Der Zeitpunkt für provokative Äusserungen jenseits der Geschmacksgrenze über die Beziehung zwischen Baselland und Basel-Stadt ist schlecht: Die Kantonsfusion steht wieder auf der Agenda und es ist politische Sommerflaute. Das muss derzeit ein Mitarbeiter der «Espresso»-Redaktion des Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) aus Basel merken.

Der verhängnisvolle Tweet.

Der verhängnisvolle Tweet.

Auf einen Artikel in der «NZZ am Sonntag», der eine Baselbieter Stiftung für Freitodbegleitungen ankündet, verfasste der selbst deklarierte Klischee-Basler den Tweet: «Es gibt eine neue Sterbehilfe in BL. Wenn die hilft, ein paar Baselbieter mehr von der Erde verschwinden zu lassen, why not?»

Nachdoppeln statt Einsicht
Kaum in die Untiefen des Netzes gezwitschert, wurde der Radiojournalist Simon Thiriet von seinen Followern (Folgern) auf die Geschmacklosigkeit hingewiesen. Der Basler Infamy-Blog riet ihm sogar indirekt, den Tweet zu löschen. Doch statt sich für die Äusserung zu entschuldigen, doppelte der Verfasser nach: «Aber sie (die Baselbieter, Anm. d. Red.) treiben mich in den Wahnsinn. Sie fahren laute Autos, sprechen in falschen Zungen und kleiden sich seltsam. Fakt.»

Zur Einsicht kam er erst im Laufe der bz-Recherche. Gestern Nachmittag löschte er unter Druck seiner Arbeitgeberin die Tweets. In einer schriftlichen Stellungnahme von SRF lässt er sich als Entschuldigung zitieren: «Die Absicht war, einen ironischen Kommentar auf die Rivalität zwischen den beiden Basel zu machen. Ich sehe jedoch ein, dass der Inhalt der Mitteilung unpassend und stillos war.» Das SRF selber distanziert sich von den Äusserungen: «Die Twitter-Mitteilung entspricht nicht dem, was SRF von seinen Mitarbeitern erwartet», schreibt Mediensprecher Martin Reichlin. Die internen Richtlinien für die Social Media-Nutzung - diese wurden erst im April gelockert - seien verletzt worden.

Entgleisung kein Einzelfall
Dass der Verfasser seine Äusserungen nicht umgehend gelöscht hat, erachtet Nick Lüthi, Medienredaktor und Dozent am Institut für angewandte Medienwissenschaft in Winterthur, neben der inhaltlichen Entgleisung, als problematisch. Denn: «Jeder sollte Fehler machen dürfen und durch Löschen die Möglichkeit haben, zu zeigen, dass er den Fehler einsieht.» Doch auch das ist eine Gratwanderung. Wem eine Twitter-Nachricht gefällt, kann diese «retweeten», als Zitat weiter veröffentlichen. Löschen lassen sich Re-Tweets nicht. Lüthi: «Ein Tweet erreicht immer eine potenziell globale Öffentlichkeit. Auch wenn sich der Absender nur an den überschaubaren Kreis der Follower zu wenden meint, wird die Botschaft auf zig öffentlichen Plattformen im Netz multipliziert und gespeichert.»

Gerade wer beruflich - mehr oder weniger - exponiert ist, sollte sich der durch Social Media schwindenden Grenze zwischen privat und öffentlich bewusst sein. Allerdings gibt es unzählige Beispiele für das Gegenteil, ob lokal oder national. Mediales Echo löste vergangenes Jahr der Tweet einer Basler SP-Grossrätin aus, die eine «Tageswoche»-Redaktorin mit vietnamesischem Nachnamen als «Frau Ding Dong» verunglimpfte. Die jüngste Debatte löste der faschistische Kristallnacht-Tweet eines Zürcher SVP-Mitgliedes aus.

«Nicht lustig»
«Dumm und verfehlt.» So kommentiert Hans-Rudolf Bachmann, LDP-Politiker und Mitinitiant der Kantonsfusions-Initiative die Tweets. «Das spiegelt nicht die Stimmung der Mehrheit in Basel wider.» Faule Sprüche und Scherze von beiden Seiten gehörten traditionell zur Beziehung von Stadt und Land. Aber: «Das ist nicht lustig.» Solche Anfeindungen seien kontraproduktiv, wenn es darum gehe, gemeinsame Lösungen für die Zukunft zu finden. Den Fusionsbestrebungen schaden werde diese nicht: «Ich bin sicher, das ist ein Einzelfall. Generell ist die Beziehung zwischen den Kantonen heute viel besser, seit sich Baselland stärker an den Zentrumslasten beteiligt.»