Liesberg ist noch richtig Land. Der Gemeindepräsident ist Bauer. Von seinem Profil im Kurznachrichtendienst Whats-App guckt eine Kuh. Und fährt im Dorf ein Auto vorbei, recken die Passanten die Hälse, um zu sehen, ob sie die Person am Lenkrad kennen. Ist das der Fall, geht die Hand hoch – und aus dem Auto grüsst es zurück. Manchmal folgt noch ein Hupen.

Doch die Stimmung war auch schon besser am äussersten Zipfel des Laufentals, gleich bei der Sprachgrenze. Seit acht Jahren versucht der 1140-Einwohner-Ort, ein Feuerwehrmagazin zu bauen. Doch das Vorhaben stockt: Genauso alt wie das Projekt ist auch der Widerstand dagegen. Das Problem ist der Untergrund: Er ist ziemlich schmutzig. Das Magazin käme auf einer alten Abfalldeponie zu stehen. Drei Einwohner wollen das nicht akzeptieren.

Höhepunkt des Konflikts war, dass der Gemeinderat die drei Kritiker im Gemeinde-Blättli als Querulanten darstellte. Ein Gemeinderat bezeichnete einen Einsprecher gar als «Stürmi».

Auf Abfall geplant

Jetzt steht das «Stürmi»-Trio an dem Ort, wo die Gemeinde das Feuerwehr-Magazin plant. Die drei lachen über die Bezeichnung, die ihnen verliehen worden ist. Es sind Hans-Peter Herrmann, Berno Meier und Raimund Steiner. Steiner ist der Einsprecher gegen die Baueingabe fürs Magazin – also so etwas wie der Oberstürmi.

«Wir haben nichts gegen die Feuerwehr», sagt der 57-jährige Unternehmensgründer, der früher selber im Gemeinderat sass. «Aber dieses Bauprojekt ist falsch aufgegleist worden. Man hätte es längst abblasen müssen.» Weil Steiner seine Einsprachen bis heute nicht zurückgezogen hat, ist das Bauvorhaben blockiert.

Was in Liesberg vor sich geht, ist ein Extrembeispiel dafür, wie die Schweiz politisch funktioniert. Wer an der Macht ist, ist gut beraten, Projekte so lange zurechtzufeilen, anzupassen und zu optimieren, bis sie mehrheitsfähig sind. Doch auch das ist kein Garant für Erfolg: Jeder Entscheid kann gekippt werden. Sind die Fronten erst verhärtet, geht häufig gar nichts mehr.

Das Magazin käme im Gebiet Seemättli zu stehen. In der Senke lag früher ein Weiher, doch später wurde die Mulde als Abfallhalde genutzt. Als die Gemeinde die Deponie in den 1970er-Jahren schloss, liess sie den Müll überdecken, aber nicht entsorgen. So, wie das üblich war damals. Das Feuerwehrmagazin ist so geplant, dass es nur einen halben Meter in den Untergrund ragen würde. Der eingeschlossene Abfall bliebe also unberührt.

Daran will Hans-Peter Herrmann nicht glauben. Wie sein Mitstreiter Steiner sass der 69-Jährige im Gemeinderat. Der pensionierte Tiefbauzeichner amtete auch als kantonaler Naturschutz-Aufseher, zu Zeiten, als das Laufental bernisch war.

«Oh, das ist heikel»

Er könne das Bauprojekt niemals gut heissen, sagt Herrmann: «Dass das Gebäude nur einen halben Meter in den Boden ragen soll, ist ein Hohn. Die vorgeschriebene Mindesttiefe für Fundamente beträgt 80 Zentimeter, dort liegt die Frostgrenze.» Dann fügt Herrmann rhetorisch an: «Gelten in Liesberg andere Gesetze?»

Der Gemeindepräsident hat die gesamte Leidensgeschichte rund ums Feuerwehrmagazin miterlebt. Markus Wackernagel ist seit 2010 Gemeinderat und seit 2016 dessen Präsident. Er spricht nicht von den «Stürmi», sondern von der «Gruppierung». Die «Schweiz am Wochenende» erreicht den gebürtigen Bottminger am Telefon, um ihn zum Konflikt mit der «Gruppierung» zu befragen. «Oh, das ist heikel», lautete seine erste Reaktion. «Es ist einfach schade. Die Stimmung ist vergiftet.» Liesberg brauche das neue Magazin. «Das alte entspricht nicht mehr den neuen Anforderungen. Auch die Einfahrt ist zu tief. Neue Fahrzeuge passen nicht hinein.» Das Projekt sei jetzt bewilligungsfähig. Alle in den Einsprachen kritisierten Punkte habe man berücksichtigt. Ein Zurück gebe es nicht.

Der Souverän hat mehrmals bekräftigt, dass er den Bau will, zumindest grundsätzlich. Erstmals gab die Gemeindeversammlung 2010 ihr OK für den Projektierungskredit. Das Projekt selber kam 2012 an der Gemeindeversammlung durch, doch ein Referendum hatte ebenfalls Erfolg. So musste das Vorhaben abgespeckt werden.

Die jetzt geplanten Hochbauten kosten rund 2 Millionen Franken. Um den Neubau schultern zu können, nahmen die Liesberger sogar höhere Steuern in Kauf. Eine Subvention der Basellandschaftlichen Gebäudeversicherung in der Höhe einer Viertelmillion Franken verfiel wegen der Verzögerungen. Die Gemeindeversammlung musste 2017 nochmals einen Kredit sprechen.

Die Baueingabe liegt beim Rechtsdienst des kantonalen Bauinspektorats. Es erteilt keine Auskünfte zum Stand der Einsprachen, mit Verweis auf das laufende Verfahren. Was es jedoch sagen kann: Das Projekt sei aus altlastenrechtlicher Sicht in Ordnung. Und: Von der Deponie gehe keine Gefahr aus.

Grund zu Optimismus hat der Gemeinderat trotzdem nicht: Die Kritiker haben einen weiteren Schwachpunkt ausgemacht: Den Mülibach. Er verläuft heute mitten durch den Deponiekörper. «Den Mülibach müsste man ausdolen», sagt Berno Meier. «Das ist eine Vorgabe des Bundes.» Das Baselbieter Amt für Umweltschutz und Energie (AUE) schreibt, der Zeitpunkt, den Bach in einen offenen Verlauf zu überführen, sei «dann gegeben, wenn die Dole nicht mehr funktionstüchtig ist.»

Bach bleibt im Boden

Mit diesem Zitat konfrontiert, präsentiert Herrmann das Beschlussprotokoll der Gemeindeversammlung vom Juni 2015. Darin heisst es: «Der Gemeinderat wird aufgefordert, innert fünf Jahren die Ausdolung des Mülibachs zu realisieren.» Das Gewässer müsste also bis in vier Jahren oberflächlich verlaufen, inklusive der zwei Jahre Aufschubreserve. Laut den jüngsten Plänen fürs Feuerwehrmagazin bleibt der Bach aber dort, wo er ist: im Boden.
Der Gemeinderat will zur Dole keine Stellung beziehen. Das könnte sich bald ändern. Dann, wenn Raimund Steiner auch wegen der Dole Einsprache erhebt. Es wäre seine siebte.