Wieso genau tue ich mir das an, denke ich, als Florence mich an der Halterung auf dem Flügel festzurrt. Sie lächelt so freundlich, spricht so aufgestellt, dass ich sofort das Gefühl habe, dass sie nur darüber hinwegzutäuschen versucht, dass mich gleich etwas Schreckliches erwartet. Sie aber verkauft ihn mir als einmaliges Erlebnis, diesen Flug auf der Tragfläche der Boeing Stearman. Als unbeschreibliches Gefühl.

Für sie ist er Alltag. Als Akrobatin der Breitling Wingwalkers steht sie regelmässig auf dem Flügel des Doppeldeckers. So auch am vergangenen Wochenende an den Flugtagen in Wittinsburg, in deren Rahmen auch ich als bz-Redaktorin mich als Wingwalkerin versuchen durfte.

Als Florence flink vom Flügel klettert und mich auf der Tragfläche alleine lässt, bemühe ich mich, an all das zu glauben, was sie mir erzählt hat. Da unterbricht Pilot Martyn meine Gedanken. Er will wissen, wie wild er fliegen soll. Zu steile Kurven traue ich mir nicht zu. Aber wenn ich mich schon auf diese Tragfläche wage, dann will ich nicht bloss die Weichspülvariante. Ich entscheide mich für den Mittelweg. Mit den echten Wingwalkerinnen fliegt Martyn auch Loopings, bei deren Anflug die Stearman bis zu 280 Kilometer pro Stunde erreicht. Für mich als «Schnupper-Wingwalkerin» sind solche Kapriolen aber tabu.

Florence hat nicht gelogen

Martyn wirft den Propeller an und bald ruckeln wir los übers Feld. Dabei rufe ich mir nochmals das Zeichen dafür in Erinnerung, dass ich den Flug abbrechen möchte: beide Daumen nach unten. Doch schon in der ersten Sekunde ist mir klar, dass ich es nicht brauchen werde. Florence hat nicht gelogen: Das ist wirklich unglaublich. Ich kann nicht anders, als breit zu lächeln, auch wenn das den Effekt noch verstärkt, den der Wind auf meine Wangen hat. Sie flattern an meiner Seite. Doch das nehme ich kaum wahr.

Ich schaue, wie Felder, Wälder und Dörfer unter mir wegziehen. Nach einer Weile versuche ich, meinen Arm zu heben und zu winken. Es fühlt sich unglaublich mechanisch an. Ich muss den Arm förmlich von links nach rechts reissen, so viele Kräfte wirken auf mich. Ich bin versucht, auch einen Fuss vom Flügel zu lösen, nur um zu wissen, wie sich das anfühlt. Das hat mir Florence aber verboten und ich lasse es lieber bleiben.

Nach zehn Minuten setzen wir zur Landung an. Mir kam der Flug viel länger und gleichzeitig viel zu kurz vor. Am liebsten würde ich gleich nochmals eine Runde drehen. «Ich wusste, dass es dir gefällt», sagt Florence, als sie mich aus meiner Halterung befreit. Doch eine Wiederholung gibt es nicht. Jetzt sind die professionellen Wingwalkerinnen an der Reihe.

Ich nehme zwischen den Zuschauern in Wittinsburg Platz, um zu schauen, wie Florence und ihre Kollegin sich auf den Flügeln machen. Bei ihnen gibt es mehr als ein paar sanfte Kurven. Sturzflüge, Loopings – alles machen die Akrobatinnen mit. Dabei heben sie auch gerne einmal ein Bein in die Luft oder machen den Kopfstand. Ich erinnere mich, wie viel Mühe mir schon das Winken machte, und vergesse schnell die Träume einer Zukunft als Wingwalkerin.