Fast jede Ladenschliessung an der Rathausstrasse löst epische Diskussionen über die Zukunft von Liestals wichtigster Einkaufsmeile aus. Dabei wimmelt es von selbst ernannten Experten. Der Stadtrat wollte es aber von echten Experten wissen und gab beim renommierten Zürcher Beratungsunternehmen Wüest & Partner eine «Standort- und Marktanalyse und Entwicklungspotenziale für die Rathausstrasse in Liestal» in Auftrag. Das Resultat, das seit Dienstag unter www.liestal.ch aufgeschaltet ist, erweist sich als datenmässige Fundgrube mit Empfehlungen, die in der Öffentlichkeit teilweise noch nie so geäussert worden sind.

Grundsätzlich sehen Wüest & Partner in der Rathausstrasse viel Zukunftspotenzial. Doch um dieses abzuholen, braucht es einige Verbesserungen. Das beginnt bei der Infrastruktur. Die Einkaufsstrasse erzeuge zwar mit der engen, traditionellen Bebauung «grundsätzlich eine angenehme und entschleunigende Atmosphäre», doch fehle es mangels öffentlicher Sitzmöglichkeiten und schattenspendender Begrünungen an Aufenthaltsqualität. Auch entstehe wegen des althergebrachten Strassenbildes mit einer Strasse in der Mitte und beidseitigen Trottoirs nicht die Stimmung einer verkehrsberuhigten Zone.

Mehr lokale Produkte

Bei Liestals politischem Dauerhit, den Parkplätzen, kommt die Studie zu einem eher überraschenden Befund: «Um das Stedtli für Anreisende mit dem Auto attraktiver zu gestalten, sollen in erster Linie nicht mehr Parkplätze erstellt werden, sondern das bestehende Angebot verbessert werden.» Vorgeschlagen wird etwa ein Parkleitsystem. Noch mehr Handlungsbedarf sieht das Beratungsunternehmen bei der Nutzung. Dabei lautet die zentrale Forderung: «Das Ziel ist, die Rathausstrasse nicht primär als Einkaufsstrasse zu definieren, sondern als ein ‹Urban Entertainment Center›.» Darunter verstehen die Studienmacher, dass der Anteil des Verkaufs, der aktuell 60 Prozent der gesamten Erdgeschossfläche an der Rathausstrasse ausmacht, reduziert wird zugunsten von erlebnisorientierteren Bereichen wie Gastronomie, Kultur und Freizeitnutzungen.

Relativ hart gehen Wüest & Partner mit den jetzigen Detaillisten ins Gericht. Das ausgestellte Sortiment sei wenig innovativ und von geringem Wiedererkennungswert. Die Berater empfehlen: «Das Verkaufsangebot soll sich durch Authentizität, das heisst mit lokalen Produkten und Brands, auszeichnen und sich in einem höheren Segment ansiedeln.» Bei der Gastronomie wird konstatiert: «Die meisten Restaurants in der Rathausstrasse verfolgen ein klassisches Konzept mit längerer Wartezeit ohne Take-away-Möglichkeiten. Die Speisekarten zeichnen sich durch ein eher konventionelles Angebot aus.» Ziel müsse sein, aktuelle Trends wie kürzere Bedienungszeit, Take-away-Angebote und eine leichtere und gesunde Kost aufzugreifen, die den Bedürfnissen der Beschäftigten entsprächen. Auch ein «kleines, feines» Hotel, die Verlegung der Post oder ein Wellness-Angebot wie ein Hamam würden den Nutzungsmix an der Rathausstrasse aufwerten. Einen höheren Stellenwert soll auch der Bauernmarkt erhalten. Dies alles mit dem Ziel, mehr Leben ins Zentrum zu bringen.

Als wichtig erachten Wüest & Partner die bessere Verbindung vom Bahnhof zum Stedtli, um Pendler in die Altstadt zu holen. Diesbezüglich zielt die Studie aber auch in eine neue Richtung: «Hinsichtlich der künftigen Planungen ist die Konkurrenz ausserhalb der Altstadt nicht zu fördern.» Bisher hiess die behördliche Strategie, sogenannte Power-Blocks mit Einkaufszentren unmittelbar ausserhalb der Altstadt anzupeilen.

Rein wachstumsmässig, und das zeigt die Studie auch, befindet sich Liestal in einer sehr guten Ausgangslage. Die Bevölkerung hat in den letzten zehn Jahren um 6,9 Prozent zugenommen und soll bis 2040 um weitere, verglichen mit dem Kanton überdurchschnittliche 15 Prozent auf 16 000 Einwohner zulegen.