Das Zelt ist schwarz, 1,20 auf 2,40 Meter gross. An der Wand summen zwei Ventilatoren. Wasserschläuche führen von einer Wanne unter die Töpfchen. An der Decke hängt ein Filter, von der Decke strahlen zwei Wärmelampen, die dem Grün, das darunter spriesst, den ewigen Sommer vorgaukeln. Hier, in einer Garage, zu der nur einer den Schlüssel hat, wächst Hanf. Verbotenerweise. 80 Pflanzen, hochgradig THC-haltig, die markanten fünfgliedrigen Blätter wiegen sich im Wind der Ventilatoren, Flaschen mit Dünger stehen daneben.

Marktwert von 15'000 Franken

Wir befinden uns im Baselbiet. 80 Pflanzen wuchern hier während dreier Monate. Dann kommt der Herbst im Zelt. 80 Pflanzen: Damit lassen sich eineinhalb Kilo Blüten gewinnen. Aktueller Marktwert: bis zu 15 000 Franken – pro Ernte; und die ist, theoretisch, viermal im Jahr möglich. Zum Vergleich: Die grösste Anlage der Schweiz soll laut Insidern im Kanton Bern stehen und 5000 Pflanzen beherbergen.

«Indoor-Gras» wird das dann landläufig genannt, getrimmt auf rasantes Wachstum. Dank optimierter Sorten, Düngerbomben, ewigem Sonnenschein und Klonen. Natürlich wird Hanf auch mit Samen gezogen, ganze Samenbanken kursieren im Internet. Sie stehen in Österreich und Holland und versorgen das westliche Europa mit Sämereien.

10'000 Stecklinge je Woche

Beliebt für den Anbau sind aber auch Stecklinge, sogenannte Klone. Sie werden von eigens gezüchteten Mutterpflanzen gezogen. Bis zu 50, 60 Stecklinge können pro Woche von einer Mutterpflanze gewonnen werden. Reto* arbeitet mit einem Kumpel zusammen, der Stecklinge vertreibt. Der produziere, so Reto, 10 000 Stecklinge . . . pro Woche. Reto selbst richtet Zelte ein. Zelte, an deren Decken Filter hängen und Wärmelampen. Zelte, in denen Hanf wächst. Er ist einer von zehn, zwölf oder vielleicht zwanzig Anbietern im Baselbiet – wie viele es genau sind, weiss vermutlich niemand.

Reto sagt: «Ich biete einfach alles aus einer Hand an, aber man bekommt das auch alles im Baumarkt.» Zu seinen Kunden zählen vor allem Junge. Aber auch Ärzte bestellten bei ihm, einmal habe er sogar an einen Uni-Professor geliefert.

Verblüffend professionell

Einer seiner Kunden ist Thomas. Thomas züchtet Hanf. Fünf Pflanzen erntet er alle drei Monate – für den Eigengebrauch. Auf die Schnelle zählt er über 20 Freunde, Kumpels, Kollegen auf, die es wie er handhaben und eine kleine Plantage in den eigenen vier Wänden kultivieren. Sie verstünden ja, weshalb Hanf derart geächtet wird. Nur hätte weder dieses Verständnis noch das Verbot mit der berauschenden Wirkung der Pflanze zu tun. Sie sprechen von feindlichen Lobbys aus Baumwoll-, Plastik- oder Pharmaindustrie und predigen die Legalisierung. Zahlen gibt es nicht. Auch nicht dazu, in wie vielen Garagen, Scheunen, Zimmern und Kellern Hanf angebaut wird.

Wie will man auch zählen? Ob für den Verkauf oder den Eigengebrauch: Man kann nur schätzen, welche Dimensionen der Anbau von Hanf im Landkanton mittlerweile angenommen hat. Was jedenfalls die Professionalität betrifft, steht fest: Die «Pflanzer» sind, von der automatischen Bewässerungsanlage bis zu Zeitschaltuhren und modernsten Düngern, mit Hightech ausgerüstet.

Rechnet Reto hoch, ausgehend von denen, die er kennt und jenen, die er beliefert, kommt er auf eine Zahl, die einem, sofern sie stimmt, den Atem stocken lässt. Ob diese Zahl das Ausmass des Hanfkonsums und -anbaus im Baselbiet und womöglich der ganzen Schweiz auch nur annähernd trifft, bleibt natürlich fraglich. Aber Reto behauptet: «In jedem Mehrfamilienhaus im Kanton Basel-Landschaft brennt eine Lampe.» Diese Aussage deckt sich mit anderen aus der Szene. Ob sie das tatsächliche Bild zeichnet, ist offen.

Mehr als Randerscheinung

Zwei Wochen ist es her, dass eine Grossrazzia rund um den Sissacher Bahnhof für eine rechtsstaatliche Intervention und viel Ärger unter den hiesigen Kiffern gesorgt hat. Im selben Zeitraum protestierte die Pro-Hanf-Gruppe Gesellschaft für probiotische Tradition mit einer Skulptur vor dem Regierungsgebäude in Liestal, um auf die «verfehlende Drogenpolitik des Kantons» aufmerksam zu machen. Denn Hanf im Baselbiet, das ist alles andere als Randerscheinung – offensichtlich.

* Alle Namen wurden geändert