Herr Aebi, in der Orthopädie und in der Frauenklinik seien die Patientenzahlen eingebrochen, berichtete das Regionaljournal Basel von SRF im Dezember. Welche Zahlen liegen Ihnen aktuell vor?

Jürg Aebi: Im erwähnten Bericht wurden Patientenzahlen von Januar bis Mai 2014 auf das ganze Jahr 2014 hochgerechnet. Die Zahlen, die den Einbruch dokumentieren sollen, stammen also aus einer Zeit des starken Umbruchs: Ich bin im Februar 2014 nach der Freistellung von Heinz Schneider zum CEO ad interim ernannt worden, kurz zuvor mussten wir mehrere Kündigungen von Chefärzten und leitenden Ärzten in der Orthopädie, in der Frauenklinik und in der Chirurgie hinnehmen. Tatsächlich verloren wir zu jener Zeit viele Leistungsträger, davon alleine vier in der Orthopädie auf dem Bruderholz. Es überrascht nicht, dass die sinkenden Patientenzahlen in diese Zeit fallen.

Das heisst: Nimmt man die tatsächlichen Zahlen des gesamten Jahres, dann sind die Patientenzahlen nicht gesunken?

Für das gesamte Kantonsspital Baselland (KSBL) liegen wir seit September 2014 über den jeweiligen Vorjahresmonaten. Der September 2014 war der beste September, den das KSBL je hatte, die Monate Oktober bis Dezember waren immerhin besser als im Vorjahr. Gleichwohl werden wir insgesamt per Ende 2014 weniger Fälle verzeichnen als im Vorjahr. Den unerfreulichen Jahresanfang konnten wir trotz der guten Entwicklung in den letzten Monaten nicht mehr aufholen. Finanziell werden wir deshalb das Vorjahresergebnis leider bei weitem nicht erreichen. Details werden wir Anfang Mai im Geschäftsbericht 2014 publizieren.

Sie sprechen von einer positiven Entwicklung für das gesamte KSBL. Wie sieht es speziell für den Standort Bruderholz aus?

Bezüglich der Fallzahlen verzeichnen wir in den letzten Monaten eine stabile Entwicklung. Detaillierte Zahlen zu unseren drei Standorten Bruderholz, Laufen und Liestal gebe ich nicht bekannt. Als KSBL-CEO will ich nicht, dass die Standorte gegeneinander ausgespielt werden. Das Baselbieter Volk hat sich bewusst entschieden, drei Spitäler organisatorisch zu einem einzigen Kantonsspital zu fusionieren. Das KSBL ist heute ein Unternehmen.

In den Medien kursiert das Bild eines Kantonsspitals, das dem Untergang geweiht ist.

Unbestreitbar ist: Die drei Standorte werden sich verändern müssen. Will das KSBL erfolgreich sein, muss es Anpassungen vornehmen. Erste Massnahmen sind bereits ergriffen worden, wie etwa die Schliessung der Geburtsabteilung im Spital Laufen. Derzeit sind wir daran, das Profil des Standortes Bruderholz zu schärfen. Dieser steht in einem harten Konkurrenzkampf zu den Basler Privatspitälern. Hier ist vieles in Bewegung: Ein Schlaflabor haben wir kürzlich eingerichtet, Mitte März wird eine Dialysestation dazu kommen und im Eingangsbereich werden anstelle der bisherigen Büroräumlichkeiten Ambulatorien für die Orthopädie und die Medizin eingebaut.

Fassen wir Ihre Äusserungen und jene von Verwaltungsratspräsident Werner Widmer der letzten Monate zusammen. Feststellung Nummer eins: Die Sanierung des Bettenhochhauses von 1973 ist vom Tisch.

Die Sanierung des Bettenhochhauses macht aus meiner Sicht keinen Sinn. Sie wäre teurer als ein Neubau. Wenn Sie dort zu bohren beginnen, dann lärmt das im ganzen Haus – ein Spitalbetrieb lässt sich so kaum aufrechterhalten. Ich befürchte, dass wir mit einer Sanierung auf dem Bruderholz im grossen Stil Patienten verlieren würden. Kommt dazu, dass ein modernes Spital ganz andere Raumbedürfnisse erfüllen muss. Zum Beispiel werden in der heutigen Spitallandschaft ambulante und stationäre Behandlungen strikte getrennt. Diese Vorgabe lässt sich auf dem Bruderholz in den Räumlichkeiten des Bettenhochhauses nicht erfüllen.

Das führt zur Feststellung Nummer zwei: Das KSBL plant einen Neubau für die stationäre Versorgung.

Dieser wichtige, strategische Unternehmensentscheid muss vom Verwaltungsrat getroffen werden.

Wo will das KSBL diesen Neubau errichten?

Der KSBL-Verwaltungsrat ist derzeit daran, diese Frage zu erörtern.

Dies kommt reichlich spät. Weshalb?

Ich muss etwas ausholen: Erst seit Mitte 2014 liegt der Masterplan zur räumlichen Entwicklung an den drei Standorten vor. Als ich im Februar die KSBL-Leitung übernommen hatte, war dieser Plan noch in Arbeit. Seit November 2014 verfügen wir über einen Zehnjahres-Finanzplan. Beim Abgleich der beiden Pläne stellten Direktion und Verwaltungsrat fest, dass sie den Masterplan nicht so wie im Dezember 2013 erstmals kommuniziert weiter verfolgen wollen. Die neue Frauenklinik wird nicht an jenem Standort zu stehen kommen, den wir im Dezember 2013 präsentiert haben. Die Frauenklinik hat aber hohe Priorität in den neuen Planungen.

Wir sind erstaunt. Bisher hiess es, die Frauenklinik – das Prestigeobjekt auf dem Bruderholz – liege auf Eis. Welchen Fahrplan besteht für die neue Frauenklinik?

Auch die Frauenklinik ist Teil des Masterplan 2020, der vom Verwaltungsrat diskutiert wird. Das weitere Vorgehen wird vom VR bestimmt. Wir werden zu gegebener Zeit informieren.

Wie sieht dieser Plan aktuell aus?

Der Verwaltungsrat ist gewillt, an den drei KSBL-Standorten in den nächsten zehn Jahren im tiefen dreistelligen Millionenbereich zu investieren. Ich gehe davon aus, dass der Verwaltungsrat bis im Frühsommer kommunizieren wird, welchen Weg er gehen möchte. Ich bin daran interessiert, dass es nicht mehr zu lange geht, bis dieser Entscheid vorliegt. Ich möchte vorwärtsmachen.

Können Sie wenigstens eine Auslegeordnung vornehmen?

Auf dem Bruderholz reden wir von einem Neubau statt der Sanierung, in Liestal steht die Sanierung des Behandlungstrakts aus den 1960er-Jahren an. In Laufen stehen Investitionen in den strukturellen Umbau des Standortes an. Im laufenden Jahr werden wir unabhängig des VR-Entscheids an allen Standorten – wie übrigens jedes Jahr – in die Infrastruktur investieren. Am Standort Bruderholz werden zum Beispiel insgesamt 15 Millionen investiert; einerseits in sicherheitstechnische Unterhaltsarbeiten wie Heizung, Lüftung und Technik und andererseits in Ambulatorien für Medizin und Orthopädie anstelle der heutigen Büroräumlichkeiten.

Das Spital Laufen werde noch in 20 Jahren bestehen, sagte der zuständige Regierungsrat Thomas Weber kürzlich. Unterschreiben Sie?

Wir wissen nicht, wie die Rahmenbedingungen in 20 Jahren aussehen werden. Zudem entscheidet über den Fortbestand der Standorte letztlich nicht das KSBL, sondern das Baselbieter Parlament. Die Aussage von Thomas Weber interpretiere ich so: Der Standort Laufen ist für das KSBL und den Kanton auch in Zukunft wichtig. Das kann ich guten Gewissens unterschreiben.

In welcher Form hat das Spital Laufen eine Zukunft?

Sicher nicht mehr als Kantonsspital mit jeder Disziplin vor Ort. Das Laufental weist ein Einzugsgebiet von 40 000 Menschen auf. Gemäss geltendem Spitalgesetz sind wir verpflichtet, eine adäquate medizinische Versorgung vor Ort anzubieten. Diesen Auftrag nehmen wir selbstverständlich ernst. Dazu haben wir bereits neue Angebote etabliert, wie zum Beispiel die Rehabilitation, Akutgeriatrie oder die Schmerztherapie. Zudem wird die Sprechstundentätigkeit ausgebaut und die Vernetzung mit dem Bruderholzspital intensiviert.

