Er ist nicht ganz so bunt wie ein Google-Street-View-Auto und auch die Kameras auf dem Dach sehen anders aus, aber auffallen tut der Kleinbus von iNovitas trotzdem. Er war in den vergangenen zwei Tagen in Reinach unterwegs, um dort im Auftrag der Gemeinde 3D-Aufnahmen aller Strassen zu machen. Dabei beäugten viele Passanten das Kamera-Fahrzeug kritisch. Trotz anderem Aussehen dachten viele gleich ans Google-Auto. «Wir werden tatsächlich oft gefragt, ob wir von Google sind», erzählt Projektleiter Daniel Bader. Entsprechend negativ seien die Reaktionen. «Wenn wir aber erklären, dass wir im Auftrag der Gemeinde unterwegs sind, sind die Leute schnell beruhigt.»

Bader kann die Skepsis verstehen. «Das Thema Datenschutz muss ernst genommen werden.» Die von iNovitas gesammelten Daten seien nur für die Gemeinde einsehbar. «Sobald sie an Dritte weitergegeben werden, sollte man alle Personen und Autonummern unkenntlich machen. Auch das bieten wir an.»

Kameraposition muss stimmen

Statt einer grossen Panoramakamera in der Mitte wie bei Google, ist der iNovitas-Bus mit acht Kameras ausgestattet, sechs davon waren in Reinach im Einsatz, die übrigen zwei sind vor allem für Aufnahmen in Tunneln gedacht. Jeweils zwei Einzelkameras bilden zusammen ein Stereosystem, welches die 3D-Aufnahme erst ermöglicht. Die beiden Kameras mit der höchsten Auflösung sind nach vorne gerichtet, die vier hinteren nehmen die Strasse im 45-Grad-Winkel zum Auto auf. Ausgelöst werden sie je nach Einstellung automatisch nach einer gewissen Distanz oder Zeit. Vorerst entstehen so sechs einzelne Fotos. Zu einem 3D-Bild zusammengesetzt werden sie erst am Schluss des Prozesses, zurück am Bürotisch in Baden. «Damit das funktioniert, muss die Position der Kameras genau bestimmt sein», erläutert Bader. Deshalb ist Vorsicht geboten, wenn er am Morgen die Schutzüberzüge von den Kameras nimmt.

Ist das System aufgestartet und eingefahren, kann es losgehen. Antonello Pezzullo fährt, Daniel Bader sitzt daneben. Auf dem Laptop, der auf einem kleinen Tischchen zwischen den beiden steht, kann er laufend kontrollieren, ob die gemachten Bilder qualitativ in Ordnung sind. Notfalls ist eine zweite Aufnahme nötig. In der Hand hält Bader eine faltbare Strassenkarte – ein merkwürdiger Anblick in einem Bus, in dem sich so viele Kabel und Bildschirme befinden und der mit GPS und Navigationsgerät ausgestattet ist. Doch der Projektleiter setzt auf diese Methode, um den Fahrer zu leiten und bereits abgefilmte Strassen abzuhaken. «In grossen Städten ist man aber froh, von digitalen Technologien unterstützt zu werden», gibt er zu. In Berlin etwa, passierte viel am Bildschirm.

«Strassen effizient bewirtschaften»

Im Baselbiet ist Reinach die erste Gemeinde, die auf die von der Spin-off-Firma der Fachhochschule Nordwestschweiz iNovitas entwickelte Technologie setzt. «Sie macht es möglich, Strassen besonders effizient zu bewirtschaften», begründet Reinacher Gemeindepräsident Urs Hintermann den Entscheid für die 3D-Aufnahmen. Künftig können seine Mitarbeiter virtuell vom Schreibtisch aus einen Augenschein der Strassen nehmen und Vermessungen durchführen – eine Zeit- und somit Kosteneinsparung, die Hintermann aber noch nicht beziffern kann. Bei iNovitas stellt man Einsparungen von rund 30 Prozent in Aussicht. Die Kosten für die Aufnahmen liegen laut Bader im fünfstelligen Bereich.

Nicht zuletzt dank des guten Wetters hat der iNovitas-Kleinbus seine Arbeit in Reinach bereits verrichtet. «Jetzt folgt der anspruchsvolle Teil», meint Bader. Die Bilder müssen nun von den Festplatten kopiert, mit den vorhandenen Navigationsdaten verknüpft und schliesslich zu sogenannten Streams zusammengesetzt werden. Spätestens im September sollen die Gemeindemitarbeiter dann am Schreibtisch durch die Strassen fahren können – wie auf Google Street View und doch ganz anders.