Herr Burgunder, Sie sind nun seit rund zwei Wochen Prattler Gemeindepräsident. Wie fühlt sich das an?

Stephan Burgunder: Gut! Ich bin jetzt Teil der Öffentlichkeit und spüre, wie die Leute im Dorf den Kontakt suchen – sei es bei Anlässen oder beim Einkaufen. Daran muss ich mich noch gewöhnen. Ich spüre aber auch eine gewisse Erwartungshaltung. Die Leute wollen etwas Neues. Offiziell habe ich tatsächlich am 1. Juli begonnen, wir haben uns innerhalb des künftigen Gemeinderats aber bereits vorher getroffen.



Sie waren also schon zuvor aktiv?

Ja, so lautete der Auftrag an den neuen Gemeinderat: Bis zwei Wochen vor Beginn der Legislatur sollten die Departemente aufgeteilt sein. Ich bin auch schon zuvor als Gast auf der Verwaltung gewesen – sowohl bei meinem Vorgänger Beat Stingelin, als auch bei Verwalter Beat Thommen.

Wie muss man sich das vorstellen: Geht man da einfach auf die Verwaltung und sagt: «Hallo, ich bin dann übrigens der Neue»?

Man wusste ja schon länger, dass ich der Neue bin. Ich habe mich aber persönlich bei allen vorgestellt. Die Situation ist einmalig. Ein Fussball-Trainer weiss in etwa, was ihn bei einem neuen Club erwartet – aber Gemeindepräsident, das wird man in der Regel nur ein Mal, das ist nicht trainierbar. Bei mir kommt hinzu, dass ich vorher nicht im Gemeinderat war. Beat Stingelin hat mich sehr gut unterstützt.

Sie übernehmen eine prosperierende Gemeinde. Was ist die Aufgabe von Pratteln in der Nordwestschweiz? Welche Rolle kann es spielen?

Pratteln ist ein Vorort Basels, der selber nicht nur attraktiven Wohnraum bietet, sondern auch attraktive Arbeitsplätze. Wir sind prädestiniert dazu: Wir sind ein Verkehrsknotenpunkt, und die Erschliessung wird noch besser, etwa mit der geplanten Verlängerung des 14er-Trams. Wir wollen dieses mit Salina Raurica bis nach Augst führen. Unsere Situation ist speziell, das zeigt auch die Zahl der Arbeitsplätze: Wir haben fast 13'000 Arbeitsplätze, fast so viele wie Einwohner. Mit dem wirtschaftlichen Entwicklungsgebiet Salina Raurica steigt die Zahl der Jobs weiter an.

Pratteln brummt – eigentlich könnten Sie sich zurücklehnen.

Der Gemeinderat hat in den letzten zehn Jahren ausgezeichnete Arbeit geleistet. Jetzt zurücklehnen und verwalten wäre verheerend. Die Finanzen sind gesund und damit steigen die Begehrlichkeiten. Kommt hinzu, dass der Kanton unter Spardruck steht und Leistungen abbaut. Dies führt zu erhöhtem Druck auf unsere Leistungen und Ausgaben. Wir müssen abwägen, welche Dienstleistungen Sinn machen und welche nicht. Noch wichtiger ist allerdings, dass wir an den Einnahmen arbeiten. Das Rezept ist einfach: Ausgaben halten, Einnahmen erhöhen und sich nicht verschulden. So behalten wir unseren Handlungsspielraum.

Beat Stingelin ist zwar Sozialdemokrat, galt aber nicht als ein wirtschafts- oder gewerbefeindlicher Gemeindepräsident – ganz im Gegenteil. Wo können Sie überhaupt punkten?

Das ist schwierig zu sagen. Eine wichtige Pendenz ist die neue Gemeindeverwaltung. Heute arbeiten Leute teilweise in Containern, die Lavabos in den Toiletten haben kein warmes Wasser, im Winter ist es zugig und kalt. Vom Boom in Pratteln sieht man da wenig. Wo stehen wir am Ende der Legislatur, wo in zehn Jahren? Ideen dazu werden wir in einer Gemeinderatsklausur diskutieren. Die Legislaturziele werden dann neu erstmals zusammen mit Mitgliedern des Einwohnerrates, der neuen Entwicklungskommission erarbeitet und im 2017 vom Einwohnerrat verabschiedet.

Ein Sorgenkind ist Salina Raurica. Dort geht es nicht wirklich vorwärts.

