Zuerst war es ein goldener Ring in Pratteln. Dann das älteste Haus des Kantons in Muttenz. Jetzt haben Baselbieter Archäologen in Augst eine weitere sensationelle Entdeckung gemacht: Im vergangenen August stiessen ein Bauarbeiter und eine wissenschaftliche Mitarbeiterin von Augusta Raurica bei einer Notgrabung auf einen nahezu vollständig erhaltenen Blei-Sarkophag. Dieser ausserordentliche Fund wurde im Zuge einer umfassenden Leitungssanierung entlang der Hauptstrasse ans Tageslicht gefördert. Dass in diesem an dieser Stelle schon länger bekannten Gräberfeld auch noch das älteste bisher gefundene Grab im Gebiet der Römerstadt identifiziert werden konnte, gerät da fast schon zur Nebensache.

Der Blei-Sarkophag und die Reihe von insgesamt 13 Gräbern wird auf die Zeit um 300 nach Christus datiert. Solch ein Fund sei äusserst selten, erklärte Leiter Dani Suter gestern Mittwoch an einer Medienveranstaltung im Römermuseum. In Deutschland sind ähnliche Blei-Sarkophage etwa aus Trier und Brühl bekannt. Schweizweit sei es aber der erste so gut erhaltene Fund überhaupt; laut Suter sei man in Augusta Raurica vor dem vergangenen August höchstens auf Fragmente von derartigen Bestattungsbehältern aus spätrömischer Zeit gestossen, nie aber auf grössere Teile, geschweige denn auf ein fast vollständiges Artefakt.

Die Fundstelle befindet sich an der Rheinstrasse, exakt auf der Gemeindegrenze zwischen Augst und Pratteln. In der Antike hätten die Römer gewohnheitsmässig ihre Verstorbenen entlang von Ausfallstrassen bestattet. Vom Inhalt des Blei-Sarkophags, Menschenknochen sowie Glasgefäss- und Textilresten, erhoffen sich die Forscherinnen und Forscher von Augusta Raurica neue Erkenntnisse über den Lebensalltag in der Region vor 1700 Jahren.

Das erste und letzte Mal

Laut Kommunikationschefin Karin Kob kümmern sich seit der Auffindung erfahrene Anthropologen um die Knochenfunde, während Textil- und Glas-/Keramik-Spezialisten in den nahe gelegenen Restaurierungslabors die Grabbeigaben untersuchen. Als Glücksfall könnte sich erweisen, dass der Blei-Sarg unter optimalen Bedingungen aus der Erde geborgen werden konnte und beim Transport, geschützt durch eine extra angefertigte Holzabdeckung, keinen Schaden nahm.

Am 13. Mai werden Blei-Behälter und Inhalt den Medien vorgestellt. Bis dahin hoffen die Verantwortlichen der Römerstadt, auch mehr über die darin bestattete Frau, zweifellos eine Vertreterin aus der Oberschicht von Augusta Raurica, berichten zu können. Acht Tage später wird dann zum ersten und vorerst letzten Mal die Öffentlichkeit die Möglichkeit zum Augenschein erhalten. Nach der öffentlichen Ausstellung am internationalen Museumstag am 21. Mai ist vorgesehen, dass der Blei-Sarkophag ins Funddepot wandert. Denn auch dies gehört zur aktuellen Realität der Römerstadt: Für einen dauerhaften Ausstellungsort fehlen momentan Platz und Mittel.

An der gestrigen Medieninformation war den Vertreterinnen und Vertretern der Römerstadt die diebische Freude darüber anzumerken, dass sie die Vorstellung des Jahresberichts (siehe Box) mit einer solchen Sensationsmeldung krönen konnten. Die Baselbieter Kulturdirektorin Monica Gschwind rechtfertigte die monatelange Geheimhaltung mit der zeitaufwendigen Bergung und der seriösen wissenschaftlichen Aufarbeitung. Man wollte zuerst die Hintergrundinformationen erarbeiten, um bei der öffentlichen Präsentation eine wirklich spannende (und wahre) Geschichte erzählen zu können. Doch was hat es nun mit der aufsehenerregenden Serie an spektakulären Baselbieter Funden innert weniger Monate auf sich? «Ich glaube, das ist wirklich nur Glück», sagt Römerstadt-Leiter Dani Suter.