Herr Müller, Sie haben aus Frust über die Baselbieter Energiepolitik vor gut zwei Jahren ihr Unternehmen, die Solvatec AG, nach Basel-Stadt verlegt. Wie beurteilen Sie nun die Baselbieter Energiestrategie?

Dominik Müller: Da habe ich zwei Herzen in der Brust: Ich lebe im Baselbiet, und es liegt mir fern, die Behörden in die Pfanne zu hauen. Und eine Energiestrategie ist etwas Gutes. Ich habe sie und ihre Grundlagen angeschaut. Fazit: Den Zielen und Massnahmen fehlt der Mut, den Regierungsrätin Sabine Pegoraro fordert.

Wie hat sich Solvatec seit dem Umzug entwickelt?

Wir haben den Personalbestand auf 34Personen verdoppelt, auch dank eines Zuwachses der Aufträge aus dem Baselbiet. Dies zeigt, dass sich trotz Kanton und vor allem dank EBL und EBM im Baselbiet bei der Photovoltaik (PV) einiges tut.

Die Solarbranche hat aber den Ruf, sie sei wegen chinesischer Billigkonkurrenz unberechenbar.

Es braucht Mut, Leute fest anzustellen. Ich kenne Firmen, die sich für Aufträge die Arbeitskraft jenseits der Grenze anmieten. Aber ich bin optimistisch: Der Zug der erneuerbaren Energien lässt sich trotz der Bremser nicht mehr stoppen.

Solar-Konkurse wegen der Chinakonkurrenz schrecken Sie nicht?

Solche Zyklen gibt es in allen Industrien. Die europäische PV-Branche steht aber jetzt mit der nächsten Generation Produktionsmaschinen bereit. Diese benötigen weniger Personal, womit Chinas Billiglohn-Vorteil bei der Solarzellenproduktion teilweise wegfällt. Bei der Integration der PV in die Gebäudehülle könnten Schweizer Firmen mit etwas Geschick die Führung wieder übernehmen.

Was heisst dies für die Region?

Wenn wir in der Nordwestschweiz einen Cluster spezialisierter Firmen aufbauen, hätten wir die Möglichkeit, 2000 bis 3000 Arbeitsplätze für Planung, Installation, Betrieb und Unterhalt im Bereich erneuerbare Energien zu schaffen.

Das trifft sich doch gut, wenn das Baselbiet mit seiner Energiestrategie unter den Kantonen eine Vorreiterrolle einnehmen will.

Eine tolle Idee! Doch so, wie der Kanton die Umsetzung formuliert, wird er diese Rolle nie einnehmen.

Woran machen Sie dies fest?

Bei der PV liegt man um Zehnerpotenzen daneben. Entweder fehlte bei der Festlegung dieser Zahlen das Fachwissen, oder man will einfach bremsen. Beides wäre gleich bedenklich. Für 2030 nennt man ein Ausbauziel von 20Gigawattstunden. Also will man in den nächsten 18Jahren nur so viel zubauen, wie heute bereits installiert ist.

Wo würden Sie das Ziel für 2030 ansetzen?

Man kann 1200Gigawattstunden zubauen, mehr als das, was der Kanton bis 2050 anpeilt. Es kann doch nicht sein, dass man bis 2030 nichts macht und anschliessend schaut, was sich von selbst entwickelt. Indem der Kanton zur Entwicklung nichts beitragen will, verspielt er die Möglichkeit, Energie- und Wirtschaftspolitik sinnvoll zu kombinieren.

Was sind die Konsequenzen?

Definiert man für die neuen erneuerbaren Energien bis 2030 ein Zuwachs-Ziel von 5Prozent und stellt dabei das PV-Ziel in den Keller hinunter, wird im Baselbiet noch eine Firma überleben. Die anderen kann man zum Fischen schicken.

Spricht da ein Unternehmer, der sich an Subventionen gewöhnt hat?

Nein. Ich bin engagierter Bürger und sehe als Präsident der Umwelt- und Energiekommission von Frenkendorf, wie überall gebremst wird: Da sind die Kernzonenentscheide der kantonalen Denkmalpflege, die zwar nur 5 bis 7Prozent betreffen, aber negative Signale aussenden und Leute, die sich engagieren wollen, vor den Kopf stossen. Als Unternehmer will ich nicht von Fördermitteln abhängig sein, sondern - wenn spätestens 2020 Solarstrom gleichviel kostet wie jener aus der Steckdose - genügend Kapazitäten aufgebaut haben, um im Markt zu bestehen. Bei der heutigen Förderung geht es nur um den Anschub. Erreichen die hiesigen Firmen die Grösse, die Qualität und die Qualifikation der Arbeitskräfte nicht, werden ausländische Firmen den Nordwestschweizer Markt übernehmen. Wir werden schliessen müssen oder können uns im besten Fall aufkaufen lassen.

Der Kanton sagt: «Laut Verfassung ist der Bund für die Energieversorgung zuständig, wir fördern deshalb nur die Gebäudeeffizienz.»

Die Verfassung stammt aus der Zeit, als man Strom in Grosskraftwerken zentral erzeugte und verteilte. Das war der planwirtschaftliche Einweg-Ansatz. Die Realität heute ist anders. Oder brechen all jene Gewerbler und Privaten, die Strom produzieren, die Verfassung? Sicher nicht. Es ist Sache des Bundes, die Ziele zu formulieren. Aber die Produktion ist zunehmend lokal. Und da haben die Kantone sehr wohl Einflussmöglichkeiten. Diese sollten sie positiv wahrnehmen.

Zumindest bei der Gebäudeeffizienz will der Kanton Baselland doch eine Vorbildrolle einnehmen.

