Solch einen Leistungsausweis sieht man selbst bei Sm’Aesch Pfeffingen nicht alle Tage. Mit 15 Debüt in der höchsten holländischen Liga, mit 18 der Sprung in die deutsche Bundesliga, 40 Einsätze im holländischen Nationalteam. Und dann landete Tess von Piekartz 2014 bei einer Wahl der speziellen Sorte auf dem vierten Rang. Gesucht wurde die schönste Volleyballerin Hollands aller Zeiten.

Eines steht fest: Tess von Piekartz wird für Aufsehen sorgen bei ihrem ersten Heimspiel am Samstag in der Aescher Löhrenackerhalle. Und genau das ist auch die ihr zugedachte Rolle – die Holländerin ist als Spielerin bekannt, die das Publikum antreibt. Eigenschaften wie diese haben den Ausschlag gegeben, dass Sm’Aesch-Trainer Timo Lippuner die extrovertierte
24-Jährige ins Birstal geholt hat. Sie soll als Passeuse nicht nur der spielerische Dreh- und Angelpunkt des Teams sein, sondern auch dessen Herz und Seele. «Tess ist ein unglaublich offener, emotionaler Mensch», schwärmt Lippuner. «Sie kämpft bis zum Umfallen, spornt Mitspielerinnen und Publikum an.» Genau das sei wichtig bei einer Passeuse. Sie müsse das Team spüren, habe frech und keck aufzutreten – und manchmal auch zu überraschen.

Im August zog von Piekartz in die Region, zuvor hatte sie fast sechs Jahre in Deutschland gewohnt. Vier Saisons spielte sie beim USC Münster, zur Saison 2014/15 hin wechselte sie zu den Roten Raben Vilsbiburg, Bayern. Dort konnte sie sich jedoch nicht als Stammspielerin durchsetzen.

Freund: Radprofi Marcel Kittel

Die Schweiz habe sie bereits gut gekannt, erzählt die aufgeweckte Blondine: Als Kind habe sie manch Wochenende in Solothurn verbracht. Dort war sie mit ihrer Familie oft zu Besuch bei Bekannten. Dann ist auch ihr Freund kürzlich in die Schweiz gezogen. Es ist der deutsche Radrennprofi Marcel Kittel, unter anderem Tour-de-France-Etappensieger. Am diesjährigen Giro d’Italia gewann er ebenfalls zwei Etappen, die Presse nannte ihn «il bello Marcello». Er wohnt am Bodensee – sie in Aesch. Kein Problem, sagt sie. «Die Schweizer bemitleiden mich immer, wenn ich sage, dass wir zwei Autostunden voneinander entfernt leben. Aber ich habe mich an deutsche Verhältnisse gewöhnt. Für uns ist das keine Distanz mehr.»

Sie habe sich von Anfang an gut aufgenommen gefühlt in der Region, sagt von Piekartz. Auch die Landschaft habe es ihr angetan, vor allem die Berge. Damit meint sie aber nicht etwa die Alpen, sondern die hiesigen Erhebungen. «Für uns Holländer», sagt sie, «ist das schon sehr hoch.»

Während ihrer Zeit in Deutschland lernte sie Deutsch, nur Schweizerdeutsch beherrscht sie noch nicht. Die Schweizer seien zwar etwas zurückhaltender als Holländer, will sie beobachtet haben, aber auch das sei nichts Neues: Diesen Unterschied habe sie bereits beim Wechsel von Holland nach Deutschland festgestellt.

Sm’Aesch-Trainer Timo Lippuner muss sich gut verkauft haben, um von Piekartz von der Bundesliga in die vergleichsweise beschauliche Nationalliga A zu locken. Entgegen kam dem Trainer, dass er sich mit ihr in ihrer Muttersprache unterhalten konnte, seine Mutter ist auch Holländerin. Aber das alleine gab nicht den Ausschlag. «Ich kannte Timo schon», sagt von Piekartz. «Er ist unglaublich gut vernetzt in der Volleyballszene, und ich wusste: Er ist ein Taktikfuchs, bei ihm kannst du viel lernen. Das ist eine Chance, weiterzukommen.»

Viel Verantwortung – viel Druck

Von Piekartz kennt die Erwartungen, die auf ihr lasten. Und als Passeuse kann sie sich nicht verstecken auf dem Feld: In der Regel erhält sie den zweiten Ball. Sie gestaltet das Spiel, entscheidet, wer angreifen darf. Das bedeutet Macht, Verantwortung – und Druck. Bei ihrem ersten Spiel vergangenen Sonntag stellte sie ihre Qualitäten erstmals unter Beweis. Beim 1:3-Auswärtssieg gegen Viteos NUC in Neuchâtel bedankten sich die Angreiferinnen für die exakten Zuspiele ihrer neuen Passeuse.

Mit ihrer Sprungkraft macht von Piekartz auch ihre für internationale Verhältnisse eher bescheidene Körpergrösse wett. Sie ist 1.72 Meter gross – nicht wenige Mitspielerinnen und Gegnerinnen überragen sie um einen Kopf.

Was sicherlich anders ist im Vergleich zur Bundesliga: die Stimmung in den Hallen. In Deutschland besuchen auch mal über 10 000 Zuschauer ein Spitzenspiel der Damen, das ist in der Schweiz noch anders, hier liegt der Schnitt meist zwischen 200 und 400 Zuschauern.

Doch dies könnte sich zumindest in Aesch auch noch ändern. Dann, wenn sich in der Region herumgesprochen hat, dass vor der Haustür ein absolutes Spitzenteam zu Hause ist – mit einem holländischen Star am Netz.

Nächstes Heimspiel: Sm’Aesch Pfeffingen – VBC Cheseaux. Samstag, 17 Uhr. Löhrenackerhalle, Aesch.