An der Primarschule Zwingen startete heute das neue Schuljahr unter schwierigen Vorzeichen: Kurz vor den Sommerferien hat der Schulrat den kritisierten Schulleiter Erich Rubitschung (64) fristlos entlassen.

Der Schulleiter soll anthroposophische Methoden im Unterricht zweier Lehrerinnen zumindest geduldet, wenn nicht sogar gestützt haben. Zwingen ist wegen des Schulstreits gespalten: In der Lehrer- und der Elternschaft werden die Vorgänge völlig unterschiedlich beurteilt.

Schulleiter zuvor in Reinach

Trotzdem kann der Unterricht heute einigermassen geordnet beginnen. Neu amtet Johannes Schiesser als Schulleiter ad interim. Die Lehrerschaft sei in den Sommerferien schriftlich über die Neubesetzung per 1. Juli informiert worden, bestätigt Schulrats-Sprecher Harald Schmidlin Informationen der bz.

Schiesser leitete zuletzt die Primarschule Reinach, ist aber eigentlich pensioniert. Das Ziel sei, zum Beginn des 2. Semesters im Januar 2019 einen neuen Schulleiter definitiv anzustellen. An seiner Sitzung von morgen Dienstag wird der Schulrat das weitere Vorgehen hierzu festlegen. Der Schulrat sei froh, dass zum Beginn des neuen Schuljahres sämtliche Lehrerstellen besetzt werden konnten, sagt Schmidlin. «Es gibt hier keine Vakanzen.»

Weiterhin unterrichten werden jene beiden Lehrerinnen, die im Juni von der Baselbieter Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion (BKSD) gerügt wurden, Elemente der Steinerpädagogik angewendet zu haben. Auch diesen Sachverhalt bestätigt Schmidlin. Sie sind spätestens bis Ende des ersten Semesters an der Primarschule tätig; beide haben im Zuge des Streits gekündigt.

Nicht mehr im Staff der Schule ist hingegen jene Lehrerin, die mit ihrer Kritik an den Steiner-Methoden und an der Schulleitung den Stein ins Rollen gebracht hat. Sie hat von sich aus am 20. April gekündigt.

Eine aufsichtsrechtliche Beschwerde von Eltern fordert neben ihrer Wiederanstellung den kollektiven Rücktritt des Schulrats. Laut BKSD-Sprecherin Monique Juillerat wird bis Ende August eine Stellungnahme des Kantons dazu vorliegen. Wie bereits bekannt, muss der Schulrat beim Amt für Volksschulen (AVS) bis Mitte November einen Massnahmenkatalog zur Verbesserung der Situation einreichen.

Als wäre dies nicht genug der Beschwerden und Weisungen, will der entlassene Schulleiter gerichtlich die fristlose Kündigung anfechten. Dies bestätigt Erich Rubitschung auf Anfrage. Schulrat Schmidlin will dies nicht kommentieren: «Das ist ein laufendes Verfahren.» Ebenso will er sich wegen des Persönlichkeitsschutzes nicht zu den Gründen der Kündigung äussern.

Im Brief vom 21. Juni des Schulrats an die Eltern ist von «Verfehlungen im Ablauf des schulischen Alltags» die Rede. Gemäss informellen Quellen der bz habe sich Rubitschung nach der Rüge an den Steiner-Methoden uneinsichtig gezeigt. Dies habe letztlich zur Kündigung geführt.

Rückendeckung erhält Rubitschung von der Hälfte der Zwingner Lehrerschaft, die mit einem Brief Anfang Sommerferien seine Wiederanstellung gefordert haben: «Erich Rubitschung hat sich 26 Jahre für die Primarschule Zwingen eingesetzt. Diesen Abgang hat er nicht verdient», sagt eine Lehrerin. Bestürzt ist sie insbesondere darüber, dass aus ihrer Sicht überschaubare Probleme derart eskaliert seien: «Dass der Schulleiter gehen musste, empfinden wir als unverhältnismässig», sagt die Lehrerin im Namen der Gruppe.

Arbeitet weiterhin in Duggingen

Ob die Kündigung verhältnismässig war oder nicht, müssen nun die Gerichte entscheiden. Chancenlos ist Rubitschung nicht. Wie Fälle aus anderen Kantonen zeigen, ist die fristlose Kündigung einer Lehrperson nur bei besonders gravierenden Verfehlungen gerechtfertigt, auf die Einhaltung der Verfahrensrechte (dazu zählt etwa das rechtliche Gehör) wird grosses Gewicht gelegt.

Rubitschung hat seine Teilzeit-Schulleitung in Zwingen zwar verloren. In Duggingen, wenige Kilometer birsabwärts, amtet er hingegen auch im neuen Schuljahr mit einem 40-Prozent-Pensum als Schulleiter. «Herr Rubitschung steht in einem ungekündigten und unbefristeten Arbeitsverhältnis mit der Primarschule Duggingen», bestätigt Schulratspräsident Dominik Wynistorf.

Der Schulrat habe die Vorgänge in Zwingen zur Kenntnis genommen und sich entsprechende Fragen gestellt. «Ich kann aber sagen: Wir sind mit Herrn Rubitschung sehr zufrieden und haben keine Vorgänge festgestellt, die Massnahmen erforderlich machen würden.» Insbesondere würden in Duggingen keine Steiner-Methoden angewendet.

Anlässlich des jährlichen Betriebsgespräches mit der Schulleitung und dem Schulrat habe das AVS der Primarschule Duggingen ein sehr gutes Zeugnis ausgestellt, fügt Wynistorf an.

Dies steht im Gegensatz zu dem, was das AVS vor den Sommerferien an der Primarschule Zwingen festgestellt hat: Lehrplan und Stundentafel würden im Unterricht der beiden Lehrerinnen ungenügend eingehalten; das Morgenritual in deren Klasse – ein Gedicht von Rudolf Steiner – könne als religiös und einseitig wahrgenommen werden. Dem Schulrat und der Schulleitung wirft das AVS mangelhaftes Konfliktmanagement und eine ungenügende Wahrung der Führungs- und Aufsichtspflicht vor.

Die Situation ist also weiterhin undurchsichtig, doch eines ist gewiss: Angesichts der Vielzahl von Beschwerden und angekündigter Massnahmen wird die Primarschule Zwingen im neuen Schuljahr nicht so schnell zur Ruhe kommen.