. Am Frauengottesdienst ist auch Ralf Kreiselmeyer dabei, jedoch nur, weil er sich für die Begleitmusik begeistert. Um nicht zu stören, muss er seiner Frau von der Empore aus zuschauen. Während diese sich im Gespräch offen und redselig gibt, nimmt sie sich in der Kirche zurück. Nur beim Gesang sticht ihre helle, klare Stimme deutlich heraus. Und das, obwohl sie ihr Mikrofon hinter ihrem Ordner versteckt hält.

«Seit ich denken kann, haben meine Eltern mit mir abends gebetet», erzählt sie. «Ich habe mich geborgen gefühlt und bald gespürt, dass ich eine innere Verbindung habe mit dem, den oder die wir Gott nennen». Die Verbindung blieb, und in ihrer Jugend kam ein grosses Interesse für die Bibel und eine Neugier für theologische Fragen dazu. Umso wohler fühlte sich Kreiselmeyer im Theologiestudium, sie bezeichnet es als «aufregende Zeit». Es habe damals schon viele Frauen in dem Studiengang gegeben, auch feministische Theologie war Thema. «Ich verstehe mich selbst als Feministin. Und als solche muss man sich selbst permanent Rechenschaft darüber ablegen, warum man dieses System immer noch unterstützt.»
Kreiselmeyer scheut sich nicht, ihre Meinung zu sagen. Über Frauen in der Kirche: «Sie gehören gleichberechtigt in allen Gremien und Funktionen». Über den Papst: «Es ist erschütternd, auf welchem Niveau Franziskus Aussagen zum Thema Abtreibung und Homosexualität macht». Über Sex vor der Ehe: «Um Gottes willen, das hat für mich überhaupt nichts mit Religion zu tun».

Auch in den sozialen Medien äussert sich Kreiselmeyer gerne politisch: Sie teilt Beiträge zur Geschlechter-Gleichstellung, zur Religionszusammenarbeit und zu Abstimmungen. «Ich bin noch viel zu wenig politisch», sagt sie derweil über sich selbst. «Manchmal denke ich, in einem zweiten Leben würde ich in die Politik gehen, wo ich wirklich etwas bewegen kann.» Ein bisschen Politik machen, das lässt sie sich aber nicht nehmen. Dafür spricht das leuchtend orange Banner, das in der Tür des Kirchgemeindehauses hängt. «Ich habe die Idee vorgebracht, dass sich die Kirchgemeinde für die Konzernverantwortungsinitiative einsetzt», sagt sie. Auch wenn nicht alle von der politischen Gemeindeleiterin begeistert sind, Baltisberger unterstützt ihre Bemühungen. «Es ist ihr Recht, sich zu äussern, und ich finde toll, dass sie das macht.»

«Unsäglicher Reformstau»

Trotz der inneren Konflikte hält Kreiselmeyer an der katholischen Kirche fest. Weil es eben nicht nur die Konflikte gibt. Der Beruf mache sie einfach glücklich. «Ich bin hier am richtigen Platz, hier kann ich meine Fähigkeiten so einsetzen, wie es mir entspricht.» Dazu komme die Gemeinschaft und ein tolles Team, mit vielen Seelsorgerinnen. «Wir haben gezeigt, dass der Himmel nicht herunterfällt, wenn wir im Grunde als Priesterinnen arbeiten.» Doch es müsse sich etwas ändern in der Institution Kirche. «Es gibt einen unsäglichen Reformstau, nicht nur in der katholischen Kirche. Das Zölibat, der Umgang mit Homosexualität, die Ordination von Frauen. Es ist eine Katastrophe, dass wir das noch nicht kapiert haben.» Kreiselmeyer ist sich sicher: Wenn Frauen und Männer, Mütter und Väter Priester werden könnten, würde sich die katholische Kirche wandeln.

Ob sie denn an diesen Wandel glaube? «Ich setze nicht darauf, dass ich das noch erlebe. Ich befürchte, dass wir die Generation sind, die dem Untergang zuschauen muss.» Sie könne lediglich vor Ort ihr Bestes geben.

Mittlerweile ist der Gottesdienst in Binningen zu Ende. Die Frauen haben verschiedene «Erlauber» mitgenommen: «Ich darf mich ausruhen» oder «ich muss es nicht allen recht machen». Kreiselmeyer wirkt gelöst und glücklich. Ungefähr so würde es aussehen, wenn eine Frau und Mutter Priesterin wäre.