Das klingt, als würden bereits in wenigen Jahren in Laufen keine Operationen mehr durchgeführt.

Diese Befürchtung teile ich nicht. Ich bin überzeugt, dass die Patientinnen und Patienten für kleinere Eingriffe wie etwa eine Blinddarmoperation auch in fünf oder zehn Jahren das Spital Laufen aufsuchen können. Komplexere Eingriffe werden vermehrt am Standort Bruderholz vorgenommen.

Das KSBL arbeitet bekanntlich seit Ende 2013 mit dem Universitätsspital Basel (USB) zusammen. Geben Sie uns bitte einen Überblick.

Ab 1. Juli wird Thomas Gasser, Chefarzt der Urologischen Universitätsklinik Basel-Liestal, neuer Dekan der Medizinischen Fakultät der Uni Basel. Gasser wird der erste Uni-Dekan aus dem Baselbiet sein. Darauf sind wir sehr stolz. Das verleiht uns eine gewisse Stärke in der Zusammenarbeit mit dem USB. Zum Rahmenvertrag von Ende 2013 haben wir in der Zwischenzeit ein gutes Handvoll Unterverträge abgeschlossen, etwa in der Kardiologie, der Wirbelsäulenchirurgie, der Plastischen Chirurgie oder in der Augenklinik. Aktuell diskutieren wir mit dem USB über ein regionales Schlaganfall-Zentrum: Das USB baut momentan ein Stroke-Center mit einer spezialisierten Neurochirurgie im Hintergrund auf. Das KSBL seinerseits wird Stroke-Units einrichten. Schlaganfallpatienten aus dem Kanton Baselland werden somit im KSBL vorabgeklärt und bei medizinischer Indikation dem Stroke-Center am USB überwiesen.

Gibt es weitere Felder der Zusammenarbeit – etwa im nicht-medizinischen Bereich?

Durchaus. USB und KSBL arbeiten an einem Konzept für eine gemeinsame Lagerhaltung und einen gemeinsamen Einkauf. Dies mit dem Ziel, Kosten zu sparen. Theoretisch denkbar wäre, dass die beiden Spitäler gemeinsam ein Lagerhaus bauen. Das ist allerdings ein komplexes Unterfangen: Wir haben bereits bei der Fusion der Baselbieter Spitäler gesehen, dass es nicht ganz einfach ist, das Personal an den drei Standorten auf ein gemeinsames Produkt einzuschwören. Ein weiteres Kooperationsfeld betrifft die Dienst-Organisation: Unser Chefarzt Radiologie Rolf Hügli zum Beispiel leistet Wochenenddienste am Unispital. Diesen Austausch werden wir intensivieren.

Apropos Chefärzte: Sie haben kürzlich in ganzseitigen Zeitungsinseraten mit ihren Chefärzten und dem Slogan «Wir sind auch das Kantonsspital» geworben.

Damit habe ich nichts zu tun – und das ist das Geniale daran: Die Chefärzte haben das Inserat in drei Tageszeitungen selber lanciert und aus der eigenen Tasche bezahlt. Rund 40 000 Franken hat sie das gekostet. Gibt es irgendwo sonst in der Schweiz eine solche Solidarität der Chefärzte mit ihrem Spital? Die Chefärzte haben sich über das KSBL-Bashing geärgert und wollten mit dieser Aktion einen Kontrapunkt setzen. Als Spital-CEO bin ich sehr glücklich, einen solchen Rückhalt zu geniessen.

Herr Aebi, am Ende des Gesprächs geben wir Ihnen eine Carte Blanche.

Ich muss nochmals deutlich klarstellen: Unsere Konkurrenz ist nicht das Universitätsspital Basel. Eine solche Sichtweise wäre kreuzfalsch. Die Konkurrenz von uns grossen öffentlichen Spitälern sind die Privatspitäler. Ihnen gegenüber müssen wir eine starke Position aufbauen. Das öffentlich-rechtliche USB ist dabei ein wichtiger Partner.