Erika Preisig empfängt uns in ihrem neuen Sterbezimmer im Oristaler Gewerbegebiet in Liestal. Seit April begleitet sie hier vor allem schwerkranke, sterbewillige Ausländer in den Tod, in der Regel montags und donnerstags. Das grosse, helle Sterbezimmer ist Teil einer Viereinhalb-Zimmer-Wohnung, die bis vor kurzem noch als Moschee gedient hat. Von der Einrichtung her dominiert ein grosses, dunkelrotes Sofa, daneben stehen ein Spitalbett und ein Infusionsständer. Orchideen schmücken den Raum und auf dem Fenstersims liegt eine CD mit einem Klavierkonzert von Johann Sebastian Bach.

Frau Preisig, wenn Sie dieses Zimmer betreten, was fühlen Sie?

Erika Preisig: Frieden, absoluten Frieden. Ich hatte zuerst grösste Mühe damit, dass man uns in einem Basler Wohngebiet die Bewilligung entzogen hatte und uns in die Gewerbezone abschob. Ich dachte, ich würde mich hier nie wohlfühlen, weil der Tod ins Leben und nicht in eine solche Zone gehört. Kein Hospiz würde man in eine Gewerbezone abschieben. Jetzt finde ich es schön hier mit dem Wald, den man aus dem Fenster sieht und der mehr ins Auge sticht als die Industriebauten. Für die Sterbewilligen, die hierher fahren müssen, finde ich es aber beleidigend. Wenn man jedoch hier in der Wohnung ist, stimmt die Atmosphäre und ich fühle mich mittlerweile wohler als in Basel.

Aber wenn Sie hier eintreten, denken Sie nicht automatisch an die letzte Sterbebegleitung? Belastet Sie das nicht oder ist das schon so etwas wie Routine?

Nein, die Sterbebegleitung darf nie Routine werden. Ich erinnere mich beim Betreten tatsächlich an die Schicksale, aber auch an die Freude der Leute, sterben zu dürfen. Viele danken mir als Letztes nochmals, nachdem sie die Infusion aufgedreht haben. Als ich jetzt vorhin die Wohnung betreten habe, ist mir die Französin in den Sinn gekommen, die letzte Woche hier starb und zuvor noch Champagner trinken und zwei Zigarillos rauchen wollte. Hier drin stirbt man nicht schwierig, hier herrscht eine Kultur des Sterbens. Die Leute und ihre Angehörigen erzählen mir oft noch, was sie in den letzten Stunden getan haben und sie weinen und lachen. Solche Erinnerungen sind für mich nicht belastend. Das Sterben meiner Patienten, die ich zu Hause palliativ-medizinisch begleite, ist oft viel schwieriger.

Wie kamen Sie als Hausärztin, die Patienten in erster Linie kuriert, überhaupt auf die Idee, fremden Menschen den Tod zu ermöglichen?

Der Auslöser war das Erlebnis mit meinem Vater vor elf Jahren. Er hatte zwei Hirnschläge, konnte nicht mehr reden und wollte nicht mehr weiterleben. Er machte dann einen misslungenen Suizidversuch mit Tabletten und deutete an, dass er sich unter den Zug werfen wolle. Ich fand diesen Gedanken schrecklich und nahm Kontakt mit Dignitas auf, die meinem Vater half. Ich selbst war bis dahin nur in der Palliativmedizin tätig, etwas, was ich nach wie vor sehr gut und ausbauwürdig finde. In der Folge arbeitete ich sechs Jahre lang als Konziliarärztin für Dignitas. Dort habe ich erstmals gesehen, dass Ausländer in einem eigentlich nicht mehr reisefähigen Zustand zum Sterben in die Schweiz kommen, weil Sterbehilfe in ihrer Heimat verboten ist. Ich wollte mich deshalb für deren Legalisierung auch im Ausland einsetzen, was ich bei Dignitas nicht im gewünschten Rahmen konnte. Deshalb habe ich meine eigene Organisation gegründet. Mein Ziel ist, dass der Sterbetourismus eines Tages aufhört, weil die Sterbebegleitung überall legal ist. Früher fand der Tourismus für einen Abort in die umgekehrte Richtung statt. Irgendwann stand eine tapfere Frau hin und sagte, das muss aufhören und es hörte auf. Deshalb glaube ich auch bei der Sterbehilfe daran.

