Auch im Baselbiet boomen die Kindertagesstätten: In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Plätze in den total 71 Tagesheimen auf rund 2000 verdreifacht. Trotz hoher Nachfrage sind allerdings viele Heime in finanzielle Schieflage geraten; dies in erster Linie in Gemeinden mit der sogenannten Subjektfinanzierung. «Bedrohlich» präsentiere sich die Situation fürs Chinderhuus Trampi in Pratteln, sagt dessen Leiterin Christine Speiser auf Anfrage der bz. Pratteln hat vor einigen Jahren als eine der ersten Gemeinden im Kanton Baselland das System gewechselt.

Preis zu tief angesetzt

Das Problem: Der fix festgelegte Beitrag von Gemeinden und Eltern, den die Tagesstätten pro Kind und Tag erhalten, deckt die Betriebskosten nicht. «Diese Diskrepanz stellt gewisse Krippen vor die beklemmende Frage, ob sie die Finanzierung ihres Betriebs ohne Abbau der Qualität noch gewährleisten können», sagt Rolf Behret. Er ist Präsident des Vereins Tagesbetreuung Nordwestschweiz (Tabeno). Tabeno ist der Zusammenschluss von rund 20 Heimleitungen aus Institutionen der Kinderbetreuung im Baselbiet.

Die Frage nach der Finanzierung der Kindertagesstätten ist brisant – auch, weil derzeit im Kanton darüber gestritten wird, nach welchem Modell die Finanzierung erfolgen soll: Zwei Volksinitiativen fordern die zwingende Einführung der Subjektfinanzierung in allen Gemeinden. Demnach sollen die Eltern Betreuungsgutscheine für die familienergänzende Kinderbetreuung erhalten und somit die Institution frei wählen können. Demgegenüber sieht das neue Gesetz über die familienergänzende Kinderbetreuung (FEB) vor, dass die Gemeinden weiterhin selber wählen können, ob sie Institutionen gezielt unterstützen (Objektfinanzierung) oder ob sie Betreuungsgutscheine einführen möchten. Auch Mischformen sind gemäss Gesetz denkbar. Der Landrat wird am 30. April – heute in einer Woche – über Gesetz und Initiativen entscheiden.

Idee: Beiträge nach Einkommen

Obwohl die Geldsorgen in den betroffenen Tagesstätten erst durch die Einführung der Subjektfinanzierung entstanden sind, möchte sich der Verein Tabeno nicht in die Debatte um das «richtige» Finanzierungsmodell einmischen (siehe Kasten rechts). Man könne mit beiden Modellen leben, stellt Behret klar. Wichtig sei, dass diese Modelle so ausgestaltet sind, dass die Kindertagesstätten finanziell über die Runden kommen, ohne auf Qualität verzichten zu müssen, sagt Behret.

Doch wo genau liegt das Problem? Katrin Bartels, Leiterin des kantonalen Fachbereichs Familien, sieht einen Denkfehler in der Anwendung der Subjektfinanzierung: «Man kann nicht Markt verlangen und dann hinterher doch wieder die Preise festlegen», sagt sie. Doch das sei aktuell der Fall: Die Gemeinden schreiben den Tagesstätten einen Preis vor – nehmen wir als Beispiel 110 Franken pro Kind und Tag. «Dieser Ansatz stützt sich allerdings auf eine veraltete Studie. In vielen Kitas wurden nie Vollkostenrechnungen erstellt.» Nun müssten etwa Liegenschaften und Gratis-Leistungen des Werkhofs plötzlich abgegolten werden. Dabei zeige sich, dass die realen Vollkosten für die Betreuung höher sind als bisher angenommen. Bartels könnte sich ein anderes Modell der Subjektfinanzierung vorstellen: Anstatt mit fixen Preisen könnten die Gemeinden ihre Beiträge in Prozent der Kosten angeben. Je höher das Einkommen einer Familie, desto tiefer der Gemeindebeitrag.

Babys brauchen mehr Betreuung

Die einheitlichen Ansätze pro Betreuungsplatz sind aber noch aus einem anderen Grund ein Problem: Kleinkinder unter 18 Monaten müssten gemäss Empfehlung des nationalen Kinderbetreuungsverbandes Kibe Suisse für die Belegungsberechnung mit dem Faktor 1,5 berücksichtigt werden. Diese Empfehlung wird vielerorts nicht angewendet. «Es liegt auf der Hand, dass Tagesstätten mit vielen Kleinkindern und hohen eigenen Qualitätsansprüchen an die alltägliche Betreuungsqualität wegen der einheitlichen Sätze benachteiligt werden. Das darf nicht sein», fügt Beat Fläcklin an. Er ist Vorstandsmitglied von Tabeno und stellvertretender Geschäftsleiter der Stiftung Sunnegarte in Arlesheim. Der Tabeno-Vorstand fordert, dass künftig der Betreuungsqualität für die Kinder mehr Beachtung geschenkt wird bei der Berechnung.

Die Tagesstätten stehen in zweierlei Hinsicht unter hohem Kostendruck: Einerseits, weil viele Baselbieter Gemeinden derzeit sparen müssen und die Tagesstätten eine der wenigen Budgetposten darstellen, über welche die Gemeinden überhaupt autonom verfügen können. Anderseits gehen einige Anbieter preislich bewusst ans Limit, um damit den hohen Bedarf zu decken. Die Anforderungen zur Eröffnung einer Tagesstätte sind im Kanton den Minimalempfehlungen des Verbandes Kibe Suisse angelehnt, berichtet Fläcklin: «Viele Tagesstätten, aber auch die Gemeinden stecken in einem Dilemma: Sind die Hürden punkto Preise und Regulierungen zu hoch, werden zu wenig neue Plätze geschaffen». Dies sei nicht im Interesse der Gesellschaft.

Umgekehrt sei die Gefahr gross, dass die Qualität in den Tagesstätten aufgrund des Kostendrucks abnehme, fügt Fläcklin an. Auf der anderen Seite nehmen die Ansprüche der Eltern, Fachpersonen und externen Controllingstellen an Flexibilität, Professionalität und Qualitätsmanagement der Tagesstätten laufend zu. Ein Widerspruch. Davon weiss Christine Speiser vom Chinderhuus Trampi ein Lied zu singen: Das Chinderhuus ist eines der ersten als «Qualikita» zertifizierten Tagesheime der Schweiz. «Stossend ist, dass die Zertifizierung als Qualikita in der Gemeinde Pratteln sehr willkommen ist, aber man dort bisher nicht bereit war, für diese Qualität mehr zu bezahlen», ärgert sich Speiser. Immerhin habe die Gemeinde vor kurzem eine externe Firma damit beauftragt, das Finanzierungsmodell unter die Lupe zu nehmen und Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten.