«Ich bearbeite fast ausschliesslich Laufentaler Kalkstein. Einerseits arbeite ich auf Auftrag, wenn Leute bei mir irgendwas bestellen. Sei es eine Figur für den Garten oder ein Grabstein. Vor Weihnachten durfte ich etwas gestalten für ein Schlafzimmer. Andrerseits mache ich freie Arbeiten. Bei diesen lasse ich mich inspirieren aus meinem täglichen Leben, von mir selber oder meinen Mitmenschen. Da ist meine Kreativität grenzenlos.

Meine freien Arbeiten sind wie Tagebuch schreiben – was bei mir gerade so geschieht. Manchmal passiert aussen etwas, manchmal in mir innen. Dies schlägt sich in irgendeiner Form in meinen Kunstwerken nieder. Ich fertige Objekte an, die abstrakt oder gegenständlich sind, manchmal fliesst beides ineinander. Gerne forme ich Frauenfiguren, immer sehr reduziert.

Aus dem Bauch heraus

Am liebsten mache ich Sachen, die schnurstracks aus dem Bauch herauskommen. Für mich sind die allerglücklichsten Tage, wenn ich morgens in den Steinbruch komme und keinen Druck verspüre, etwas tun zu müssen. Ich habe irgendeine Idee, nehme Hammer und Meissel und lege los. Manchmal liegt gar keine gedankliche Vorarbeit zugrunde, und ich mache mich einfach an ein Stück Kalkstein. Solche Ideen kommen von ganz unten – vergleichbar mit einer Flasche Champagner, die still gereift ist und der es dann im richtigen Moment den Zapfen raushaut.

Selbstverständlich muss ich mir immer vorstellen, was aus dem Stein werden soll. Ohne konkreten Plan macht der Stein mit einem, was er will. Der Fokus ist entscheidend: Was will ich ausdrücken? Welche Botschaft habe ich? Welche Form soll es werden? Ich habe nie allein die Macht über den Stein. Es ist ein Zusammenarbeiten. Dies ist ein ganz wichtiger Aspekt in meinem Beruf. Der Stein ist uralt, weise, mächtig. Ich bin jung und vergänglich. Gegenüber dem Material habe ich Respekt. Das benötigt Demut. Ich muss mir bei der Arbeit Zeit nehmen und präsent sein.

Bei einem Grabmal dagegen ist einige Vorarbeit nötig: Kundengespräche, Skizzen, Zeichnung, Modell. Der Auftrag ist konkret und klar. Hier habe ich keine Spatzung. Während ich ein Grabmal erschaffe, denke ich mehr als üblich über Leben und Tod nach. Aber das ist für mich keine Berufs-, sondern eine Lebensphilosophie. Wenn man den Tod nicht mitnimmt zum Leben, dann malt man wie ohne Schwarz. Zwar muss ich mich von den Schicksalen abgrenzen, aber auch hineingehen können in die Gedanken, diese lesen, umformen und so in den Stein bekommen. Ich denke gerne nach; die Seele der Dinge interessiert mich.

Grabsteine stelle ich gerne her. Ich habe grosse Achtung vor dieser Arbeit. Diese finde ich wichtig – gerade in unserer Zeit, in welcher so viel kurzlebig und oberflächlich ist. Ich finde es schön, wenn ich den Leuten, die bleiben, etwas hinterlassen darf. Etwas, das ihnen Kraft gibt, um auf einen Friedhof zu gehen oder im Leben weiterzugehen. Und ein Zeichen zu setzen für den, der gegangen ist.

In meiner Arbeit steckt Leiden, aber auch grosse Freude. Meistens ist ein ganzer Regenbogen mit drin. Das Leiden gibt Tiefgang, es ist wie das Salz in der Suppe. Mein Arbeiten ist ein ständiges Auf und Ab, ein Suchen und Finden, ein Verwerfen und Wiederfinden. Gefühle, die sich immer und immer wieder die Hand geben. Ein beeindruckender Prozess. Es ist wie im Leben: Man lernt nicht, wenn die Sonne scheint, man lernt unter Wolken. So gewinnt man Erfahrung.

Wie ich zu meinem Beruf kam? Irgendwie war das immer schon in mir. Lange bestand jedoch auch etwas daneben: Ich wollte in den Zirkus. Aber ganz innen wünschte ich mir stets, Steinbildhauerin zu werden. Ein Samen war immer schon da. Ich liess ihn lange nicht wachsen, weil ich dafür ein gewisses Alter und eine gewisse Reife brauchte. Es erforderte auch Durchsetzungskraft, bis ich zu diesem Beruf Ja sagen konnte. Dieses Ja war dann ein Ja. Die Initialzündung gab mir eine Schnupperlehre.

Von der Hand in den Mund

Nach dem Gymnasium besuchte ich zwei Jahre die Kunstgewerbeschule. Zwischendurch nahm ich verschiedene Jobs an, um mein Leben zu finanzieren. Ich reiste auch viel; führe ein einfaches, aber glückliches und erfülltes Leben, so quasi eins zu eins – lebe von der Hand in den Mund. Ich sage immer, in meinem Beruf werde ich jeden Tag steinreich, nur hat man nicht unbedingt viel Geld. Dies ist auch nicht mein Ziel. Ich habe alles, was ich brauche.

Auch wenn ich stets alleine arbeite, bin ich nie allein: Mein Hund Rocco ist immer bei mir. Und weil ich draussen bin, ist stets auch Wind und Wetter bei mir. Das intensiviert mein persönliches Leben. Wenn ich einen ganzen kalten Tag im Steinbruch gewesen bin, freue ich mich am Abend aufs zu Hause – auf das Feuer im Ofen und eine heisse Suppe auf dem Tisch. In einem alten Bauernhaus in Movelier, das ich mit meinem Lebenspartner bewohne, habe ich einen Ausstellungsraum eingerichtet. Ein Atelier ist am Entstehen. Viel machen wir selber mit Freunden zusammen.

Von meinem Wohnort fahre ich fast täglich zum Steinbruch in Dittingen. Es ist nicht ein gewöhnliches Hin- und Herfahren. Zu Hause ist eine Welt, hier ist eine Welt. Und dann habe ich eine Zwischenwelt zum Landen und mir Gedanken machen. Zum Beispiel, wie ich mit einer Arbeit weiterfahre.

Ich arbeite in einer Männerdomäne. Deshalb habe ich mir auch schon komische Bemerkungen anhören müssen. In solchen Situationen versuche ich immer, nicht übermässig zu reagieren. Denn es sind oberflächliche Sachen, kleine Buschfeuer. Wenn ich kein Holz hineingebe, dann brennen sie auch nicht lange. Meine Welt ist hier im Steinbruch. Da bin ich nicht exponiert, und es stört mich niemand.»

Aufgezeichnet von Simon Tschopp