Es ist zwar nur eines der vielen Beispiele, aber wahrscheinlich das beste: Kurz nach 22 Uhr schwenken mehrere hundert Menschen ihre Arme – manche von ihnen haben das Smartphone in einer Hand –, tanzen und singen lauthals den Refrain von «Thank You For The Music». Vom Primarschüler bis zur Rentnerin, gefühlsmässig scheint jede Alters- und Berufsgruppe vertreten zu sein, die dem Konzert der Coverband ABBA 99 vor dem Binninger Schloss beiwohnt. «Ich wollte den Samstagabend mit meiner 14-jährigen Tochter Yara verbringen», sagt Christian Harr aus Therwil und fügt etwas ungläubig hinzu: «Erstaunlicherweise mögen wir beide die Musik von ABBA.»

Sofort per Du

Die Stimmung ist auch an jedem anderen Ort am Binninger Dorffest die gleiche. An welcher Stelle des grossen Festplatzes man die Menschen auch antrifft, die Laune ist bestens. Berührungsängste kennt hier keiner. «Weisst du, wo es hier Lotterielose gibt?», fragt ein Mann. «Schade, dass die nur so kurz gespielt haben», bedauert eine Frau, die den Soundcheck von Undercover auf der kleineren Bühne mit dem Konzert verwechselt hat. Mit Menschen, die man noch nie gesehen hat, ist man sofort per Du.

Gesehen haben könnte man Angie. Einen Nachnamen verrät sie nicht, denn «ich bin Angie aus ‹Bauer, ledig, jung, sucht...›, man kennt mich.» Die Deutsche («Ich mache auch in der neuen Staffel von ‹Frauentausch› mit») ist mit ihren Töchtern Christine Salome (hat bei «Deutschland sucht den Superstar» mitgemacht) und Tami (war nie im Fernsehen) unterwegs. «Wenn man in Binningen wohnt, dann feiert man auch in Binningen», hält Angie fest. Das Frauentrio war bereits am Freitag da und vom Dorffest begeistert. «Stimmung und Essen sind super», schwärmt Christine Salome.

Nicht zufällig hier

Dafür verantwortlich sind die 40 Vereine und Institutionen sowie 42 KMU, die ihre Zelte sprichwörtlich am Dorffest aufgeschlagen haben. Optisch besonders auffällig sind die Binninger Garagisten, die klassische Mechaniker-Uniformen tragen und vier Oldtimer als Blickfang präsentieren. «Wegen der Nähe zu Basel haben wir es nicht einfach, deshalb wollten wir uns auf spezielle Art den Einwohnern zeigen», erklärt René Degen, der auch zum OK des Anlasses gehört.

Dabei sind es bei weitem nicht nur Einheimische, die am Freitag, Samstag und gestern den Weg ins regionale Zentrum der guten Stimmung finden. Jede Person, die man fragt, gibt einen anderen Wohnort als Antwort. Ob aus Basel, Birsfelden, Muttenz, Zeiningen oder Allschwil: Die meisten sind nicht zufällig hier. Sie haben die Plakate gesehen, kennen jemanden, der am Fest mitarbeitet, oder haben sich den Event ausgesucht, von dem sie sich am vergangenen Wochenende besonders viel erhofft haben.

Dennoch gibt es auch ein paar eher zufällige Besucher wie Yannik. Der Bottminger kommt mit seinen Kumpels aus Echallens, wo er Zeuge des 7:2-Cuperfolgs des FC Basel gewesen ist. Seine Laune müsste also bereits vor der Ankunft am Dorffest bestens gewesen sein. Der junge Mann schmunzelt und meint dann: «Nun ja, ich habe nur zwei der sieben FCB-Tore gesehen. Den Rest des Nachmittags habe ich mit dem Anstehen am Bierstand verbracht!»

Nachdem sich nach dem Auftritt von

ABBA 99 der Platz vor der Hauptbühne geleert hat, sind in den Festzelten auch kurz vor Mitternacht kaum freie Plätze auszumachen. Oben an der Parkstrasse wird im «Biergarten» zu Après-Ski-Gassenhauern gefeiert, während hinter dem Schloss zwei Live-Bands für das Kontrastprogramm sorgen.

BarbiQ und Undercover geben Rock- und Popklassiker zum Besten und animieren zum Tanzen. Auch der eine oder andere Spruch fällt. «Auf Facebook gibt es mehrere Bands, die Undercover heissen. Wir sind diejenigen mit den wenigsten Likes», verkündet der Sänger der Gruppe.

Trotz des grossen Besucheraufmarsches finden die Mitmachenden hin und wieder Zeit, sich einen Eindruck des Ganzen zu verschaffen. «Ich habe soeben die Runde zu meinen Kollegen gemacht, und sie sind wirklich glücklich», verrät René Degen. Geht es nach den Leuten, könnte das Dorffest jedes Wochenende stattfinden. Soweit würde der OK-Mann in Anbetracht der vielen Arbeit im Hintergrund wahrscheinlich nicht gehen, meint aber dennoch augenzwinkernd: «Klar, warum nicht?»