Derzeit begleiten Sie noch grossmehrheitlich Ausländer in den Tod. Erzählen Sie uns bitte, wie die Kontaktaufnahme und die Sterbebegleitung in der Regel ablaufen.

Ein Ausländer ist schwer krank und hört über irgendwelche Kanäle von uns, oft über Freitodbegleitungsorganisationen in seinem Heimatland, die aber dort nur beratend wirken dürfen. So gelangt er an uns und erkundigt sich nach den Bedingungen. Bei uns muss er einen persönlichen, schriftlichen Antrag stellen und sein Problem erklären. Dann muss er auch eine kurze Biografie schicken, damit wir wissen, wie die Familie zusammengesetzt ist und wen wir informieren müssen. Im Weitern brauchen wir einen Arztbericht. Aufgrund dieser Unterlagen beurteilen ich und ein zweiter Arzt, ob Chancen auf Sterbebegleitung bestehen. Wenn wir das beide bejahen können, kann ein Termin, der jederzeit nach vorne oder hinten verschoben werden kann, abgemacht werden.

Und wenn der Sterbewillige hier ist, wie geht es dann weiter?

Er muss mindestens zwei Nächte in der Schweiz verbringen. Am Anreisetag hat er die erste Arztkonsultation, am Folgetag hat er eine zweite Konsultation mit einem andern Arzt. Am dritten Tag kommt er mit den Angehörigen nach Liestal für die Freitodbegleitung. Hier muss er noch Formulare ausfüllen und bestätigen, dass er sich das Ganze gut überlegt hat und freiwillig in den Tod geht. Auch gibt es noch ein Gespräch mit mir und der zweiten Person, die bei der Sterbebegleitung jeweils dabei ist. Dabei geht es um die Beurteilung der Urteilsfähigkeit, die zentral ist. Ist der Sterbewillige bereit, legt er sich aufs Bett, ich stecke die Infusion mit Kochsalzlösung und wir üben das Öffnen des Infusionshahns. Klappt das, mache ich die Infusion zu und fülle das Medikament in den Beutel. Dann stelle ich ihm vier Fragen nach Namen, Geburtsdatum, Grund seines Herkommens und ob er sich bewusst sei, was passiert, wenn er den Infusionshahnen aufdreht. Wenn die Antworten klar sind, sage ich ihm, dass er den Hahnen nun öffnen könne, wenn er sterben wolle. Das darf nur der Sterbewillige alleine machen.

Und wie machen das Leute, die gelähmt sind?

Tetraplegiker können das Öffnen des Hahns dank einer speziellen Konstruktion mit einer Kopfbewegung auslösen. Die beiden letzten Akte mit den Fragen und der Hahnöffnung werden gefilmt, damit wir ein Beweismittel haben.

Wie schnell schlafen die Leute dann ein?

Bei der Flüssigkeit handelt es sich um ein stark überdosiertes Narkosemittel, das zu einem Kreislauf- und Atemstillstand führt. Doch von dem spürt die Person nichts mehr, denn sie schläft 30 Sekunden nach der Hahnöffnung ein. Es überrascht mich immer wieder, was sich die Leute in diesen 30 Sekunden noch alles sagen können. Das ist wunderschön.

Müssen Sie in den Herkunftsländern der Sterbewilligen eigentlich mit Konsequenzen rechnen?

Nein, ausser in Deutschland, wo im letzten Dezember ein neues Gesetz in Kraft trat, nach dem ich mit drei Jahren Gefängnis bestraft werden kann. Ich gehe deshalb nicht mehr nach Deutschland, beteilige mich aber jetzt an einer Verfassungsklage gegen das Land.

