Olivier Borer, Sie haben den Begriff «Siegen» gezogen. Welche Emotion bewegt Sie stärker: Der Sieg oder die Niederlage?

Siegen ist ein Wort, das ich bei der Arbeit täglich verwende. Ich schaue lieber den Siegern zu – aber spannender ist Journalismus über Verlierer. Jene, die auf der Verliererseite stehen, gehen vielmals vergessen, weil Sieger alles überstrahlen.

Ist Ihnen ein bestimmter Verlierer besonders in Erinnerung geblieben?

Viel verloren und doch gewonnen hat der ehemalige Kunstturner Lucas Fischer. Durch Epilepsie verlor er alles, musste die Karriere aufgeben. Er ist der Archetyp eines Verlierers, der sich öffnet und vor der Kamera Tränen zulässt. Jetzt hat er den Rank gefunden und ist zum grossen Sieger geworden. Als es noch die «Sportlounge» gab, begleiteten wir ihn mehrmals. In der Schweiz erleben wir eine Phase mit vielen Gewinnern, haben etliche Sportler, die eine Generation prägten.

Was war Ihr persönlich grösster sportlicher Erfolg?

Resultatmässig war ein Tennis-Vize-Kantonalmeistertitel in Solothurn mein grösster Sieg. Als 18-Jähriger spielte ich im Tennisclub Breitenbach, wo ich aufwuchs. Diese Silbermedaille bewahre ich bis heute in einer Kiste auf dem Estrich auf.

Und im alltäglichen Leben?

Für mich fühlt es sich wie ein Sieg an, bei SRF arbeiten zu dürfen. Es war mein grosses Ziel, es zum Fernsehen zu schaffen – wenn auch nicht zwingend im Sport. Dies ergab sich, weil ich beim Radio hineinrutschte. Mit meiner Familie im Rücken, einer langjährigen Beziehung und als dreifacher Götti sehe ich mich auf der Siegerseite.

Vor der Kamera wirken Sie wie ein Glücksbote. Kannten Sie in Ihrem Leben keine düsteren Momente?

Es gab schwierigere Zeiten. Im Alter von 18 oder 19 sah ich mich nicht als Gewinner, kämpfte mit depressiven Verstimmungen. Es war eine Phase, in der ich mich selbst finden musste und mein Coming-out bevorstand. Diese Phase brauchte ich, um dorthin zu gelangen, wo ich jetzt bin. Mein Glück macht mich auch ein bisschen demütig. Die meisten Menschen auf dieser Welt haben es nicht so gut wie ich.

Sie sprechen Ihr Coming-out an. War es in Breitenbach schwieriger, mit der Homosexualität zu leben?

Ich weiss nicht wie es ist, als offen schwuler Mann in Breitenbach zu wohnen. Damals war ich nicht geoutet. Nach dem Coming-out verliess ich das Dorf. Nicht weil ich homosexuell bin, sondern wegen meines Studiums. Ich mache kein Geheimnis aus meiner sexuellen Orientierung, hänge es aber nicht an die grosse Glocke.

Auf Ihrer Website schreiben Sie, Ihr Bezug zum Schwarzbubenland sei «ungebrochen stark». Woran äussert sich dies, abgesehen vom Dialekt?

Mein Vater und mein Bruder wohnen heute noch in Breitenbach, die Mutter in Laufen. In Basel ging ich mittwochs ins Kino und am Wochenende shoppen. Ohne chauvinistisch klingen zu wollen: Ich bin stolz darauf, diesen Dialekt und die Region beim Fernsehen vertreten zu dürfen.

Ihre Tennis-Leidenschaft ausgenommen, deutet Ihr Lebenslauf nicht auf eine Karriere als Sportjournalist hin.

Ich gehöre nicht zu jenen Sportjournalisten, die bereits als Neunjährige vor dem TV sitzen und Fussballspiele nachkommentieren. Während dem Studium bewarb ich mich beim Regionaljournal Aargau/Solothurn. Dort bereitete mir der Sportjournalismus grossen Spass. Später war die «Sportlounge» während vieler Jahre mit längeren Hintergrundgeschichten genau mein Ding, mein Zuhause. Nun habe ich mein Plätzchen ohne «Sportlounge» gefunden.

Ihre Karriere begann im Lokaljournalismus. Gibt es eine Episode, die Sie geprägt hat?

Viele Erinnerungen begleiten mich: Einmal porträtierte ich einen Schafscherer, der seine Wolle nicht verkaufen konnte und sie verbrennen musste. Es war im kleinen Kosmos ein grosses Drama. Der Lokaljournalismus ist eine grosse Perle.

Sie engagierten sich gegen «No-Billag». Wie schliefen Sie in der Nacht vor der Abstimmung?

Ziemlich gut. Vor allem im alten Jahr zehrte der lange Abstimmungskampf an den Kräften. Dann erwachten die Befürworter und die Stimmung kippte. Auch wenn es pathetisch klingt, sehe ich die Ablehnung der No-Billag als Sieg für die Schweiz.

Im Sport geht es immer um Leistung. Gibt es einen Sieg, den Sie einem Sportler wünschen?

Wenn Roger Federer den Wimbledon-Titel nochmals gewinnen würde. Das wäre unglaublich.

Sie begleiten Federer als Journalist. Er wird manchmal kritisiert, weil er sich nicht zu politischen Themen äussert. Wie stehen Sie hierzu?

Ich erlebe Federer meist nur für ein paar Minuten. Aber je älter er wird, desto echter erlebe ich ihn. Zuletzt hatte er für mich mehr Ecken und Kanten. Dass er sich wie viele Sportler nicht zu politischen Themen äussert, finde ich schade. Es sind Menschen wie wir auch. Ich sehe nicht ein, weshalb sie keine Haltung haben dürften. Auch wenn ich verstehe, dass sie weder Fans noch Sponsoren vergraulen wollen.