Raphael Brodbeck tut das, was fast alle möchten, aber sich letztlich doch niemand getraut: vor Ort Menschen in Lebensgefahr helfen. An diesem Sonntag wird sich der 23-jährige Therwiler in Malta auf der «Sea-Eye» einschiffen, einem 60 Jahre alten ehemaligen Fischkutter. Ziel der achtköpfigen Besatzung ist das Küstenvorfeld von Libyen und Tunesien. Ihr Auftrag: möglichst vielen Flüchtlingen in Seenot beistehen, bis diese von einem Rettungsschiff der italienischen Marine, der Frontex oder einer anderen Organisation übernommen werden können.

Denn selber an Bord auf die schiffseigene Krankenstation nimmt die «Sea-Eye» Flüchtlinge nur im Notfall; etwa Schwerverletzte oder Hochschwangere. Stattdessen versucht die Besatzung, auf ihrem Patrouillenkurs Flüchtlingsboote in Seenot zu sichten, deren Position an das Seenot-Rettungszentrum MRCC in Rom zu funken und mit dem eigenen Schlauchboot überzusetzen, um die Lage an Bord des Flüchtlingsboots abzuklären. Die Flüchtenden werden anschliessend mit Schwimmwesten und Wasser versorgt, die oftmals maroden Boote mittels Rettungsinseln entlastet. Für die medizinischen Notfälle fährt auf der «Sea-Eye» ein Schiffsarzt mit. Alle Helfer sind Freiwillige, die sich für eine oder mehrere Missionen unentgeltlich verpflichten.

So auch Raphael Brodbeck. Ein Freund aus München hat ihn auf die noch junge Hilfsorganisation aufmerksam gemacht. «Wenn wir nur schon ein Menschenleben retten können, hat sich der Aufwand gelohnt», erklärt er wenige Tage vor der Abreise auf die Mittelmeerinsel; den Flug bezahlt er aus eigener Tasche.

Fast 4000 Flüchtlinge gerettet

Doch da stapelt der angehende Sozialpädagoge am Basler Bürgerspital etwas gar tief. Seitdem der Kutter Ende Februar erstmals von Rostock aus in See gestochen ist und im April das nordafrikanische Küstengebiet erreicht hat, konnten die privaten Seeretter rund 3880 Flüchtlinge in Sicherheit führen. Nach zwei Wochen auf See kehrt die «Sea-Eye» jeweils wieder in den Hafen von Valletta zurück, um die Crew auszutauschen und sich neu zu verproviantieren. Die jeweils zweiwöchigen Einsätze werden nummeriert. Für die «Mission 9» ist Brodbeck als Schiffskoch und Deckhand vorgesehen. Dazu bringt er in mehrfacher Hinsicht besonders gute Eigenschaften mit.

Keine Frage: Raphael Brodbeck ist ein aussergewöhnlicher junger Mann. Nicht nur, weil er zwei seiner Ferienwochen für einen Freiwilligeneinsatz opfert, der im Extremfall lebensgefährlich werden könnte. Auch sein bisheriger Werdegang legt dies nahe. Seine Lehre als Koch schloss er im Sternehaus «Chez Martin» in Flüh ab. In seiner Freizeit eignete er sich seit dem 16. Lebensjahr das Segelhandwerk an, zunächst auf Schweizer Seen, später sogar während einer Atlantiküberquerung. Seine Anmeldung für die höhere Hotelfachschule war bereits deponiert und somit eine Karriere im Gastrobereich vorgezeichnet. Doch dann leistete er seinen Zivildienst in der Kreativwerkstatt des Basler Bürgerspitals, wo ihn das Team und die Betreuung von Menschen mit einer physischen, psychischen oder geistigen Behinderung «sofort reinzog», wie er selber sagt. Mit 21 liess er das berufsmässige Kochen hinter sich und begann seine Ausbildung zum Sozialpädagogen an der Höheren Fachschule in Basel. Parallel zum Studium arbeitet er weiterhin in der Kreativwerkstatt.

Nicht am Tor Europas sterben

Nun kehrt er für zwei Wochen hinter den Herd zurück; den Schiffsherd in der Kombüse der «Sea-Eye». Brodbecks professionelle und maritime Fähigkeiten liessen den Baselbieter unter zahlreichen weiteren Freiwilligen für den Rettungseinsatz hervorstechen, wie Sea-Eye-Gründer Michael Buschheuer erklärt: «Zum einen hat Raphael beim Vorbereitungstreffen einen menschlich hervorragenden Eindruck hinterlassen, zum anderen zeichnet ihn seine Hochseetauglichkeit aus.» Gemäss dem Regensburger Unternehmer ist der Baselbieter der erste Schweizer in den Reihen von «Sea-Eye».

Brodbecks innerer Antrieb für den aussergewöhnlichen Einsatz ist ebenso einfach wie zwingend: «Ich will dazu beitragen, dass nicht Menschen am Tor Europas sterben müssen.» Als Besatzungsmitglied der Sea-Eye-Rettungsmission könne er der Menschheit ein klein wenig vom Glück seiner behüteten Kindheit und sicheren Existenz in der Schweiz zurückgegeben.

Den Einwand, dass die Hilfsleistungen von Rettungsorganisationen wie «Sea-Eye» die kriminellen Machenschaften der Schlepperbanden wesentlich begünstigen, lässt er nicht gelten. «Ich finde es nur noch schlimm, wenn sich Europa vor der grössten Flüchtlingskatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg verschliesst.» Würde sich die EU dazu durchringen, für die Flüchtenden sichere Fährverbindungen einzurichten, könnten nicht nur Tausende von Todesopfern verhindert werden, es würden auch «Milliardenbeträge» in den jeweiligen Herkunftsländern bleiben, die stattdessen in die Taschen der Schleppermafia fliessen. Brodbecks «Chef», Michael Buschheuer, stellt ebenso entschlossen fest: «Auch wenn Schlepper mit Menschlichkeit rechnen und Menschen in grösste Not bringen, um deren Rettung zu erzwingen, so kann es doch keine Antwort an die Schlepper sein, diese Menschen ertrinken zu lassen. Die Polizei erschiesst bei einer Geiselnahme auch nicht das Opfer, um dem Täter das Spiel zu vermiesen.»

Innerhalb der nächsten zwei Wochen wird sich Brodbeck selber ein Bild von der Lage vor Afrikas Küste machen können. Angst vor dem Einsatz habe er keine, selbst wenn ihn seine Eltern nur ungern und mit einem mulmigen Gefühl in See stechen lassen. «Falls es zu einer Extremsituation kommt, bin ich selber gespannt darauf, wie ich darauf reagieren und diese verarbeiten werde», sagt Brodbeck. «Aber diese Erfahrung muss ich machen.»