Gut Ding will Weile haben. Dieses Gebiet wird uns sicher noch länger beschäftigen, das ist so.

Das Gelände erstreckt sich zwischen Autobahn A 2, Schweizerhalle, Rhein und Augst. Es ist riesig, aber stark zerstückelt.

Ja, wir haben viele Grundeigentümer. Vorgesehen ist eine Testplanung. Sie soll zeigen, welche Landstücke man wie umlegen, parzellieren, zusammenlegen könnte und welche Nutzungen wo möglich wären. Die Landumlegung wird eine grosse Herausforderung.

Der Worst Case wäre, dass ein potenzieller Investor anklopft und an Land interessiert wäre, man ihm aber nicht genügend schnell eine passende Parzelle anbieten könnte. Es hiess, dass Biogen, dass nun im solothurnischen Lutherbach baut, sich auch für Standorte im Kanton Baselland interessiert hätte, jedoch habe dieser dem Unternehmen kein passendes Stück Land anbieten können.

Die Anfrage Biogen ist mir persönlich nicht bekannt. Aber es ist doch so: Jeder Interessent will das schönste Stück – und jeder Verkäufer will den höchsten Preis erzielen. Dies auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen, wird anspruchsvoll. Nebst der Landumlegung ist allerdings die bessere Erschliessung des Gebiets zentral. Der Landrat wird nach den Sommerferien über die Verlegung der Rheinstrasse und die Verlängerung der Tramlinie 14 nach Augst debattieren.

Kommen wir zu Ihrem Zeitmanagement. Das Gemeindepräsidium gilt als ein 50-Prozent-Job, effektiv kostet es aber ganz sicher mehr Zeit.

Das wird eine Herausforderung, ganz klar. Bei der Basellandschaftlichen Kantonalbank (BLKB) habe ich mein Pensum reduziert. Ich arbeite zweieinhalb Tage auf der Gemeinde, zweieinhalb Tage auf der Bank. Die BLKB kommt mir mit flexiblen Arbeitszeiten sehr entgegen.

Werden Sie nicht mehr Zeit aufwenden müssen für die Gemeinde?

Ich brauche ein gutes Zeitmanagement, das steht fest. Mit allen repräsentativen Aufgaben komme ich sicher auf ein höheres Pensum als 50 Prozent. Ich werde aber auch Abstriche machen. Zum Beispiel bei den Besuchen bei runden Geburtstagen: Ich kann nicht 16 Jubilare pro Monat besuchen. Dann will ich mich auf das Strategische konzentrieren – man darf nicht vergessen: Ich bin als Gemeindepräsident der Verwaltungsrats-Präsident, fürs Operative haben wir eine sehr gut aufgestellte und motivierte Verwaltung.

Wie führen Sie?

Ich habe mir für das kleine Präsidentenfest, das die FDP für mich veranstaltet hat, ein Zitat rausgesucht. Es stammt von Antoine de Saint-Exupéry: «Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.» Mir geht es darum, die Mitarbeitenden zu motivieren und Visionen zu erarbeiten. Wenn alle am selben Strick ziehen, können wir viel mehr herausholen, als wenn ich vorne stehe und den Marsch blase.

Nehmen wir an, jemand besucht zum ersten Mal Pratteln. Was würden Sie dieser Person zeigen?

Die wenigsten Leute kennen den Dorfkern. Ich würde eine Tour machen: Schloss, Dorfschulhäuser, Dorfturnhalle, Schmittiplatz, reformierte Kirche. Endstation wäre das Rebhüsli Hagenbächli. Von dort aus hat man ein wunderbares Panorama und kann viele Geschichten über Pratteln erzählen.

Welche Seite würden Sie dem Gast nicht zeigen?

(Überlegt) Ich wohne seit meiner Geburt in Pratteln, und es gibt nichts, dass ich jemandem nicht zeigen würde.

Gefallen ihnen die drei neuen Hochhäuser?

Ja. Die sind ein mutiger Schritt und stehen für mich für die Dynamik der Gemeinde.

Auch die Fassade des Aquila-Hochhauses?

Die Form des Hauses hat mich von Anfang an begeistert. Die Fassade hingegen ist gewöhnungsbedürftig, und sie passt auch nicht allen. Die Fassade wandelt sich mit den Flecken, die Bleche verändern sich. Das ist spannend und steht ein Stück weit für Pratteln.