Die Situation ist vertrackt: Die Baselbieter SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer hat nichts Illegales getan, als sie als eine von drei Eigentümer-Familien am 21. Februar 2012 über die gemeinsame Aktiengesellschaft Riva Chur AG eine Zweitwohnung in Valbella auf der Lenzerheide erstand.

Da die 67-Jährige zur selben Zeit aber auch Mitglied des Unterstützungskomitees der Zweitwohnungsinitiative war und diese nur kurze Zeit später, am 11. März, zur Abstimmung kam, wirft der Kauf Fragen auf. Dies machte gestern die «Basler Zeitung» bekannt (siehe Kasten). Gegenüber der bz reagiert Leutenegger Oberholzer auf die Vorwürfe.

Frau Leutenegger Oberholzer, warum haben Sie just vor der Abstimmung eine Zweitwohnung im bündnerischen Valbella gekauft?

Susanne Leutenegger Oberholzer: Es war ein Entscheid von insgesamt drei Eigentümer-Familien. Der Zeitpunkt des Kaufs war reiner Zufall. Wir stammen aus Chur und gehen seit Jahrzehnten regelmässig nach Valbella und Umgebung, allerdings immer bloss in Hotels. Schon länger hielten wir nach einer Wohnung Ausschau, in der wir alle zusammen auch mit den Kindern etwa Weihnachten und Sommerferien verbringen können. Und Anfang 2012 bot sich dann diese Gelegenheit. An die Zweitwohnungs-Initiative habe ich damals keine Sekunde gedacht.

Mit Verlaub, aber das können wir kaum glauben.

Es ist aber so. Ich hätte nämlich – wie viele andere auch – nie gedacht, dass die Initiative vom Volk angenommen wird. Da bin ich im ersten Moment schon etwas erschrocken, weil ich den Zusammenhang natürlich erkannte. Wir haben dann als Familie überlegt, ob die Annahme für uns als Zweitwohnungsbesitzer etwas verändert und wir reagieren müssen. Doch da die Wohnung schon in den 1970er Jahren gebaut worden war und stets als Ferienwohnung benutzt worden ist, tangiert uns die Initiative nicht wirklich. Denn diese richtet sich nur gegen den Neubau von Zweitwohnungen.

Aber auch bei bestehenden Zweitwohnungen sind die vielen kalten Betten ein Problem. Da ist ihr Kauf doch zumindest moralisch fragwürdig.

Das ist aber keine moralische, sondern eine ökonomische Frage. Daher kann ich auch keinen moralischen Widerspruch in meinem Handeln erkennen. Ich setze mich dafür ein, dass die volkswirtschaftlichen Ressourcen der Schweiz gut genutzt werden. Dazu gehört eben auch, dass Wohnungen nicht lange leer stehen sollten. Die Familien-AG wird deshalb versuchen, die Wohnung in Valbella möglichst «warm» zu halten. Das heisst, entweder sind die Eigentümer-Familien dort, oder wir versuchen, die Wohnung zu vermieten. Ich selber bin seit Weihnachten wegen einer Unfallverletzung leider nicht bergtauglich.

Und wie viele Tage im Jahr steht die Wohnung leer?

Das kann ich noch nicht genau sagen. Bis vergangenen Sommer mussten wir sie zuerst renovieren. Es ist mir wirklich ein Anliegen, dass die Wohnung oft belegt ist. Sinnvoll fände ich zwischen 100 und 120 belegte Tage im Jahr. Das ist gerade in der Nebensaison nicht ganz einfach. Zurzeit ist sie an Bekannte vermietet.

Was tun Sie, wenn die Wohnung doch zu lange kalt bleiben sollte?

Dann würden wir in der Eigentümerschaft wohl erwägen, sie wieder zu verkaufen. Schliesslich kostet jede Immobilie, auch wenn sie leer steht.

Warum haben Sie gegenüber der «Basler Zeitung» zuerst abgestritten, die Wohnung auch selbst zu nutzen? Das hinterlässt einen fahlen Beigeschmack.

Weil es meine Privatsache ist. Ausserdem ist der Artikel ganz klar politisch motiviert. Die «BaZ» fährt im Hinblick auf die Nationalratswahlen vom Herbst eine Kampagne gegen uns Linke. Warum sonst sollten sie gerade jetzt eine Geschichte ausgraben, die bereits drei Tage vor der Abstimmung 2012 von der «Weltwoche» publik gemacht wurde?

Die «Weltwoche» erwähnte zwar ihre Zweitwohnung, doch dass Sie sie erst so knapp vor der Abstimmung gekauft haben, ist neu.

Wie gesagt war das Zufall. Übrigens: Die Bekannten, die momentan unsere Wohnung kostengünstig gemietet haben, hätten sich sonst etwas in Österreich gesucht. Das wäre ja wohl kaum wünschenswert. Und wir sind ja auch eine Churer Familie, die einfach wieder öfter in ihrer Heimat sein möchte.

Können Sie sich auch vorstellen, die Wohnung zu ihrem ständigen Wohnsitz zu machen?

Ja das könnte ich mir vorstellen.

Und haben Sie Vorschläge, wie man das Problem der leer stehenden Zweitwohnungen beheben kann?

Es braucht neue Ansätze. Es wäre sinnvoll, wenn alle Besitzer von Wohnungen und Hotels übertragbare Generalabos für das Skigebiet erwerben könnten und müssten. Auch braucht es eine kostenlose Plattform für Hotels und Ferienwohnungen. Und um den Tourismus zu fördern müssen endlich europäische Lebensmittelpreise gelten und der Mindestkurs wieder bei mindestens 1.15 Franken pro Euro liegen. Dann würden Regionen wie Valbella-Lenzerheide im internationalen Wettbewerb der alpinen Ferienorte zu den Gewinnern gehören.