Die ehrliche Entrüstung von Markus Somm war nicht zu überhören. Der Chefredaktor der «Basler Zeitung» wiederholte ungläubig die Aussage, die Ems-Chemie-Chefin Magdalena Martullo-Blocher an der von Somm geleiteten Talk-Runde soeben gemacht hatte: «Das Seco hat mir geraten, besser im Ausland zu investieren.»

Was Martullo vermutlich damit sagen wollte, war: Die selbstherrlichen-machtgierigen-sich-selbst-beschäftigenden-usw-Bürokraten in Bern sehen es lieber, wenn die tapfere Investorin ihr Schweizer Geld ins Ausland schafft, als dass das Staatssekretariat für Wirtschaft von seinen übertriebenen Vorschriften abrücken würde, die es Martullo verunmöglichen, im Inland zu expandieren. Diese Botschaft stiess bei der am Tag der Wirtschaft versammelten Unternehmer-Elite auf weit offene Ohren.

Staats-Bashing von neuer Dimension

Arme Staatsangestellte! Sie sind in diesem Wahlkampf die Prügelknaben. Beamten-Bashing ist nun wahrlich keine neue Erfindung, aber in dieser Härte hat dieses Phänomen in der Schweiz, und insbesondere im Baselbiet, eine neue Dimension erreicht. Gestern Freitag wurde verschiedenen Redaktionen in der Region ein anonymes Schreiben zugestellt, in dem sich der Verfasser über «ganztägige Ausflüge (unter dem Deckmantel der Weiterbildung)» in der Baselbieter Bau- und Umweltschutzdirektion empörte.

Mit dieser Verschwendung von Steuergeldern für «Schuelreisli» werde der Kanton nie aus den roten Zahlen kommen. Nun mag der unbekannte Autor aus aufrichtiger Empörung heraus gehandelt haben. Entlarvend ist aber die Grundhaltung, die aus dieser Anschuldigung spricht: Staatsangestellte haben idealerweise ohne Aussicht auf Lohnerhöhung und ausserordentliche Motivationsfaktoren billige Akkordarbeit zu leisten. Wegen der Rufe nach dem «schlanken Staat» sind aus den staatlichen Dienstleistern – als Privatleute übrigens die gleich guten Steuerzahler wie alle anderen Arbeitnehmer – die Ver- und Behinderer der Wirtschaft geworden.

Das allein wäre zwar schlimm genug, aber nicht weiter tragisch, wenn nicht die Folgen des Kesseltreibens konkret wären und uns in Baselland bald schmerzhaft einholen werden. Verschiedene Gespräche mit Amtsstellenleitern ergeben in allen Direktionen dasselbe düstere Bild. Nach der Welle von Frühpensionierungen im Zuge der Pensionskassenreform zeichnet sich in der kantonalen Verwaltung eine nächste Stufe des «Braindrain» ab.

Überall sind es die aufgeweckten und ehrgeizigen Leute, die in der Arbeit für den Landkanton, vom dem sie bloss noch radikalen Stellenabbau und Lohnkürzungen zu erwarten haben, keine Perspektive mehr erblicken. Sie bereiten ihren Abgang vor oder haben ihn bereits vollzogen. Übrig bleiben die Mittelmässigen, die genau wissen, dass sie sonst nirgends unterkommen. Diese werden bis zur Pensionierung in ihren Stellen ausharren und die Vorschriften zum Eigenschutz buchstabengetreu und pingelig ausführen. Die Kapazitäten aber verlassen das sinkende Schiff.

Fachwissen muss teuer eingekauft werden

Das führt dazu, dass die kantonale Verwaltung zum einen immer langsamer und fehlerhafter arbeitet, zum anderen das verloren gegangenes Fachwissen teuer einkaufen muss. Beispielsweise bei ehemaligen Abteilungsleitern, die sich selbstständig gemacht haben. Das wiederum ruft die landrätliche Geschäftsprüfungskommission auf den Plan.

In ihrem jüngsten Tätigkeitsbericht stellt die GPK nebenbei fest, dass die Stimmung in der Baselbieter Verwaltung so schlecht ist, dass die Regierung wegen des zu erwartenden negativen Resultats auf die diesjährige Mitarbeiterumfrage verzichtet. Die bisher bekannt gewordenen personellen Sparmassnahmen, zum Beispiel in der Verkehrsinstruktion, gehen eben nicht mit dem gleichzeitigen Verzicht auf staatliche Angebote einher, sondern bloss mit weiterer personeller Ausdünnung.

Das alles freilich sieht Martullo-Blocher ganz anders, wie sie mit ihrem Votum am Tag der Wirtschaft bewies. Dabei dachte ich mir insgeheim: Was muss das für ein weitsichtiger, kluger Staatssekretär gewesen sein, der ihr diesen Rat gab, am besten dort zu investieren, woher die ungeliebten Ströme von Kriminaltouristen und Wirtschaftsflüchtlingen stammen. Bestimmt gehört dieser Staatsangestellte einer aussterbenden Rasse an.