«Me flüschterets in dr Stadt und ufem Land, im Hobby House z Prattele, isch s wie im Märliland», ist auf der Homepage zu lesen. Dieses Märchenland ist allerdings frontal mit der Realität kollidiert: Das Modelleisenbahnen- und Spielwaren-Fachgeschäft Hobby House schliesst demnächst seine Tore. Für immer.

Inhaberin Jacqueline Gysin nennt verschiedene Gründe dafür: Die grossen Firmen, das Internet und das 8er-Tram, das über die Grenze nach Deutschland fährt. «Sie machten es uns nicht einfach.» Es seien viele Kleinigkeiten. Der Hauptgrund sei allerdings, dass sie jetzt pensioniert werde. «Es war eine gute Zeit, aber ich habe in erster Linie nur ‹krampfet›.» Wenn sie jetzt nicht aufhöre, stehe sie noch mit 80 Jahren im Laden.

Sie glaubt nicht, dass ein anderer Standort die Schliessung verhindert hätte. Zwar gebe es nicht so viel Laufkundschaft in Pratteln, aber: «Das Geschäft ist weitherum bekannt. Wir haben von Mund-zu-Mund-Propaganda gelebt. Unsere Kunden haben sich hier drin wohlgefühlt.»

Einen Onlineshop aufzubauen, habe sie gar nicht mehr versucht, da sie gewusst habe, dass sie das nicht mehr ewig machen würde. Wenn das anders gewesen wäre, «hätte ich vor zehn Jahren damit beginnen müssen.»

Durch Zufall zu Spielwaren

1947 übernahmen ihre Eltern, Hanna und Alfred Gysin-Mahrer, die Bäckerei-Konditorei an der Hauptstrasse 35 in Pratteln. Das sei gut gelaufen, auch mit dem Café Gysin und der kleinen Bar, dem «Romantica». Zu den Spielwaren kamen sie zufällig. Die beiden stellten auch Läckerli her. Sie hatten die Idee, diese mit Plastikmodell-Flugzeugen, Modell «Lindberg», zu bewerben. Während der Erfolg der Läckerli bescheiden blieb, war die Nachfrage nach den Plastikmodellen enorm. Deshalb importierte das Ehepaar die «Lindberg»-Modelle direkt aus Amerika. Das war der Grundstein für das Hobby House.

Gysin übernahm das Geschäft 1985, nachdem sie schon ein paar Jahre mitgearbeitet hatte. Anfangs sei es eine sehr schöne Zeit gewesen, mit bis zu sechs Mitarbeitenden. Zuletzt arbeiteten Tochter Francesca und eine Lehrtochter mit. Die Ausbildung der Lernenden dauert noch ein halbes Jahr. Sie konnte an einen anderen Lehrbetrieb vermittelt werden. Ob die Tochter den Betrieb nicht übernehmen wolle? «Nein», antwortet Gysin bestimmt. «Das fragen viele unserer Kunden. Aber sie hat gesehen, wie viel ihre Mutter gearbeitet hat.» Auch die Tochter habe eine Arbeitsstelle gefunden.

«Playmi» noch immer vermisst

Vor dem Spielwarengeschäft stand lange ein übergrosses Playmobil-Männchen. Vor knapp zwei Jahren, während der Fasnacht, stibitzten vermutlich Lausbuben dessen rund 40 Zentimeter hohen Ranger-Hut (bz berichtete). Die Kinder im Dorf nannten das Männchen «Playmi». Der Hut wurde nie gefunden. Im Gegenteil, kurz darauf wurde das ganze überdimensionierte Playmobil-Männchen gestohlen. «Es tauchte nie mehr auf», erzählt Gysin.

Ausverkauf bis Ende März

Ab heute startet im Spielwaren-Fachgeschäft der Total-Ausverkauf. Da das Haus, in dessen Erdgeschoss sich das Ladengeschäft befindet, Gysin gehört, kann sie die Länge des Ausverkaufs bestimmen. Er werde bis mindestens Ende März dauern – «ausser, ich kann verkaufen». Der Laden sei nach Übereinkunft zu vermieten. Die Ladenfläche beträgt 200 Quadratmeter plus 50 Quadratmeter Lager.

Gysin: «Ich nehme 99 Prozent gute Erinnerungen, auch an tolle Kunden, mit.» Sie schliesse das Spielwaren-Fachgeschäft mit einem lachenden und einem – sehr stark – weinenden Auge. «Ich muss anfangen, zu leben und wünsche mir, noch fünf Jahre gesund zu bleiben.»