Das finde ich hervorragend. Allerdings hat er aktuell in der Energieeffizienz bei seinen Gebäuden seit 2000 keine Fortschritte erzielt, während bei den Privaten die Energieeffizienz um 10Prozent zugenommen hat.

Die Energiestrategie spricht aber von der Zukunft.

Ja, aber mit falschen Akzenten. Während man die neuen erneuerbaren Energien kleinredet, spricht man auf der anderen Seite von Gas, indem man Gas- und Dampfkraftwerke sowie Wärmekraftkopplung reinnimmt: bis 2030 1400Gigawattstunden Zubau - notabene mit einem Wärmeverbrauch von nur 50Gigawattstündchen. Dabei müsste man bei dieser Kapazität mindestens 1000Gigawattstunden Abwärme nutzen. So würde Wärme, die für weit über 100000Minergiehäuser reicht, für nichts produziert - mit entsprechendem CO2-Ausstoss. Wärmekraftkoppelung kann in Kombination mit Wärmepumpen und Elektromobilen hocheffizient sein, aber nur, wenn man Abwärme nutzt.

Dass EBM und EBL sich in den neuen erneuerbaren Energien engagieren, wird ausdrücklich gewürdigt.

Ja, indem es heisst, der Kanton solle sich dafür einsetzen, dass der ökologische Mehrwert ihrer ausländischen Stromproduktion in der Schweiz angerechnet wird. Dies sehe ich bei Windkraft ein. Aber hinter das solarthermische Kraftwerk unserer Energieversorger in Spanien setze ich Fragezeichen: Diese Technologie kann man in der Schweiz nicht anwenden. Also bringt es ausser der spanischen Einspeisevergütung nichts, sich an ihrer Entwicklung zu beteiligen. Von einheimischen Firmen im Raum Basel gebaute PV-Anlagen auf Grossdächern kommen auf die halben Stromgestehungskosten. Es kann nicht Zweck einer kantonalen Strategie sein, Investitionen im Ausland zu fördern.

Befürchten Sie, dass mit Baselbieter Geld anderswo Kraftwerke entstehen, während das einheimische Solargewerbe nicht die Grösse erreicht, um in zehn Jahren der internationalen Konkurrenz die Stirn zu bieten?

Genau. Das ist Verhinderungspolitik gegen das einheimische Gewerbe. Vielleicht will man aber nur sagen: «Hauptsache, wir schaffen den Energieumbau, egal wie.» Dabei wäre in dieser Region neben Pharma und Chemie ein weiteres Standbein nötig. Man müsste die positive Konsequenz aus der Ablehnung des AKW Kaiseraugst ziehen und ein Kompetenzzentrum für Innovation der dezentralen Energieproduktion aufbauen. Dies könnte ein Exportartikel werden.

Der Kanton sagt ja, dass er dies an der FHNW fördern will.

Das allein ist zu akademisch. An diesen Fragen arbeiten in Deutschland Hunderte von Firmen. Aber mit der Zusammensetzung des Runden Tischs hat man die Chance verpasst, das Gewerbe - die Branche, die die Energiewende praktisch plant und umsetzt - in die Diskussion einzubinden. Da war vor allen die Stromwirtschaft vertreten. Diese ist gewohnt, über sehr lange Zeiträume zu planen und zu realisieren. Heute haben wir einen sich sehr rasch entwickelnden Markt im Bereich Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Es scheint mir, dass der Bezug zur Praxis zu einem grossen Teil fehlte. Deshalb haben wir nun eine Strategie aus dem Elfenbeinturm.

Lassen Sie kein gutes Haar an der Baselbieter Energiestrategie?

Die Stossrichtung der Energiestrategie ist eigentlich gut, indem man Instrumente wie den Energieförderfonds und die Koordinationsstelle einführt - vorausgesetzt, dass diese auch Kompetenzen und Mittel bekommen. Das geht bis hin zur Energiestatistik: Es ist eine Katastrophe, wenn man mit teilweise völlig veralteten Daten eine Strategie entwickeln will! Dann kommt man beispielsweise für den Ausbau der PV auf eine Investitionssumme von 2Milliarden. Ich habe es nachgerechnet und komme - im Moment - auf die Hälfte. Für die Koordinationsstelle müsste man sich sogar überlegen, diese zusammen mit Basel-Stadt zu machen, denn auch dort besteht Bedarf. Und bei der aktuellen technologischen Innovationsgeschwindigkeit der erneuerbaren Energien ist das für nur alle vier Jahre vorgesehene Reporting an den Landrat viel zu selten.

Den Ansatz, sich auf Energieeffizienz zu konzentrieren, finden Sie aber falsch?

Der Schwerpunkt Gebäudesanierung ist richtig. Aber es ist falsch, Gebäudesanierung gegen Solarstrom auszuspielen. Wer sein Haus isoliert, will dies oft mit eigener Stromproduktion kombinieren. Dies ergänzt sich, zum Beispiel in Verbindung mit Wärmepumpen, zu einer günstigeren Lösung als bei geförderten solarthermischen Anlagen. Hier fliessen einseitig kantonale Förderbeiträge nur an die teurere Lösung. Zum Glück wird dies - momentan zumindest - durch EBL und EBM korrigiert. Weiter wissen die Leute, dass der Strompreis steigen wird und wollen unabhängiger werden.

Würden Sie sagen, der Kanton Baselland wird energiepolitisches Schlusslicht statt ein Vorreiter?

Schlusslicht würde ich nicht gerade sagen. Im Infras-WWF-Rating taucht Baselland in der unteren Tabellenhälfte auf. Daran wird sich mit dieser Strategie nichts ändern.