Als Hanspeter Meier im Sommer 2015 hörte, dass 35 männliche Flüchtlinge nach Muttenz kommen, dachte er: Das könnte Probleme geben. 35 junge Männer, traumatisiert von Krieg und Flucht, keine Beschäftigung, dafür viel Zeit zum Herumlungern. Meier hätte in wutbürgerlicher Manier Hasskommentare schreiben können. Aber Meier ist kein Fremdenfeind. Er machte es sich zum Ziel, dass Muttenz keine Probleme mit den Flüchtlingen haben würde.

Fussball ist beliebter

Also hat er die Arbeitsgemeinschaft Asyl Muttenz (AG) aufgebaut und 25 Freiwillige motivieren können, sich zu engagieren. Zusammen bieten sie den Flüchtlingen ein reichhaltiges Programm an: Deutschkurse, Sport, Ausflüge, gemeinsame Abendessen. Wobei sich das Angebot im Lauf des Jahres verändert hat. Die Ausflüge hat man aufgegeben, den sportlichen Mittwochnachmittag beinahe.

Als die bz im Januar 2016 ein Unihockey-Training in der Turnhalle Breite besuchte, rannten 20 Flüchtlinge dem kleinen, weissen Ball nach. Zehn Monate später, im November, wollte fast niemand mehr die Turnschuhe schnüren. Meier sprach mit seinen Männern. Seine Botschaft: Das Programm ist freiwillig, aber wer sich anmeldet, der verpflichtet sich, regelmässig teilzunehmen. Seine Ansprache wirkte: Mittwochnachmittags treffen sich wieder zehn Sportler. Sie spielen jetzt Fussball, ihren Lieblingssport.

Keine zweite Chance erhielten die Ausflüge. Die AG hat sie mangels Interesse eingestellt. Besuch der Rheinsalinen, Besichtigung des Naturhistorischen Museums, gemeinsames Grillieren. «Das hat sich totgelaufen», sagt Meier. Er nimmt es den Flüchtlingen nicht übel. Viele hätten Freunde und Familie in der Schweiz, die sie treffen wollen. Oder wie Arkan (22), aus dem Irak, sagt: «Wir wollen selbstständig sein.» Deshalb besucht er auch den Deutschkurs. Er will sich mit Einheimischen unterhalten und im Supermarkt einkaufen können. Er will frei sein.

Student neben Analphabet

Die Deutschkurse machen den Grossteil der Arbeit der AG aus. Montag bis Freitag, eine Gruppe vormittags, die andere nachmittags, je zwei Stunden. Die Klassen sind bunt gemischt, der Student sitzt neben dem Analphabeten. Beim Besuch der bz hocken sechs Schüler aus dem Nahen Osten im Unterricht, vor sich einen Ordner und manche mit einer Tasse Tee, den Arkan gebraut hat: Kardamom, Rosenwasser, Zimt, Zucker.

An der Wandtafel stehen Meier und seine Lehrerkollegin Alice Wetter, sie lassen rechnen: Wenn ein Kilo Kartoffeln Fr. 2.95 kostet, wie viel kosten zwei Kilo? Meier will wissen, wie teuer der Einkauf ist, wenn auch drei Kilo Äpfel, zwei Joghurts und sechs Eier im Warenkorb liegen. Alle sechs nennen ein Resultat. Er schreibt sie an die Wandtafel. Sechs verschiedene Resultate. Keines stimmt. Viele seiner Schüler hätten in der Heimat keine Grundausbildung gemacht, sagt Meier. Die Übersetzung der Zahlen bereitet Mühe.

Keine Weihnachtsfeier

Hanspeter Meier, ehemaliger Gymnasiallehrer, lässt aber nicht nur rechnen und Verben konjugieren, er singt auch mit den Flüchtlingen. «Auf der Mauer, auf der Lauer» ist besonders beliebt. Einer seiner Kollegen habe seinen Schülern das Jassen beigebracht. Der Unterricht der AG folgt keinem System. Es geht darum, die Flüchtlinge allgemein auf das Leben in der Schweiz vorzubereiten. Meier diskutiert mit seinen Schülern auch das westliche Frauenbild und Ereignisse wie die Silvesternacht in Köln vor einem Jahr. Eine Weihnachtsfeier veranstaltete die AG aber nicht: «Das wäre zwanghaft gewesen», sagt Meier.

In der Zusammenarbeit mit den Flüchtlingen feiern Meier und seine Kollegen immer wieder kleine Erfolge. Wetter erzählt von einem Mann, der anfangs gestammelt hat. Jetzt singe und spreche er wie seine Mitschüler. Meier freut sich derweil, wie die Männer nach den gemeinsamen Abendessen beim Abwasch helfen. Nur in einem Punkt haben sie Verbesserungspotenzial: Pünktlichkeit. Meier ist gespalten: «Im Augenblick ärgert es mich jeweils, wenn sie zu spät kommen.» Andererseits verstehe er es, denn Gewisse hätten Angstträume, könnten nachts nicht schlafen und verschliefen dann den Schulbeginn. Wenn die Flüchtlinge von ihrer Flucht oder von traumatischen Erlebnissen berichten, sei das sehr berührend, sagt Meier.

Manchmal wird er selbst zum Lernenden. Etwa, als Abdalsattar Hummus in den Unterricht mitbringt, ein orientalisches Gericht aus pürierten Kichererbsen. «Wie isst man das, und woraus besteht das?», fragt Meier. Durch die vielen gemeinsamen Stunden im Klassenzimmer ist man zu einer Gruppe zusammengewachsen. Dennoch siezt man sich. Meier will keine allzu grosse Nähe zu seinen Schülern aufbauen. Kriegen sie einen positiven Asylentscheid, kommen sie in eine reguläre Deutschklasse, ist er negativ, müssen sie gehen. «Ich mache darum nicht einen auf Kollegen.»

«Ziel erreicht»

Mittlerweile sollte es die AG Asyl gar nicht mehr geben. Meier plante für ein halbes Jahr. Aber die Mehrheit der Muttenzer Flüchtlinge hatte da noch keinen Asylentscheid und hat ihn auch heute nicht. So unzufrieden Meier mit dem trägen Schweizer Asylsystem ist, so klar ist für ihn, dass die AG weitermacht. Vorerst bis im Frühling. Seinen Zweck erfüllt das Angebot der AG bisher, wie Meier sagt: «Die Flüchtlinge sind anständig und machen keine Probleme in Muttenz. Wir haben unser Ziel erreicht.»