Zuerst wurde Ihr Buch von den Zeitungen sehr wohlwollend aufgenommen. Jetzt hat der Wind gekehrt: Es kommt viel Kritik. Werden Sie überhäuft mit negativen Rückmeldungen?

Ueli Mäder: Nein, bis jetzt überwiegen die positiven Rückmeldungen. Ich erhalte aber auch E-Mails, die mich dazu auffordern, auszuwandern. Ich habe meinen Mitarbeitenden schon vor der Veröffentlichung gesagt: Die Chancen stehen gut, dass die Studie in einer ersten Welle positiv aufgenommen wird, dass es in einer zweiten Welle auch andere Stimmen geben wird und dass die dritte Welle, wenn die Rezensionen kommen, die vielleicht positivste ist, weil dann Leute über das Buch schreiben, die es auch wirklich gelesen haben. Diese dritte Welle steht noch bevor.

Bereits 2002 haben Sie ein ähnliches Buch veröffentlicht. Es hat nicht annähernd so viel Beachtung gefunden.

Es hat schon Beachtung gefunden und war auch relativ schnell vergriffen. Ich habe aber nicht erwartet, dass das neue Buch so hohe Wellen wirft. Vielleicht ist es attraktiver, weil wir im Gegensatz zur ersten Studie die Gespräche mit den Reichen nicht mehr anonymisiert haben. Wir veröffentlichen neu nur noch Interviews, bei denen die Reichen mit vollem Namen dazu stehen. Das gibt dem Buch einen anderen Gehalt.

Aber es ist doch vor allem die Abzockerdebatte, die das Buch zum Kassenschlager macht.

Das ist schwierig abzuschätzen. Es hätte auch umgekehrt sein können, dass man gerade wegen der laufenden Debatte ein Déjà-vu hat.

Sie sagen, dass das Geld nirgends so ungleich verteilt sei wie in der Schweiz. «Der Sonntag» wirft Ihnen vor, Sie stützten sich auf falsche Zahlen.

Unsere Zahlen stimmen. In der Schweiz besitzen deutlich weniger als drei Prozent der privaten Steuerpflichtigen insgesamt mehr steuerbares Nettovermögen als die 97 Prozent der Übrigen zusammen. Das hat sich in den letzten Jahren verschärft – gerade in Basel. In Basel besitzen sogar 0,29 Prozent gleich viel wie die übrigen 99,71 Prozent. Es ist tatsächlich heikel, wenn ich die Schweiz mit afrikanischen Ländern wie Namibia vergleiche. Vom Gefühl her ist die Situation unterschiedlich, weil wir auf einem ganz anderen Level leben. Aus Sicht der Statistik ist die soziale Ungleichheit der Vermögensverteilung aber ähnlich.

Die «Weltwoche» wirft Ihnen «schludrige SP-Propaganda» vor.

Die «Weltwoche» reagiert darauf, dass ich Sie bezichtige, vorhandene Ressentiments mit Häme zu bedienen. Meine Hauptkritik ist, dass in der «Weltwoche» auch das Engagement von Herrn Blocher dem ideologischen Gehalt anzumerken ist. Das hat die «Weltwoche» sehr auf die Palme gebracht. Sie hat relativ harsch reagiert und mit einer Klage gedroht.

Sie werden auch dafür kritisiert, den Reichtum der Schweiz als Ungerechtigkeit darzustellen anstatt als Frucht harter Arbeit.

Ich liebe die Schweiz. Es ist ein Land, in dem auch der Fleiss eine grosse Rolle spielt. Wenn wir aber die Schweiz nur so sehen, wie wir gerne möchten, das schöne Bild der Schweiz, wo Honig fliesst, dann täuschen wir uns selbst. Unsere Zukunft hängt von der Bereitschaft ab, auch die andere Seite zu sehen. Das ist eine Schweiz, die nicht nur durch Fleiss reich geworden ist, sondern auch weil sie Hand für Steuerhinterziehung geboten hat.

Sie werben für die SP-Steuerinitiative, um den Reichtum zu regulieren.

Das war nicht die Motivation für die Studie, und wir geben auch keine parteipolitischen Empfehlungen ab. Aus meiner persönlichen Sicht würde die Initiative aber den sozialen Ausgleich fördern.

Nochmals ein «Weltwoche»-Vorwurf: Würde sich ein Uni-Professor für die Ausschaffungsinitiative bekennen, wäre das akademischer Selbstmord. Für Sie als linker Professor wird ein Bekenntnis zu einer linken Initiative aber nicht zu einem Problem.

Ich habe nicht das Gefühl, dass der wissenschaftliche Diskurs von den Linken geprägt wird. Die Mittel, um Öffentlichkeitsarbeit zu machen, sind auf der Linken sicher unvergleichbar geringer. Auch die Medien sind viel näher beim grossen Geld. Als Wissenschafter versuche ich, soziale Prozesse zu verstehen. Und im Hauptteil des Buches stellen Reiche ungefiltert ihre Sicht dar.

Wie Reiche denken und lenken, Ueli Mäder, Ganga Jey Aratnam, Sarah Schilliger. Rotpunktverlag. 448 S., Fr. 38.–.