Die Szene, die sich am Montagabend im prunkvollen Saal des Münchensteiner Restaurants Hofmatt abspielte, könnte sinnbildlicher nicht sein: Am Ende des Podiumsgesprächs, zu welcher der Verein Lifecircle mit seiner Präsidentin Erika Preisig geladen hatte, um über Sterbehilfe zu diskutieren, kam ein älterer Herr auf Preisig zu. «Ich bin 97 und aus München hergereist. Wenn es bei mir so weit ist, hoffe ich, dass sie einen Platz für mich frei haben.» Doch, so fügt er lächelnd an, noch könne er ein Glas Wein und somit das Leben geniessen.

Eigentlich hätte die Biel-Benkemer Hausärztin Preisig dem hochbetagten Mann sogleich absagen müssen. Denn einen Platz frei, das hat die an Lifecircle angehängte Stiftung Eternal Spirit, mit der Preisig vergangenes Jahr 77 Menschen in den Freitod begleitete – 58 davon Ausländer – auf unbestimmte Zeit nicht. Seit der australische Botaniker David Goodall im Mai dieses Jahres medienwirksam nach Basel reiste, um seinem 104-jährigen Leben mit der Hilfe Preisigs ein Ende zu setzen, hat Eternal Spirit weltweit Bekanntheit erlangt.

David Goodall: Bis fast zuletzt wollte er die Medien dabeihaben

David Goodall: Bis fast zuletzt wollte er die Medien dabeihaben

Mai 2018: Alles andere als ruhig ging es in den Räumlichkeiten der Sterbehilfeorganisation Eternal Spirit am 10. Mai in Liestal zu und her. David Goodall starb am Mittag im Beisein von Familienmitgliedern. Bis fast zuletzt begleitete ihn eine Gruppe von Journalisten aus aller Welt. 

Schon im Sommer berichtete das «Regionaljournal» von einem «Riesenproblem», weil die Anfragen für Sterbebegleitungen sprunghaft angestiegen seien. Wie Preisig der bz am Rande des Podiums bestätigt, ist die Stiftung auch jetzt noch am Anschlag: «Zurzeit könnten wir 250 Sterbebegleitungen pro Jahr machen, dabei sind 80 für uns das Maximum.» Das wirkt sich auch auf die Mitgliederzahlen aus. 2016 waren es noch rund 800, mittlerweile sei man bei 1600 angelangt, so Preisig. «Die Stiftung hat nun entschieden, die Mitgliederzahl auf 2000 zu beschränken», sagt sie. Denn: «Wir wollen kein zweites Exit werden.» Zum Vergleich: Die grösste Schweizer Sterbehilfe-Organisation zählte 2017 insgesamt 110 000 Mitglieder und führte 734 assistierte Suizide durch.

Der Anfragestau führt zwangsläufig zu Absagen: «Den vielen Leuten abzusagen ist härter, als eine Freitodbegleitung durchzuführen», sagt Preisig. Um bei den Entscheiden nicht verschiedene Krankheitsbilder und Leidensverläufe gegeneinander abwägen zu müssen, folgt Eternal Spirit einem einfachen Prinzip: «Je länger jemand bei uns Mitglied ist, desto stärker wird er bevorzugt.» Dementsprechend dürfte der fidele 97-jährige Deutsche schlechte Karten haben. Dass er noch gesund ist, ist hingegen kein Grund, in der Schweiz keine Sterbehilfe zu erhalten. Ausschlaggebend ist die Urteilsfähigkeit des Patienten.

Preisigs Gratwanderung

Das wurde am Montag auch klar, als sich eine ältere Frau aus dem Publikum meldete: «Was ist, wenn man gesund ist, aber einfach des Lebens müde? An wen kann ich mich dann wenden?» Während Sandra Martino von der dritten Schweizer Sterbehilfsorganisation Dignitas darauf hinwies, dass sie das Sterbemittel Natrium-Pentobarbital (NAP) nicht bekäme, zeigte Preisig der Frau den Weg: Sie dürfe als Ärztin selbst NAP verschreiben, müsse aber vorsichtig beim Umgang mit den Behörden sein. «Ich kann Ihnen einen Psychiater vermitteln, der Ihre Urteilsfähigkeit abklärt, dann bin ich abgesichert und muss kein weiteres Gerichtsverfahren fürchten», so Preisig offen (siehe Kasten).

Überschreitet Preisig manchmal auch Grenzen? «Sie bewegt sich innerhalb der Bundesgesetzgebung, aber auf einem sehr dünnen Grat», sagt Podiumsteilnehmer und Grünen-Landrat Klaus Kirchmayr zur bz. Und: «Mit ihrer Erfahrung und Ausbildung ist sie die richtige Person, die sich an der Grenze bewegt.»