Rosa Vogts Vater versteckte die Gamelle mit der heissen Suppe zur verabredeten Zeit am verabredeten Ort. Dass er sich dabei des Landesverrats schuldig hätte machen können, kam ihm nicht in den Sinn: «Es nahm nie jemand Anstoss an dem, was er tat. Beide Männer hatten eine gewisse Sympathie füreinander.»

Die 97-jährige Allschwilerin Rosa Vogt erinnert sich noch heute an die Freundschaft ihres Vaters Gottfried Kurt mit dem deutschen Reichswehr-Soldaten August Gockeln, die beide 1914 miteinander Wache hielten, jeder auf seiner Seite im «Le Largin», oder «Pruntrutter Zipfel», genannten Grenzabschnitt zwischen der Schweiz und dem Elsass. Zu jener Zeit lag das Dreiländereck ganz in der Nähe zwischen den Ortschaften Pumpfel/Bonfol (Schweiz) und Pfetterhausen/Pfetterhouse (Elsass); die deutsch-französische Grenze verlief entlang der heutigen Gebietseinteilung zwischen dem Département Haut-Rhin und dem Territoire de Belfort.

So früh im Krieg war die Sympathie für das Deutsche Kaiserreich noch relativ intakt, wie sich Rosa Vogt erinnert: «Mein Vater begriff, dass der andere jenseits der Grenze nichts dafür konnte, dass er dort sein musste.» So konnten sich die beiden bei der gemeinsamen Wache nicht nur sehen, sondern auch unterhalten: «Der deutsche Soldat erzählte meinem Vater, wie es in den Schützengräben zugehe ohne etwas zu essen. Und mein Vater dachte sich: Warum soll ich ihm nicht etwas zu essen bringen; wir haben ja davon.» Da er zusätzlich in der Militärküche gearbeitet habe, sei es dem Vater ein Leichtes gewesen, etwas Suppe für den deutschen Kameraden beiseitezuschaffen. So seien sich die beiden auch «als Menschen nähergekommen».

Rosa Vogt erinnert sich an diese Episode aus dem Leben ihres Vaters Gottfried Kurt, Jahrgang 1891, weil es von dieser Soldatenfreundschaft noch ein schriftliches Zeugnis gibt, das Teil der Ausstellung zum Ersten Weltkrieg sein wird, die das Museum.BL in Liestal für November vorbereitet (siehe Box). Dieses Zeugnis ist ein Brief vom 15. April 1948, also nach dem Zweiten Weltkrieg, von August Gockeln, der nach eigener Auskunft damals Förster in Westfalen war. In diesem Brief bittet er Gottfried Kurt, den er trotz der kameradschaftlichen Vergangenheit noch oder wieder mit «Herr Kurt» anspricht, ohne Federlesens um materielle Hilfe gegen die Not im Nachkriegsdeutschland.

«Fehlen tut hauptsächlich: Stoffe, Zwirn, Cacao, Bohnenkaffee, Schuhe, Pfeffer u.s.w.», berichtet Gockeln: Als Förster brauche er dringend «grünlichen Stoff mit Futter zu einer Hose». Und er ergänzt: «Sollten Sie mir nicht zu Pfingsten etwas Pfeffer, Cacao und Bohnenkaffee besorgen können, da wir dann eine Familienfeier haben.» Inwiefern dieser Brief zwischen Verzweiflung und Unverschämtheit schwankt, mag jeder heutige Leser selbst beurteilen.

Der Brief und die Erinnerung Rosa Vogts stimmen beide überein, dass Gottfried Kurt schon nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 seinem deutschen Kameraden nötige Sachspenden zukommen liess. So schreibt Gockeln: «Als dann nach dem verlorenen Kriege die Not in Deutschland gross war, hatten Sie die Freundlichkeit mir Sachen, die in meinem Vaterlande nicht zu haben waren, zu schicken, wofür ich Ihnen noch heute recht herzlich danke.» Rosa Vogt erinnert sich an Faden, Zwirne, Kleider, «was nicht auf dem Acker wächst» - ähnliches also, was auch im Brief nach dem Zweiten Weltkrieg erbeten wird. Nicht im Brief erwähnt sind die Pickelhaube und das aus einem Granatsplitter gefertigte Messer, die Gockeln seinem Schweizer Wohltäter nach dem Krieg schenkte. Rosa Vogt hat heute noch lebhafte Erinnerungen an ihre drei Brüder, die sich darum zankten, wer mit der Pickelhaube spielen durfte.

August Gockelns Brief trägt den Absender «Forsthaus Löwen, Westfalen». Einer von Rosa Vogts Brüdern machte sich vor einiger Zeit tatsächlich in Westfalen auf die Suche nach den Nachfahren von Gockeln. Ohne Erfolg jedoch. Der Brief von 1948 war der erste Kontakt zwischen Gockeln und Kurt seit 30 Jahren. Wie ihre Eltern auf diesen Brief reagierten, kann Vogt heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. Sie hätten nach dem Zweiten Weltkrieg wohl wie viele Schweizer auch «Liebespakete» mit dem Nötigsten nach Deutschland geschickt, ob aber direkt an Familie Gockeln, weiss sie nicht: «Nach dem Zweiten Weltkrieg misstraute man Deutschland.»