Wie verhält es sich bei sterbewilligen Personen mit einer psychischen Beeinträchtigung wie Depression oder Demenz?

Ich hatte eine Bekannte, die wegen ihrer Depression viermal in stationärer psychiatrischer Behandlung war, aber nicht geheilt werden konnte. Sie brachte sich um, indem sie mit dem Auto in einen See fuhr und erstickte. Das war furchtbar. Ich könnte einer solchen, offensichtlich unheilbaren Person aber nur helfen, wenn ein Psychiater ihre Urteilsfähigkeit beurteilt. Und das macht keiner, angeblich aus ethischen Gründen. Bei den Demenzkranken haben wir das grosse Problem, dass der Leiter des geriatrischen Kompetenzzentrums der Uni Basel, dem das Felix Plattner Spital und die Memory Klinik angeschlossen sind, seinen Ärzten verboten hat, eine Beurteilung der Urteilsfähigkeit zu machen. Früher war das anders. Wir suchen zusammen mit Exit weiterhin das Gespräch mit der Spitalleitung.

Ein heikles Thema ist bei der Sterbebegleitung auch das Finanzielle. Ein Schweizer zahlt bei Ihnen 4000, ein Ausländer 10 000 Franken fürs Sterben. Ist Sterbebegleitung ein Erwerbszweig?

Das darf es nicht sein. Ich wäre ja blöd, mich für die Legalisierung der Sterbehilfe im Ausland einzusetzen, wenn es für mich ein wichtiger Erwerbszweig wäre. Damit mir niemand vorwerfen kann, ich mache das aus finanziellen Gründen, habe ich eine Stiftung gegründet und alle Einnahmen aus der Freitodbegleitung gehen an diese Stiftung. Die Stiftungsaufsicht kann jederzeit in die Buchhaltung schauen. Ich beziehe eine Aufwandsentschädigung, die aber nicht mit meinem Arztlohn vergleichbar ist. Den Leuten, die für uns arbeiten, bezahlt die Stiftung einen angemessenen Lohn. Ich habe als Ärztin eine unglaubliche Macht, Leben zu verlängern. Aber wenn dieses Leben nur noch Leiden ist und der Betroffene mir sagt, er möge nicht mehr, er habe nur noch Schmerzen, so ist es unethisch, wenn ich das nicht respektiere.

Sind Sie gläubig?

Ja, ich bin immer noch gläubig. Ich wurde in einem extrem gläubigen Umfeld erzogen und war als Kind bei der Heilsarmee. Ich fühlte mich sehr wohl dort. Ich mag mich aber auch gut an das Schuldgefühl erinnern, das uns eingeimpft wurde. So hiess es: Kommt der Teufel und will Dich versuchen, schnell sag Nein. Sagst Du es im ersten Blick, wirst Du Sieger sein. Plagt er Dich immerfort, eisern jag ihn fort, fort, fort. Und wir Kinder schrien fort, fort, fort. Das war in mir drin, als ich meinen Vater in den Tod begleitet habe. Und ich wartete auf Gottes Strafe, weil ich überzeugt war, dass ich mich versündigt habe. Ich hatte grosse Angst, dass eines meiner Kinder verunglückt oder sonst etwas Gravierendes passiert. Aber die Strafe kam nicht, und irgendwann, als ich für Dignitas arbeitete, sagte ich mir, entweder gibt es einen Gott und es stört ihn nicht, was ich mache, oder es gibt keinen Gott. Auf jeden Fall läuft mein Leben in den letzten Jahren so positiv wie nie zuvor und ich fühle mich nicht mehr sündig.

Frau Preisig, wie möchten Sie am liebsten sterben?

In Frieden. Ich möchte einfach einschlafen können.

Und wenn Sie starke Schmerzen haben?

Dann bekämpfe ich diese mit allen möglichen Mitteln inklusive Morphium. Aber wenn ich die Schmerzen trotz Morphium nicht in den Griff bekomme und Gefahr laufe, nur noch vernebelt zu sein, dann öffne ich den Infusionshahnen.