Trotz Knieverletzung erschien er zur Arbeit, weil man ihn brauchte, zumindest konnte er in der geschützten Messwarte hinter dem Bildschirm sitzen. Doch dann stieg er im Bau 170 in die Produktionshalle hinab und half dem Anlagewart, einen Behälter zu füllen. Seine Schutzbekleidung trug er, doch durch eine Art Explosion in dem Behälter trat Nebel aus, Essigsäureanhydrid zusammen mit Dimethylacetamid gelangte in seine Lungen und beschädigte das Organ schwer.

Im Basler Unispital versetzte man den Mann ins künstliche Koma, mit dem Gedanken an eine Lungentransplantation verlegte man ihn nach Lausanne.

Handbuch zum «Selbststudium»

Doch eine Spenderlunge fand sich nicht, acht Wochen nach dem Unfall stellte man die lebenserhaltenden Maschinen ab, der 24-Jährige starb.

Der Unfall wäre klar vermeidbar gewesen: Im Inneren des Behälters kam es zu einer elektrostatischen Entladung, Reste aus einer früheren Produktion entzündeten sich. Bis 2012 füllte man die gebrauchten Behälter deshalb mit Stickstoff, um zündfähigen Sauerstoff zu verdrängen. Danach wollte man für entzündliche Flüssigkeiten nur noch ableitfähige Behälter verwenden, durch die Erdung hätte die Gefahr einer Entzündung nicht mehr bestanden. Doch an jenem Tag füllten die zwei Arbeiter einen nicht ableitfähigen Behälter auf, vermutlich durch eine Verwechslung.

Das Strafgericht befragte am Donnerstag auch einen Produktionsleiter zur konkreten Schulung der Mitarbeiter, der Zeuge räumte ein, dass die Prozesse in «Handbüchern zum Selbststudium» beschrieben waren. Eine Praxisschulung an den Behältern selbst gab es allerdings nie.

«Mein Mandant durfte davon ausgehen, dass die bereitgestellten Container zulässig sind. Alle Container auf dem Firmanareal hätten auf Januar 2012 hin ableitbar sein müssen», betonte Verteidiger Carlo Bertossa.

Einzelrichterin Irène Laeuchli allerdings entschied, der 49-Jährige habe nicht überprüft, ob die Erdungslasche am Behälter vorhanden ist. Damit habe er seine Pflichten verletzt, entsprechend gab es – wie von der Staatsanwaltschaft beantragt – einen Schuldspruch wegen fahrlässiger Tötung sowie fahrlässiger Verursachung einer Explosion.

Die bedingte Geldstrafe von 140 Tagessätzen zu 130 Franken liegt eher im unteren Bereich, dazu kommen allerdings Genugtuungszahlungen an die Mutter und den Bruder des Verstorbenen von 25'000 und 7000 Franken. Auch muss er Anwalts- und Verfahrenskosten von insgesamt über 60'000 Franken übernehmen.

Abteilungsleiter freigesprochen

«Die Kleinen hängt man, die Grossen lässt man laufen», fasste Staatsanwältin Sandra Altherr das Dilemma zusammen: Es stelle sich die Frage nach der Mitverantwortung von Vorgesetzten, die nicht direkt am Unfallgeschehen beteiligt waren. Eine einseitige Strafverfolgung des direkt beteiligten Arbeiters sei eines Rechtsstaates unwürdig, kommentierte Altherr. Die Staatsanwaltschaft klagte deshalb auch den 53-jährigen Abteilungsleiter wegen fahrlässiger Tötung an. Der Kadermitarbeiter sei für die Sicherheit verantwortlich gewesen.

Eine konkrete Pflichtwidrigkeit liess sich ihm allerdings nicht nachweisen, die Gerichtspräsidentin sprach ihn deshalb von allen Vorwürfen frei. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.