Oberdorf ist ein Ort im Kanton Baselland, der im Waldenburgertal liegt. Rund 2300 Menschen leben hier. Just in diesem idyllischen Dorf erlebt eine Familie in den vergangenen Jahren sehr viel Unglück, das sie nicht verkraftet.

Die tragische Geschichte beginnt zwar fröhlich mit der Hochzeit von Urs und Eva Müller (alle Namen geändert) im April 1996. Bald bekommen die beiden zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Einige Jahre später betreibt Urs in Oberdorf einen Gewerbebetrieb. Ehefrau Eva ist für die Buchhaltung zuständig. So gehen die Jahre dahin.

Bis zum ersten Schicksalschlag. Im Mai 2003 hat Urs einen schweren Autounfall und ist seither querschnittgelähmt. Eine schwierige Situation für die Familie. Zwei Jahre später kommt Lukas, der zweite Sohn, zur Welt. Doch Eva Müller ist nicht glücklich: Sie zieht im Februar 2007 mit den drei Kindern aus dem gemeinsamen Haus aus. Urs bleibt zurück. Das Ehepaar ist seither gerichtlich getrennt. Die kaufmännische Angestellte findet einen neuen Freund, mit dem sie ein weiteres Kind hat.

Die Geschichte des Ehepaars und den Kindern kann aber nicht aus der Erinnerung gelöscht werden. Es kommt immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Eva und Urs Müller wegen der Kinder. In dieser Situation kommt es am 1. Mai 2008 zu einem ersten Übergriff. Eva verabreicht ihrem Sohn Lukas, damals zwei Jahre und sieben Monate alt, am Abend eine Tablette des Novartis-Psychopharmaka Ritalin. Die Mutter bringt ihr Kind ins Basler Kinderspital, weil es sich seltsam verhält. Im Spital wird Lukas untersucht. Er ist unruhig, eine klinische Wesensveränderung wird diagnostiziert. Im Urin sind Spuren von Ritalin. Da das Kind am Nachmittag beim Vater war, wird ihm darauf das Besuchsrecht in ein begleitetes Besuchsrecht umgewandelt.

Dreieinhalb Monate später geschieht der zweite Übergriff. Es ist der 22. August 2008. Am Abend vorher hat das Ex-Ehepaar wieder eine Auseinandersetzung. Am Morgen fährt Eva zwar zu ihrer Arbeitsstelle, verlässt sie aber wieder kurz vor neun Uhr. Sie fährt auf direktem Weg nach Oberdorf und sucht die Apotheke auf. Sie verlangt das Novartis-Medikament Lioresal für Muskelentspannung, das ihr Ex-Ehemann wie auch andere Querschnittgelähmte einnehmen. Danach holt sie ihren Sohn Lukas ab und verabreicht ihm zwei bis drei Tabletten Lioresal. Sie fährt zum Bruderholzspital und sagt den Ärzten, dass Lukas Hilfe benötigt.

Wahrheitswidrig sagt die Mutter den Ärzten, dass der Sohn sich am Morgen dreimal erbrochen habe. Er habe aber nichts Besonderes gegessen oder irgendwelche Medikamente zu sich genommen. Der Zustand des Kinds verschlechtert sich auf der Notfallstation, er fällt ins Koma, wird künstlich beatmet, auf die Intensivstation verlegt. Zwei Tage liegt Lukas dort, bis sich sein Zustand langsam verbessert. Eva sagt immer noch nicht, dass sie ihrem Kind Lioresal verabreicht hat. Sie kommt eine Woche in Untersuchungshaft. Die Kinder wechseln für diese Zeit in ein Heim.
Wider besseres Wissen sagt sie, dass ihr Ehemann Tabletten herumliegen lasse, Sie will so bewirken, dass ihm das Sorgerecht für das Kind entzogen wird.

Dieser Sachverhalt, den Staatsanwältin Dagmar Rieger in der Anklageschrift festhält, kommt am Dienstag vor das Strafgericht unter dem Präsidium von Jacqueline Kiss. Rieger wirft Eva Müller unter anderem versuchten Mord, eventuell versuchte vorsätzliche Tötung, schwere Körperverletzung sowie falsche Anschuldigung gegen Urs Müller vor. Sie habe dem Sohn Tabletten skrupellos in der Absicht verabreicht, «ihn zu töten».

Der Binninger Anwalt Christian von Wartburg widerspricht. Seine Mandantin habe mit den Tabletten nicht beabsichtigt, den Sohn zu verletzen, geschweige denn zu töten: Das Ganze sei «am ehesten im Sinne eines Manipulationsversuchs in der Auseinandersetzung mit dem Ehemann» zu sehen. Die lebensbedrohlichen Folgen seien ihr nicht bewusst gewesen. Im Zeitpunkt der Tat habe sie sich «in einer hochspezifischen Belastungssituation» befunden. Die Mandantin mache sich grosse Vorwürfe, dass sie ihr Kind in Gefahr gebracht habe.

Da Mutter und Kinder heute gut begleitet zusammenlebten, würde eine unbedingte Gefängnisstrafe «eine enorme Belastung» darstellen, betont von Wartburg. Sie würde nicht nur den Erfolg der Familientherapie, sondern auch die Erfolge der seit Mai 2008 begonnenen ambulanten Therapie seiner Mandantin gefährden.