Zahnersatz in einer einzigen Sitzung. Und dann kann der Zahnarzt die genauen Planungs- und Ausführungsdaten zu den Zahnimplantaten der Patientin nach Hause mitgeben, gedruckt oder auf einem Datenstick. Dies könnte bald möglich sein, wenn das Startup «Mininavident» sein System «Denacam» auf den Markt bringt.

Eigentlich ist elektronische Navigation bei Zahn- und Kieferoperationen schon heute möglich. Doch kosten die Apparate in der Grösse einer zu kurz geratenen Strassenlampe bis 100 000 Franken. Das Team um Erik Schkommodau hat das Navigationssystem so verkleinert, dass die Zahnärztin dieses auf den Bohrmotor aufsetzen kann. «Damit sinkt der Preis auf rund ein Viertel – eine Preisklasse, in der Zahnärzte bereit sind, neue Technologien auszuprobieren», erklärt der Leiter des Instituts für Medizinal- und Analysetechnologien an der Hochschule für Life Sciences FHNW in Muttenz.

Computergestützte Operation

Entscheidet sich in Zukunft ein Patient für ein Zahnimplantat, fixiert man in seinem Mund vor dem dreidimensionalen Röntgen ein Markierungsplättchen aus Keramik. Dieser Marker, von Mininavident für eine Genauigkeit im Hundertstel-Millimeter-Bereich entwickelt, bleibt während der ganzen Behandlung als Orientierungshilfe im Mund.

Am Bildschirm plant der Arzt am dreidimensionalen Abbild des Kiefers die Implantate und kann dem Patienten auf dem Tablet anschaulich erläutern, was er vorhat. In wenigen Sekunden erkennt das System den Bohrer und visualisiert ihn auf dem Bildschirm. Der Arzt muss ihn exakt auf das vorgezeichnete Kreuz setzen, die Software zeigt ihm präzis den Winkel an, und auf einer Linie sieht er, wie viel der geplanten Tiefe er erreicht hat. Gerät der Bohrer näher als zwei Millimeter in die Nähe eines Nervenkanals, schlägt das System Alarm. «Mit Blick auf das Tablett kann der Arzt exakter arbeiten, als wenn er in den Mund schaut», erklärt Schkommodau.

«Schneller, sicherer und kostengünstiger», preist er die Vorzüge. Letzteres nicht nur, weil man auf individuell herzustellende Bohrschablonen verzichten kann, sondern weil auch kein Verbrauchsmaterial benötigt wird: Die Markerplatte ist sterilisier- und wiederverwendbar. Und nicht zuletzt protokolliert das System alle Schritte winkel- und mikrometergenau.

Markteintritt im Jahr 2017

Formell gegründet wurde die im Basler Technologiepark im Stücki ansässige Mininavident AG Ende 2012. Mit an Bord sind die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen des Universitätsspitals Basel, Philipp Jürgens und Hans-Florian Zeilhofer, aber auch der CEO vom Basel Inkubator, einer Innovationsförder-Organisation, hinter der unter anderem die Kantonalbanken beider Basel stehen.

«Die Entwicklungsziele wurden von den Ärzten definiert», berichtet Frank Berlinghoff, CEO von Mininavident. Von Haus aus ist er Physik-Ingenieur, Schkommodau ist Elektroingenieur. Berlinghoff spricht von einer «Heirat zwischen Medizin und Industrie».

Mittlerweile haben sie Denacam bis zum Prototyp entwickelt, den Zahnärzte an Patienten-Puppen ausprobieren und für gut, aber mit 300 Gramm noch etwas schwer befunden haben. In diesem Jahr soll eine Null-Serie in Produktion gehen, bei der das Gewicht auf rund die Hälfte reduziert wird. Die Komponenten werden von Zulieferern in der Schweiz und in Deutschland gefertigt, die Endmontage soll hier erfolgen.

Ziel ist es, das System im ersten Quartal 2017 auf der internationalen, zweijährlich stattfindenden Dentalmesse IDS in Köln, eine Art Baselworld für Zahntechnologie, zu präsentieren. «Wir schätzen, dass wir im zweiten Jahr bereits rund 1000 Exemplare verkaufen können», meint Berlinghoff.

Diesen Optimismus begründet er mit 13 Millionen Zahnimplantaten, die jährlich in weltweit 70 000 Kliniken und Zahnarztpraxen eingesetzt werden. «Wir entwickeln kein Highend-Produkt für Forscher, sondern ein System, das künftig in Zahnarztpraxen zum Standard werden soll.» Dies scheint mehr als nur eine Startup-Vision zu sein: Gemäss Berlinghoff investieren namhafte Dental-Unternehmen in Mininavident. Der für den Produktionsstart nötigen dritten Kapitalerhöhung sieht er zuversichtlich entgegen. Hilfreich dürfte dabei sein, dass Mininavident 2015 den renommierten Swiss Technology Award gewonnen hat.

Dabei fürchten Schkommodau und Berlinghoff nicht, bald einmal von chinesischen Produktpiraten kopiert zu werden: «Die von uns entwickelte Optik und das Zusammenspiel mit der Software, das es ermöglicht, den Bohr-Fortschritt in Echtzeit darzustellen, sind zu komplex, um einfach nachgemacht zu werden.»