Wer die 18 Schafe auf einer Wiese bei der Birsmatt in Therwil im Schatten liegen sieht, vermutet kaum, dass hier gerade Schwerarbeiter eine verdiente Pause machen. «Sie spüren die Hitze wie wir auch und suchen sich gerne etwas schattigere Plätze, auch wenn ihnen die pralle Sonne an sich nichts ausmacht», sagt Florian Neumann, während er einem seiner Tiere mit der Hand sanft über den Rücken fährt.

Der Oberwiler Biologe hegt und pflegt hier aber nicht gewöhnliche Schafe. Es sind Walliser Landschafe, eine vom Aussterben bedrohte alte Nutztierrasse. Und Neumann nutzt sie auch wirklich. Mit seiner Ein-Mann-Firma Naturpflege Neumann bietet er die Dienste seiner total 130 Walliser Landschafe und Schwarzhalsziegen an. Es ist ein Heer von tierischen Mähmaschinen.

Florian Neumann mit seinen Schafen in Therwil

Florian Neumann mit seinen Schafen in Therwil

Schon 250 Schafe und Ziegen im Einsatz

Überall wo schwieriges Gelände den Einsatz normaler Mähmethoden nicht zulässt und insbesondere in Naturschutzgebieten, wo Wert gelegt wird auf den Erhalt und die Förderung der Artenvielfalt in Flora und Fauna, ist Neumann zur Stelle. Landschaftspflege durch Beweidung heisst der Fachbegriff. Eigentlich ein traditioneller Nebeneffekt der ursprünglich extensiven Landwirtschaft, ist es nun ein spezialisiertes Geschäftsmodell. Und es funktioniert.

Das beweist Neumann zusammen mit seinen Geschäftspartnern Michael Dieterle und Christian Fluri aus Bubendorf, die mit der Naturpflege GmbH seit 2010 Pionierarbeit leisten und Neumanns Angebot perfekt ergänzen. Dieterle ist Arbeitsagoge und betreut Menschen mit psychisch-sozialen Beeinträchtigungen. Seine seltenen Rassen Skudden, Engadinerschafe, Spiegelschafe und Graue Steinziege beweiden ebenfalls Wiesen in der Region, die sonst zuwachsen würden, doch nutzt Dieterle die rund 120 Tiere auch zu Therapiezwecken.

 Zusammen macht das eine Herde von mittlerweile 250 Schafen und Ziegen. In den Anfangsjahren waren es lediglich ein paar Dutzend. In diesem Jahr stiess mit Naturpflege Müller aus dem solothurnischen Bettlach noch ein Bio-Hof dazu, der die Aufträge südlich des Juras übernimmt. Die tierischen Mähmaschinen mögen eine Nische sein, haben sich aber in der Region Nordwestschweiz unterdessen fest etabliert. Das zeigt der Blick auf den Jahresplan der Naturpflege: «Wir sind 2018 ausgebucht», sagt Neumann. Und das müsse auch so sein, verfügen sie doch über keine eigenen Weideflächen. In insgesamt 38 Gemeinden grasen ihre Tiere, 15 davon im Baselbiet (siehe Kasten). Doch die Zahl der einzelnen Flächen ist weit höher, können die Schafe und Ziegen doch selten länger als zwei Wochen am selben Ort bleiben. Und in der Regel wird jede Wiese auch nur zweimal im Jahr beweidet.

Jede Wiese ist anders

Neumann, Dieterle und Fluri sind also ständig auf Achse, um Elektrozäune auf- und abzubauen und die einzelnen Tiergruppen von Ort zu Ort zu transportieren. Anfang Woche verschob Neumann etwa eine Gruppe vom Gymnasium Oberwil zur Ziegelei Allschwil und eine andere von einem weiteren Standort bei der Ziegelei auf ein Areal in Breitenbach. Auftraggeber sind Gemeinden, Kantone oder auch Firmen und Private. «Für jede Fläche erarbeite ich ein passendes Konzept», sagt Biologe Neumann. In Therwil etwa beweiden die 18 Schafe im Auftrag des Kantons seit gut zwei Wochen die Wiese, die in einem Naturschutzgebiet liegt, aber stark zugewachsen ist. «Es ist eine extrem gras- und nährstoffreiche Fläche. Hier muss ich mit den Tieren früh im Jahr kommen, damit es ausdünnt und andere Pflanzen Platz bekommen.» Neumann kam also bereits im März hierher und nun ein zweites Mal seit Mitte Juli. Dieser Tage bringt er noch für knapp zwei Wochen elf Ziegen dazu. «Sie fressen dann noch intensiver die Brombeerstängel und anderes Verholztes, das die Schafe meiden.»

Für den Biologen ist es essenziell, dass seine Auftraggeber ihm vertrauen und sich genau an sein Konzept halten: «Kommen die Schafe zur falschen Zeit, fressen sie nicht gleich gut, was natürlich das Pflegeergebnis beeinflusst.» In Therwil ist der Kanton Baselland Auftraggeber. Schon seit fünf Jahren setzt man hier auf Neumann. «Es hat viele Unebenheiten und wegen dem Birsig einen Hochwasserschutzdamm sowie eine Überschwemmungsmulde in der Wiese», sagt Markus Plattner vom Landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain. Mit einem Balkenmäher wäre es zwar machbar, doch habe die Beweidung Vorteile, da nicht alles gleichmässig gestutzt, sondern die Artenvielfalt gefördert werde. «Auch sind die Kosten vergleichbar», sagt Plattner.

Wollschweine lieben Feuchtgebiete

Der Kanton ist zufrieden, lässt 85 Aren an offenen Flächen von der Firma beweiden und drei Hektaren in Wäldern. Zählt Neumann alle seine Flächen, die er 2018 beweidet aber zusammen, kommt er auf fast 30 Hektare. Dieterle und Müller sogar auf deren 50, was gemeinsam über 100 Fussballfeldern entspricht. Mit dem jetzigen Tierbestand liege gar nicht mehr drin. Dabei steige die Nachfrage weiter. «Seit Herbst 2017 arbeite ich mit der Deutschen Bahn zwischen Lörrach und dem Badischen Bahnhof zusammen», erzählt Neumann. Und Dieterle steckt in Verhandlungen um eine Vertragsverlängerung mit den SBB, die seine Schafe an den Bahnböschungen schon früh für eine Imagekampagne nutzten.

Doch es gibt auch Flächen, an denen selbst Schafe und Ziegen scheitern: Feuchtgebiete. «Schafe können sich dort Würmer einfangen und ihre Klauen werden weich und faulen», sagt Neumann. Die Lösung: Wollschweine. «Im Moment ist es erst eine Idee, doch sie wären perfekt für solche Böden.» Immerhin sei das ganze Leimental ursprünglich ein Sumpfgebiet gewesen, so der Biologe. Auch Partner Dieterle unterstützt die Pläne, die ihm zufolge schon bald Realität werden könnten: «Auf dem Hof der Müllers in Bettlach gibt es schon Wollschweine. Wenn eine entsprechende Anfrage kommt, können wir eigentlich loslegen.»

Auf der Wiese in Therwil hingegen schmeckt es den Walliser Landschafen vorzüglich, auch wenn die bz beim Augenschein vor Ort die Mähmaschinen nicht bei der Arbeit erleben kann. Die Hitze eben. «Sie fressen dafür mehr morgens, abends und in der Nacht», versichert Neumann. Die Produktivität leide nicht. Da haben die Schafe dem Menschen also etwas voraus.